Die Grauen des Terrorismus werden in der Türkei leider zum Alltag. Der verheerende Anschlag auf eine Hochzeitsgesellschaft im südosttürkischen Gaziantep am Samstagabend war bereits der vierte Terroranschlag innerhalb einer einzigen Woche. Verübt haben soll ihn ein Kind zwischen 12 und 14 Jahren. Wie die türkische Zeitung Hürriyet berichtet, sollen Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen, wie es von zwei Personen zum Anschlagsort begleitet wurde. Sie hätten sich entfernt, bevor die Bombe detonierte. Die Identität des Kindes, das den Sprengstoffgürtel trug, habe bisher nicht festgestellt werden können.

Inmitten einer kurdischen Hochzeitsfeier riss die Detonation mindestens 54 Menschen in den Tod, 69 weitere wurden verletzt. Besonders erschütternd ist, dass 29 der Todesopfer selbst noch minderjährig waren. Dabei blieb zunächst unklar, ob sich das Kind selbst in die Luft gesprengt hat oder ob der Sprengsatz per Fernzünder ausgelöst worden war. Das Attentat löste international Entsetzen und Anteilnahme aus.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan sagte nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu, es könne sich um einen „Selbstmordattentäter“ gehandelt haben, der sich in die Luft gesprengt habe oder „gesprengt wurde“. Erste Hinweise deuteten darauf hin, dass die Terrormiliz Daesh/IS Drahtzieher des Anschlags war.

Demirtaş: Ziel waren Kurden

Der Chef der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP, Selahattin Demirtaş, sagte, das Ziel seien Kurden und der Bräutigam, ein HDP-Mitglied, gewesen. Nach Medienberichten überlebten Braut und Bräutigam verletzt. Im Beybahçe-Viertel der Millionenstadt wohnen viele aus den Südostprovinzen zugezogene Kurden. Der Anschlag war bei den Feierlichkeiten auf offener Straße verübt worden.

Die türkische Regierung hatte Daesh in der Vergangenheit für zahlreiche Anschläge im Land verantwortlich gemacht. Mehrmals waren offenbar Kurden das Ziel. Daesh bekannte sich jedoch zu keinem der Bombenattentate in der Türkei. Die Terrormiliz übernahm dagegen in der Vergangenheit die Verantwortung so gut wie alle Anschläge außerhalb der Türkei, die sie organisiert hatte, sowie für Morde an syrischen Oppositionellen in Gaziantep. Die gleichnamige Provinz grenzt an das Bürgerkriegsland Syrien. Auf der syrischen Seite kontrolliert Daesh ein großes Gebiet.

Erdoğan verurteilte den Anschlag und sagte, in der Vergangenheit sei die Polizei schon gegen Daesh-Zellen in Gaziantep vorgegangen. Er kündigte an: „Natürlich werden unsere dortigen Sicherheitskräfte diese Einsätze noch intensiver fortsetzen.“ Für Irritationen sorgte in diesem Zusammenhang eine Aussage von Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu, wonach das Hauptziel des IS der türkische Präsident selbst sei. „Wir haben Daesh den bisher schwersten Schlag zugefügt. Denn wir haben knapp 4000 Personen ausgewiesen. Deshalb ist Recep Tayyip Erdoğan das erste Ziel. Es ist nötig, unsere Grenzen vom Daesh zu säubern“, sagte Çavuşoğlu am Montag.

Çavuşoğlu: Keine Versäumnisse im Kampf gegen Daesh

Diese Aussage stieß bei Regierungskritikern auf Ablehnung, schließlich waren es bisher immer politische Gegner Erdoğans oder Unbeteiligte, die vom Daesh getötet wurden. Vor allem Anhänger der pro-kurdischen HDP wurden Opfer terroristischer Anschläge, die Daesh zugerechnet werden, so beispielsweise in Suruç im Juli 2015 oder Ankara im Oktober 2015. Darüber hinaus wird der Regierung vorgeworfen, Daesh-Netzwerke im Land lange Zeit geduldet oder gar gefördert zu haben, sodass die Behauptung, man habe den Terroristen den „schwersten Schlag“ zugefügt, von vielen als unglaubwürdig zurückgewiesen wird.

Çavuşoğlu wiederum sieht keine Versäumnisse beim Kampf der Regierung gegen Daesh. So habe man die Quelle an ausländischen Kämpfern „ausgetrocknet“, indem man sie an der Durchreise über die Türkei gehindert habe. Es seien auch Kämpfer in Haft sagte er, ohne eine Zahl zu nennen. Der Kampf gegen die Terrormiliz werde „bis zum Ende“ weitergeführt, versprach der Außenminister.

Die Bundesregierung sicherte zu, im Kampf gegen den Terrorismus weiter eng an der Seite der Türkei zu stehen. In einem Kondolenztelegramm an Ministerpräsident Binali Yıldırım drückte Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Mitgefühl und Beileid aus. Auch die EU-Kommission und die Nato sicherten der Regierung in Ankara am Sonntag Solidarität zu. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärte in Brüssel: „Wir stehen in dieser schwierigen Zeit in Solidarität vereint mit unseren türkischen Verbündeten.“

Außenminister Frank-Walter Steinmeier sprach von einem „grauenvollen Angriff“. Der französische Präsident François Hollande verurteilte den „schändlichen Anschlag“ ebenfalls. Erdoğan sagte, die Urheber des Anschlags versuchten, das Volk gegeneinander aufzubringen, indem sie „ethnische und religiöse Empfindlichkeiten“ für ihre Zwecke nutzten. (dpa/dtj)