Der Vergleich mag geschmacklos sein, trifft aber die Sache: Manchmal entscheiden kleine Fehler einzelner Spieler eine Begegnung. Das Spiel wird dann knapp verloren. Manchmal aber versagt eine Mannschaft kollektiv. Da gehen Mannschaften unter, wie jüngst Brasilien gegen Deutschland beim 1:7.

Auch an der traurigen Eskalation des Konflikts in Israel liegt ein kollektives Versagen vor. An diesem Versagen haben wir eigentlich alle unseren Anteil.

Würde man die Leute fragen, so würde jeder ganz schnell die Schuldigen ausmachen: Entweder würde man den Fokus auf die palästinensischen Raketenangriffe richten und vom legitimen Selbstverteidigungsrecht Israels sprechen, oder von maßloser Überreaktion Israels, die auf Zivilisten so wenig Rücksicht nimmt wie jemand im Sommer, der durch Insekten genervt ist und losschlägt.

Vergegenwärtigen wir uns, was passiert ist: Diesmal fing es am 12. Juni mit der Entführung dreier jüdischer Schüler in einer Siedlung bei Bethlehem an. Sie waren zwischen 16 und 19 Jahre alt und hatten ihr Leben noch vor sich. 18 Tage später, am 30. Juni, werden die Leichen der vermissten Jugendlichen bei Hebron gefunden. Am 2. Juli wird wiederum die Leiche eines verschleppten palästinensischen Jugendlichen in einem Wald bei Jerusalem gefunden.

Unwille hier, Unvermögen dort

Was danach passiert ist, bedarf keiner Erläuterung. Eine Woche später beginnen die Raketenangriffe der Palästinenser und die Luftangriffe der Israelis. Der Stand am 13. Juli: Mindestens 160 tote Palästinenser, darunter 135 Zivilisten. Unter ihnen 30 Kinder.

Natürlich, rege Geschäftigkeit sowohl seitens der Vereinten Nationen wie auch der Arabischen Liga folgen sofort. Aber von beiden hat man in diesem Konflikt eigentlich nichts zu erwarten: Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wird sich wegen des Vetorechts der Vereinigten Staaten zu keinem Beschluss gegen Israel entschließen und die Arabische Liga wird außer heißer Luft nichts Konkretes produzieren.

Und was hat das mit uns zu tun? Ausnahmen bestätigen die Regel, aber man betrachtet die Probleme in der Region nicht unabhängig von der Religion und Nationalität. Es geht nicht um Menschen, es geht um Solidarität mit der eigenen Seite: Muslime haben nicht protestiert, als die drei israelischen Jugendlichen entführt und ermordet wurden. Muslimische Meinungsführer werden hart kritisiert, wenn sie Mitgefühl für tote israelische Kinder äußern.

Andere schauen über palästinensische Opfer hinweg.

Doppelmoral  

Die größte Doppelmoral sieht man bei den muslimischen Ländern, vor allem in deren Politik im Zusammenhang mit dieser Angelegenheit. Israel wird mit großen Worten verurteilt. Man spricht von illegitimen neuen Siedlungen, die mit dem Rechtsempfinden nicht zu vereinbaren seien. Viele sprechen angesichts des aktuellen Bombenregens durch die israelische Armee von Staatsterror.

Aber wenn sie auf sich selbst schauen würden, würden sie erkennen, dass sie viel besser nicht sind: Soll der ägyptische Putsch-General Sisi dem israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu eine Lektion in Recht und Rechtsstaatlichkeit, beim Thema Mäßigung und Augenmaß erteilen? Oder der syrische Präsident Assad? Sie zeigen sich doch selbst bereit, über Leichen zu gehen, sobald es um Macht und Machterhalt geht.

Oder der türkische „Weltführer“ aus Ankara, Recep Tayyip Erdoğan: Zum einen kritisiert er Israel, auch mit drastischen Worten. Er beteuert, es könne keine Normalität in der Beziehung zu Israel geben. Ein Mann, ein Wort. So möchte er gesehen werden, so sehen ihn die eigenen Anhänger. Gleichzeitig gibt es im türkischen Parlament derzeit eine Anfrage, die klären soll, ob die Türkei kurdisches Erdöl nach Israel transportiert oder nicht. Es gibt auch Meldungen, wonach Erdoğans eigener Sohn mit seinen Tankern Erdöl nach Israel transportiert und so beim Geschäft mit Israel kräftig mitverdient.

Es sollte um Menschen gehen

Wenn es um den eigenen Machterhalt geht, kennt Erdoğan kein Pardon, kein Rechtsempfinden. Ihm missliebige Kreise bekämpft er mit allen Mitteln, schreckt nicht davor zurück, auch unter die Gürtellinie zu schlagen, sich bei einer Schach-Partie auch mal als Kick-Boxer zu zeigen. Welche Lektion hätte so ein Politiker Netanyahu zu erteilen? Auf welche rechtsstaatlichen Standards sollte er hinweisen?

Ich meine, Israel verdient Kritik, aber auch Palästinenser, vor allem die Hamas. Solange es der Öffentlichkeit in den regionalen und den westlichen Ländern nicht um Menschen geht, sondern um Solidarität mit den eigenen Leuten; und solange örtliche Machthaber eine doppelzüngige Politik betreiben, Israel öffentlich kritisieren und hinter dem Vorhang fröhlich ihre Geschäfte machen; sich nicht demokratisch benehmen, solange wird wohl diese unendliche Leidensgeschichte weitergehen.

Schade um die Zivilisten dort, um die toten Kinder, um die ermordeten israelischen und palästinensischen Jugendlichen.