Für einen sunnitisch-alevitischen Dialog

GASTKOMMENTAR Der Mensch ist wohl schon von Natur aus so veranlagt, dass er sich für andere Menschen interessiert und diese kennenlernen möchte. Egal zu welcher Nationalität, religiösen Gemeinschaft oder sonstigen Gruppe diese auch gehören mögen. Doch dieses Interesse kann mit der Zeit nachlassen. Zum einen, weil wir nicht alle Menschen kennenlernen können und zum anderen, weil wir meinen, bestimmte Gruppierungen ohnehin schon ganz genau zu kennen. Doch damit irren wir uns oftmals! Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, müssen wir zugeben, dass wir über sehr viele Gruppierungen und Religionsgemeinschaften so gut wie gar nichts wissen und dass das, was wir wissen oder besser gesagt zu wissen meinen, leider zu einem großen Teil lediglich aus Vorurteilen besteht.

Und genau dieses mangelnde Interesse, diese mangelnden Kenntnisse und die bereits bestehenden Vorurteile führen schließlich dazu, dass wir nur noch anfälliger werden für weitere, noch schlimmere Vorurteile, Verleumdungen und Diffamierungen.

Das hier Beschriebene kann man leider auch beobachten, wenn es um das Verhältnis zwischen sunnitischen und alevitischen Muslimen geht. Also zwischen Religionsangehörigen, die eigentlich sehr viele Gemeinsamkeiten haben und die sich eigentlich wie Brüder und Schwestern zueinander fühlen müssten. Stattdessen herrschen aber wechselseitig sehr viele Ressentiments, wobei die stärker betroffene Seite die alevitische ist und gegen stärkere Vorurteile zu kämpfen hat. Als Hauptquellen für Vorurteile benannte Immanuel Kant mal die Punkte: Nachahmung, Gewohnheit und Neigung.

Den Menschen in den Mittelpunkt stellen

Dementsprechend kann man sich gegen solche Vorurteile und gegen Verleumdungen von Dritten, die ein Interesse an der Zerstrittenheit zwischen alevitischen und sunnitischen Muslimen haben, nur dadurch immunisieren, dass man aufhört, die unsensible bis feindliche Haltung in seinem Umfeld zu imitieren und anfängt, schlechte Gewohnheiten und Neigungen diesbezüglich zu durchbrechen.

Nur wenn man den Menschen in den Mittelpunkt stellt und versucht, diesen so kennenzulernen wie dieser sich selbst definiert und wenn man versucht, sich in diesen hineinzuversetzen, kann man – wie es der Gelehrte Fethullah Gülen beschreibt – die Schmerzen, die manchen zugefügt werden, als seine eigene Schmerzen wahrnehmen.

Treu zu dieser seiner Haltung gehört auch Gülen zu denjenigen, die schlimme Verleumdungen Aleviten gegenüber aufs schärfste verurteilen und solche als eine „Grausamkeit und Respektlosigkeit gegenüber der Menschlichkeit“ bezeichnen.

Des Weiteren plädiert er auch dafür, dass die alevitischen Cem-Gebetshäuser anerkannt werden und auch einige neben Moscheen errichtet werden sollen.

Ich denke, wenn viel mehr sunnitische Muslime Gelehrte wie Gülen, die es als eine menschliche und muslimische Verantwortung sehen, sich für die Rechte von Aleviten, aber auch anderer Minderheiten einzusetzen, zum Vorbild nehmen würden, wären der soziale Frieden und unser innerer Frieden sehr viel weniger gefährdet.

Im Gegenzug würden mit Sicherheit auch die Vorurteile, die manche Aleviten gegenüber Sunniten haben, abnehmen und die Welt würde vielleicht ein kleines bisschen mehr zu einem Ort werden, an dem man gerne lebt.

Dieser Artikel ist am 11.03.2013 auf www.begegnungen-online.blogspot.de ersterschienen.