In Gaziantep versuchten seit 2011 Personen aus 45 Ländern vergeblich, die Grenze nach Syrien zu überqueren, um sich der Terrormiliz IS anzuschließen.
Archiv - In Gaziantep versuchten seit 2011 Personen aus 45 Ländern vergeblich, die Grenze nach Syrien zu überqueren, um sich der Terrormiliz IS anzuschließen.

Üblicherweise freut man sich ja als Gastgeberland, wenn Menschen aus vielen Nationen zusammenkommen, um sich der Pflege eines gemeinsamen Gedankens und der Verfolgung eines gemeinsamen Ziels zu widmen. Etwas anders stellt sich die Lage allerdings dar, wenn dieses gemeinsame Ziel, das die Menschen aus aller Welt vereinigt, der so genannte Dschihad in Syrien ist, und das eigene Land das Transitterritorium sein soll, über welches sie ins bürgerkriegsgeschüttelte Nachbarland gelangen wollen.

Die Türkei gilt als wichtiges Transitland für Freiwillige aus aller Welt, die sich der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) oder dem al-Qaida-Ableger„al-Nusra-Front“ in Syrien anschließen wollen. Besonders der Grenzübergang Akçakale-Tall Abyad gilt als Einfallstor für angehende IS-Terroristen nach Syrien. Entgegen von Kritikern wiederholt vorgetragenen Vorwürfen, Ankara unterstütze insgeheim radikale Gruppen in Syrien, intensiviert die türkische Regierung derzeit Maßnahmen zum Stopp von IS-Freiwilligen. Alleine am Mittwoch nahmen türkische Sicherheitskräfte drei saudische Staatsangehörige und ein Bürger der Russischen Föderation fest, als diese versucht hatten, in der südöstlichen Provinz Gaziantep die Grenze zu überschreiten.

Allen Beteiligten wird der Versuch des illegalen Grenzübertritts mit dem Ziel der Beteiligung an einem Bürgerkrieg zur Last gelegt, heißt es aus dem Büro des Gouverneurs von Gaziantep. Der russische Staatsangehörige wurde bereits aus der Türkei abgeschoben, während die drei saudischen Staatsangehörigen noch bei anhängigem Verfahren in Abschiebehaft sitzen.

Die Festnahmen sind derweil kein Einzelfall. Im Laufe der vorangegangenen vier Jahre wurden der Doğan News Agency zufolge in Gaziantep insgesamt 471 Menschen beim Versuch aufgegriffen, die Grenze nach Syrien über die Türkei zu überqueren. Gegen 269 wurden Strafverfahren wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung eröffnet. Die Türkei verhängte außerdem gegen Tausende Personen, die im Verdacht stehen, sich dem IS anschließen zu wollen, Einreiseverbote.

Gaziantep: IS-Rekruten aus der ganzen Welt

Der Staatszugehörigkeit nach lassen sich die in der Provinz Gaziantep festgenommenen Dschihad-Kämpfer wie folgt aufgliedern: 173 türkische Staatsangehörige, 59 russische, 51 Syrer, 18 Indonesier, 17 aus Ostturkestan, 12 aus Südafrika, elf aus Deutschland, zehn aus Kasachstan, neun aus Mauretanien, jeweils acht aus Usbekistan, Libyen und Österreich, jeweils sieben aus Marokko und Frankreich, sechs aus Jordanien, jeweils fünf aus Tadschikistan und Saudi Arabien, jeweils vier aus Mazedonien, Kirgisistan, Kuwait, Tunesien und Aserbaidschan, jeweils drei aus Turkmenistan, Trinidad und Tobago, den Malediven und Venezuela, jeweils zwei aus China, Italien, Bosnien, Pakistan und Belgien und jeweils eine Person aus Palästina, Nigeria, Kanada, dem Irak, Portugal, der Ukraine, Norwegen, der Schweiz, Spanien, den Niederlanden, Ägypten, Bahrain, Bangladesch und Georgien.

Dieser Zahl stehen jedoch die Tausenden IS-Kämpfer gegenüber, die – so die naheliegende Vermutung – meist über die Türkei in das IS-Herrschaftsgebiet einreisen konnten. Die Türkei und Syrien teilen eine 800 Kilometer lange gemeinsame Grenze.

In der Vergangenheit war der Türkei mehrfach seitens ihrer westlichen Verbündeten vorgeworfen worden, diese würde zu wenig unternehmen, um den Transit von Djihadisten aus Europa durch ihr Territorium nach Syrien zu unterbinden. Die Washington Post interviewte im Sommer 2014 einen IS-Kommandeur in der Türkei, der viele der Vorwürfe gegen die türkische Regierung in Bezug auf die Unterstützung des IS als wahr beschrieb.

Wer stoppt die türkischen IS-Rekruten?

Die Türkei wiederum hat europäischen Staaten und im konkreten Fall speziell Großbritannien vorgeworfen, nicht genug für eine engere Kooperation der Nachrichtendienste zu tun. Diese Kooperation sei jedoch nötig, um im Vorfeld IS-Rekruten zu erkennen und in der Türkei aufzuhalten.

Die Festnahme eines ausländischen Agenten in der Türkei schlug Mitte März hohe Wellen. Der Mann soll drei britischen Teenagern den Weg nach Syrien zur Terrormiliz IS gebahnt haben. Der türkische Außenminister Çavuşoğlu schaltete sich ein.

Der Kampf gegen ausländische IS-Freiwillige ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Einem Bericht der türkischen Zeitung Hürriyet zufolge verfügt der IS mittlerweile in mehreren türkischen Großstädten über funktionierende Strukturen und rekrutiere dort massiv Mitglieder.

Wie offizielle Umfragen zeigen, haben sich bisher 2307 türkische Bürger dem IS angeschlossen, darunter auch viele Minderjährige. Seit 2014 und bis heute meldeten 680 türkische Familien ihre vermissten Kinder, die sich der Terrormiliz anschlossen. Der jüngste Fall: drei Söhne eines türkischen Professors aus Ankara.