Und wenn sich ein Fremdling bei dir aufhält in eurem Land, so sollt ihr ihn nicht bedrücken. Wie ein Volksgeborener von euch soll euch der Fremdling sein, der sich bei euch aufhält, und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn Fremdlinge wart ihr im Land Mizraim; ich bin der Ewige, euer Gott. (3. Mose 19:33-34)

„Merk dir eins mein Junge, die Juden kontrollieren die Welt und versklaven die ganze Menschheit“, sagt mir der Imam meines alten Gebetshauses, wo ich auch meine Kindheit und Teenagerzeit zum Teil verbracht habe, mit warnendem und erhobenem Zeigefinger und weit aufgerissenen, Angst einflößenden Augen. Mit vierzehn.

„Irak, Afghanistan und an allen Kriegen der letzten zweihundert Jahre sind die Juden schuld“, sagt mir mein Coach während des Umziehens in der Kabine beim Fußball Training. Mit sechzehn.

„Ich bin wie ein Jude, ich lüge und betrüge, um zu überleben“, erzählt mein arabischer Klassenkamerad im Klassenzimmer selbstherrlich und teuflisch lachend, wie er im Gerichtssaal auf raffinierte Weise der Richterin eine Lügengeschichte aufgetischt habe, um seinen Hintern aus einem Verbrechen zu retten. Mit achtzehn.

Das sind die Beispiele und Worte von Hasan, eines jungen Mannes, der ein friedvolles Dasein mit Frau und zwei Kindern an einem ruhigen Vorort in einem Einfamilienhaus an einem sonnigen Tag mit Garten und Terrasse verbringt. „Welcher Muslim, der aus einem salafistisch, fundamentalistischen Umkreis kommt und darin seine Erziehung zum Erwachsenen hinter sich brachte kennt sie nicht? Die Sätze, die so oft von alten Herren bei gutem Essen, Zigarette im Munde, brüllend streitend in der Moschee oder im Café ausgesprochen wurden, dass es sich in unser Hirn förmlich eingebrannt hat. Thesen, die dein unbeflecktes Kinderherz schon von klein auf mit so viel Hass und Wut erfüllten, dass das Fundament deines Horizonts auf ganzer Linie gar keine andere Möglichkeit mehr hatte, als Verdorben und kränklich zu gedeihen. Unterstellungen die so feindselig, herablassend, undifferenziert, verbittert und pauschalisierend sind, dass sie auf die Geisteshaltung explosiver wirken als Sprengsätze.“ Hasan hält kurz an und fährt fort: „Warum soll ich es leugnen, ich glaubte damals an diese schwarzen Worte von schwarz beseelten Personen, die einen inbrünstigen Eindruck schon als vierzehnjähriger auf mich gemacht und mich für einige, aber wichtige Jahre in vielen Bereichen des Lebens von Grund auf negativ geprägt haben und beim Separieren von „guter Mensch“ – „böser Mensch“ unansehnlich für Andersdenkende machten?“

Während er das sagt, sag ich so wenig möglich, weil es offenbar nicht wegzudrängende Erinnerungen sind, die wie Schläge eines Schwergewichtsboxers sich ins Mark festsetzten. Auf Fragen wie: „Die Menschen aus Schindlers Liste tun so etwas?“ oder „Das Judentum ist doch eine Weltreligion. Die wurden doch Jahrhunderte lang verfolgt, wir Muslime haben doch damals im Osmanischen Reich vielen Juden das Leben gerettet. Sind das unsere Feinde?“ folgten Antworten wie „Lass dich davon nicht beeindrucken, das ist deren Taktik, so täuschen sie dich“. Damit wurden alle Zweifel mit einem Wimpernschlag wieder glatt gebügelt. Diese Fragen von mir als Junge waren vielleicht nur ein kleiner Schimmer der Hoffnung, hatten jedoch, wie bei den meisten, nur eine kurze Überlebensdauer unter diesen Gegebenheiten. Ich habe es hingenommen wie viele Freunde auch, weil ich diesen Menschen als kleiner Junge und später als Teenager naiv bei allem, was sie gesagt und getan haben, absolutes Vertrauen schenkte und die ganze Umgebung scheinbar diese ins Ohr geflüsterten Dinge, ohne jegliche Differenziertheit umarmte wie einen kuscheligen Teddybären. Hasan, der ziemlich lang, schlank, praktizierender Muslim ist, ein weißes Hemd trägt und als Ingenieur arbeitet, wirkt wie die Harmlosigkeit in Person und hat einen leichten Akzent mit fließendem, intellektuellem Sprachstil. Kurz bevor er immer was sagt, hat er ein sympathisches Stirnrunzeln, das verdeutlicht, dass er seine Worte intelligent filtert, bevor er sie ausspricht und mich ihn an einen jungen Omar Sharif aus dem Film Doktor Schiwago erinnert. „Einige Menschen um mich herum, sei es in der Schule, Freunde, in den Vereinen, ja sogar aus der Familie, haben, wenn es um Politik, Wirtschaft, Medien, Geschichte, Kriege und Macht geht, immer bei allem Leid dieser Welt die Juden als die Schuldigen denunziert und gelegentlich auch aufs heftigste verflucht. Man dachte sich nicht viel dabei als kleiner Junge, man war am Anfang überrascht, später wurde es zur Selbstverständlichkeit, aber das Nachdenken und Entscheiden, was richtig und falsch ist, hat man den Menschen um dich herum überlassen. Wenn es Menschen sind, die dich von klein auf kennen, dich lieben, unterstützen, und aufwachsen sehen, kann es ja nur stimmen, sagte ich mir ohne Widerworte zu geben oder kritisch zu hinterfragen.“

Verrat am Judentum !?

Das alles klang sehr verletzend, war zu viel auf einmal, sah im Kern einseitig aus, war ein gefährliches Territorium, in das er sich begeben hat und könnte sehr polarisierend wirken, Missverständnisse hervorrufen, Beleidigungen aussprechen lassen, Provokation entfesseln, Zorn produzieren, Verallgemeinern statt Differenzieren, mehr spalten als einen und dadurch das genaue Gegenteil von dem hervorrufen, was man eigentlich bezwecken möchte.

„Es waren tatsächlich die Worte eines anderen Imams, der den Stein für den Anstoß der Einhundertachtzig-Grad-Wende ebnete, der leider auch mittlerweile verstorben ist, aber den ich immer als Engel im Herzen tragen werde und dessen weise Worte immer bei jeder Begegnung wie Honig aus dem Munde flossen. Als ich etwas Rassistisches sagte, hörte er das, kam zu mir und sagte mir liebevoll und behutsam wie ein Vater, der seinen Sohn umarmt: „Juden sind unsere Freunde, unser Prophet hat mit Juden zusammengelebt, hast du das gewusst? Unwissenheit schützt uns nicht vor Sünden. Mit Judenhass öffnest du nicht die Tore des Paradieses. Du musst aufpassen, die israelische Regierung vertritt nicht die jüdischen Werte mit ihrer Palästina-Politik, das, was sie den Palästinensern antut, hat nichts mit der Tora gemeinsam. Du als Muslim bist jüdischer als die gesamte israelische Regierung.“

Er verfällt für einen kurzen Moment in einen Schwebezustand der Nostalgie und holt eine Zigarette heraus, die er genüsslich anmacht und lässig an ihr zieht.

„Ich hab mich dann mal mit dem Judentum befasst und dann mit der Politik der israelischen Regierung verglichen. Die Tora sagt explizit: „Du sollst nicht töten“. Israel ist nach eigener Aussage ein jüdischer Staat. Aber die Regierung praktiziert das genaue Gegenteil von dem, was ihre Religion ihr auferlegt. Was ich meine? Zum Beispiel indem man einem ganzen Volk das Land wegnimmt, es aus seiner Heimat verjagt, es diskriminiert, seiner Rechte beraubt, seine Arbeitsplätze besetzt, immer mehr Siedlungen baut, jede Möglichkeit im UN-Weltsicherheitsrat für eine Zweistaatenlösung und damit einem unabhängigen Palästina mit ihren Verbündeten und ihrem Veto blockiert, UNO-Schulen in die Luft sprengt, das größte Freiluftgefängnis der Welt baut und sichert, Wasserversorgungen abschaltet, Kriegsverbrechen begeht und dann so tut, als sein nichts gewesen und so für unzählige tote Muslime verantwortlich ist…es ist eigentlich unerträglich…und ja. Genau daher kommt größtenteils dieser Hass. Dieser Zorn, der einigen Muslimen das Urteilsvermögen trübt und wir mit unserer (berechtigten) Wut weinen, schreien und verurteilen, aber leider manchmal die falschen Leute und eine Religion damit konfrontieren… Und genau DAS hat mein alter Imam gemeint, als er sagte, dass das nichts mit den Werten des Judentums zu tun hat.“

Und genau deshalb kann man als Demokrat, Republikaner, Sozialist, Revolutionär, Freiheitsliebender, Philanthrop, Christ, Muslim, Jude, Vater, Mutter, Kind oder alles in einem gesagt: als Mensch nur gegen diese jetzige israelische Regierung sein.

Und genau deshalb kann man als Demokrat, Republikaner, Sozialist, Revolutionär, Freiheitsliebender, Philanthrop, Christ, Muslim, Jude, Vater, Mutter, Kind oder alles in einem gesagt: als Mensch nur gegen den Antisemitismus sein.

Und genau deshalb: #FREEGAZA #FREEJUDENTUM

Dieser Artikel ist teilweise fiktiv, aber auch ein Mosaik aus unterschiedlichen Gesprächen, Menschen und Erfahrungen, die ich im Laufe des Lebens kennengelernt und geführt habe. Es soll hauptsächlich in irgendeiner Weise dem Menschen dienen und ihn zum Nachdenken anregen. Gleichzeitig ist er auch sehr gewagt, aber zum Glück gehören wir nicht zu der Kategorie Mensch, die ihren Gesellschaftsstatus und ihr Selbstwertgefühl anhand von Facebook-Likes definieren wie so manch anderes nach Aufmerksamkeit brüllendes Wesen.