Gas und Öl entscheiden über die Zukunft des Arabischen Frühlings

Die beliebte Fassade der arabischen Revolutionen betont bestimmte Werte wie Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Allerdings kann der Übergang in den arabischen Staaten definitiv nicht ohne eine starke Bezugnahme auf das Thema „Energie“ verstanden werden.

Es ist zu erwarten, dass Energie zwei wichtige Rollen in der Zeit nach den arabischen Revolutionen spielen wird: Erstens, sie wird der wichtigste Schlüssel in den Händen der neuen arabischen Regime sein, wenn diese ihre Beziehungen mit der internationalen Gemeinschaft, vor allem mit dem Westen, neu zu definieren suchen. Sie wird ein Schlüsselfaktor hinsichtlich der Dynamik zukünftiger libyscher und ägyptischer Außenpolitik sein. Zweitens, Energie wird die große Dynamik der internen Reformen sein, d.h. es ist wahrscheinlich, dass dadurch innerstaatliche Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen entstehen. Die jüngsten Spannungen zwischen der Nouri al-Maliki-Regierung in Bagdad und der Massoud-Barzani-Administration in Arbil stehen sinnbildlich für die Möglichkeit solcher Entwicklungen. Wer in der Lage sein wird, die Energie-Karte auszuspielen, wird der aussichtsreichste Kandidat für die Führung dieser Länder sein.

Ein kürzlich im „Oil&Gas“-Journal erschienener Artikel von Gawdat Bahgat bietet einen guten Überblick hinsichtlich der Rolle der Energie in der Politik der postrevolutionären Länder im Nahen Osten. Ein Punkt, so wird in dem Beitrag betont, sei besonders bedeutsam: Energie erfordert ernsthafte internationale Investitionen. Mit anderen Worten haben Kommunen wenig oder gar keinen Spielraum zur Stimulierung ihrer Energiemärkte, auch in Bezug auf die Herstellungskosten und die Transportkapazitäten. Da kein Staat wie Ägypten oder Libyen in der Lage ist, die erforderliche Infrastruktur im Alleingang zu schaffen, ist es offensichtlich, dass jeder nach Partnern suchen wird müssen.

Der schnellste Weg auf den Weltmarkt entscheidet

Energie, mit all ihrem auf die Zukunft gerichteten Potenzial, wird die Außenpolitik in einer noch stärkeren Weise beeinflussen als bislang schon, denn diese wird danach streben, den sichersten und einfachsten Weg zu finden, um das lokale Gas und Öl an die globalen Märkte zu bringen. Die jüngsten Versuche Barzanis, Öl über die Türkei auf den Weltmarkt zu bringen, sind dabei besonders bemerkenswert. Wie Barzani wissen viele andere auch, dass der beste Weg, um Öl und Gas zu Geld zu machen, jener ist, sie auf westlichen Märkten anzubieten.

Alternative Ziele sind noch keine aussichtsreichen Alternativen. Iran steht vor ernsten Problemen. Russland, der „Gasriese“, ist noch kein führender Exporteur, wenn man die Exporte in Relation zum Eigenverbrauch setzt, und benötigt deutsche Hilfe. So gibt es im Endeffekt derzeit nur einen Weg: Interdependenz mit den westlichen Märkten. Die Begeisterung der aserbaidschanischen Regierung für die Initiierung der Trans-Anatolien-Pipeline ist ein gutes Beispiel, das die gegebenen Notwendigkeiten illustriert. Länder wie der Iran könnten leicht mit Worst-Case-Szenarien konfrontiert werden, deshalb verlieren sie schnell ihren Status als potenzielle Säulen einer nachhaltigen Energiestrategie.

Energiepolitischer Pragmatismus als Friedensfaktor

Inzwischen sehen es die neuen arabischen Regime auch als Priorität an, Vorkehrungen mit Blick auf die lokalen Akteure des Energiemarktes zu treffen. Um ihr langfristiges Überleben zu garantieren, werden neue Regime wie jenes in Kairo Entscheidungen anstreben, die vor allem ihren Anhängern nützen. Die Unterstützung der früheren säkularen Regime hatte für den Westen nicht nur einen rein politischen Hintergrund. Die säkularen Regime hatten mit dem Westen günstige, langfristige Energie-Lieferverträge geschlossen. Die arabische Öffentlichkeit hat nun zwar islamisch-konservative Parteien an die Macht gewählt, aber die islamischen Eliten werden nur dann eine Chance haben, dauerhaft zu überleben, wenn sie es verstehen, die Energiepolitik in ihrem Sinne zu gestalten.

Man sollte nicht vergessen, dass Energieunabhängigkeit ein wichtiger Pfeiler der islamisch-konservativen Strategie ist. Etablierte Energieunternehme dürften wesentlich toleranter sein gegenüber neuen Partnern aus religiösen Kreisen, wenn sie das politische Risiko sehen, dass in der möglichen Bevorzugung loyaler Kräfte durch die Regierungen bei der Gestaltung neuer Verträge liegt. Aber ironischerweise wird das Engagement im Energiebereich auch die neuen religiösen Akteure verändern, da das Energiegeschäft sehr pragmatische Regeln kennt. Der Wert einer weitsichtigen Energiepolitik liegt über dem Marktpreis für Energieträger. So hat die Energiefrage das Potenzial funktionierende, wenn auch nicht unbedingt herzliche Beziehungen zwischen den Ländern des Arabischen Frühlings und Akteuren wie den USA, der EU und sogar Israel zu schaffen.

Autoreninfo: Gökhan Bacık ist Nahost-Experte und Kolumnist bei „Today’s Zaman”.