Bitterkalt und dunkel ist es am Abend des 19. Januar in Berlin. Trotzdem stehen gut hundert Leute frierend am Kottbusser Tor im Herzen Kreuzbergs auf dem kleinen Platz zwischen der Reichenberger und der Adalberststraße. Notdürftig beleuchtet von den umliegenden Geschäften sieht man zwischen dem aufsteigenden Atemdampf der Teilnehmer zahlreiche rote Nelken und runde Schilder mit weißer Aufschrift auf schwarzem Grund: „Wir alle sind Hrant. Wir alle sind Armenier“, „Für Hrant. Für Gerechtigkeit“, auf Türkisch, Armenisch, Kurdisch, Deutsch, Englisch. In der Türkei stehen diese Schilder mittlerweile ikonisch für die Trauer um den armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink, der gestern vor neun Jahren auf offener Straße ermordet wurde. An einem Baum prangt sein Konterfei, geschmückt mit Grabkerzen und noch mehr roten Nelken, einem Symbol der Trauer in der Türkei. Aus der Mitte der Menschenansammlung dringt schwer verständlich eine von kratzigen Lautsprechern verstärkte Frauenstimme, die den türkischen Staat anklagt, für den Mord verantwortlich zu sein. Sie fordert Aufklärung und Gerechtigkeit – auch wenn man nicht den Eindruck hat, dass von den Anwesenden noch irgendjemand einen Funken Restvertrauen in die türkischen Behörden hätte und erwarten würde, dass die Hintermänner des Mordes noch zur Verantwortung gezogen werden.

Die Berliner Gedenkkundgebung für Hrant Dink war von keinem Verein und keiner Partei angemeldet worden, sondern nur von Privatpersonen. Nihat Kentel, einer der Organisatoren, legt explizit Wert darauf, dass die Kundgebung nicht parteipolitisch vereinnahmt werden kann. Trotzdem wirkt es, als sei die HDP die einzige türkische Partei, die sich in Berlin aktiv an der Trauer um Hrant Dink beteiligt. Die anklagende Frauenstimme gehört Mehtap Erol, der Sprecherin der HDP-Plattform Berlin. Zusammen mit anderen, darunter Erkin Erdoğan, ebenfalls Sprecher der HDP-Plattform, hält sie ein schwarzes Banner: „Für Hrant. Für Gerechtigkeit – Hrant için. Adalet için“. HDP-Symbole oder andere Abzeichen, die politischen Gruppierungen zuzuordnen wären, sind aber nicht auszumachen.

Dennoch ist offensichtlich, dass viele der Teilnehmer eine Verbindung zur aktuellen Situation der Kurden in der Türkei sehen. Dieser Eindruck entsteht nicht nur durch die kurdischen Aufschriften, die manche der runden Schilder tragen, sondern vor allem dadurch, dass mehrmals auf den Fall Tahir Elçi verwiesen wird. Auch Kentel sieht eine klare Kontinuität von Dink zu Elçi, was der Kundgebung neben der Trauer um einen der wichtigsten Intellektuellen, den die Türkei in den letzten Jahrzehnten hatte, auch eine ganz aktuelle Brisanz gibt. Trotzdem schaffen Veranstalter und Teilnehmer die Gratwanderung, einen Bezug zu aktuellen Ereignissen herzustellen, ohne dass es so wirkt, als würde Dinks Fall für die momentane Auseinandersetzung instrumentalisiert. Nach nicht einmal einer Stunde ist die Kundgebung vorbei, viel mehr kann man von den meisten Teilnehmern bei minus 7 Grad auch nicht abverlangen.

Größer als bei der Kundgebung ist der Andrang ohnehin eine Stunde später im Studio R des Maxim Gorki Theaters in Mitte. Schon vor Veranstaltungsbeginn ist der Saal bis auf den letzten Platz besetzt, selbst der Vorraum ist prall gefüllt mit Menschen, die die Lesung und die musikalischen Beiträge auf einem Bildschirm verfolgen. Abwechselnd lesen die Schauspieler Mareike Beykirch und Mehmet Yılmaz bekannte Texte Hrant Dinks, darunter seinen letzten Artikel, der am Tage seines Todes erschien und in fast vorhersehender Weise die Drohungen gegen ihn und seine Gefährdung thematisierte. Auch wurde anhand der Texte deutlich, dass Dink selbst die Verbindung zwischen dem Schicksal der Armenier und der Kurdenfrage herstellte, die in diesen Monaten schmerzhafter denn je die Türkei zerreißt.

Dazwischen stellt der türkische Musiker Muammer Ketencoğlu Fundstücke aus seiner Sammlung vor: Armenische Musik überwiegend aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert, die er mit kurzen Erklärungen kontextualisiert, wobei sich das Schicksal der Armenier Anatoliens im Jahre 1915 wie ein roter Faden durch die Erzählungen zieht. Die schiere Masse der vorgestellten Stücke strapaziert die Ausdauer so mancher Besucher. Aber schon allein die Tatsache, dass Ketencoğlu Schätze aus den Archiven gehoben hat, die zum Teil noch nie in Deutschland zu hören waren und mit Hintergrundinformationen dazu aufwartet, die man selbst in den Weiten des Internets vergebens suchen würde, rechtfertigt das.

Den kulturellen Höhepunkt des Abends stellt dessen Abschluss dar: Der armenisch-deutsche Schauspieler und Sänger Stepan Gantralyan trägt, von Ketencoğlu am Akkordeon begleitet, armenische Klassiker vor. Der Pathos und die Melancholie in seiner Stimme beeindrucken und geben dem Abend einen würdevollen Abschluss. Die Person Hrant Dink etwas mehr in den Mittelpunkt zu stellen, mehr Informationen zu seinem Leben und Schaffen im türkisch-armenisch Kontext zu geben, hätte dem Abend gut getan. Aber seine Texte und die Geschichten hinter der Musik sprechen bereits für sich: In einem seiner Artikel forderte Dink Türken, Kurden und Armenier dazu auf, gemeinsam zu tanzen und die Lieder der jeweils anderen zu singen. Zumindest an diesem Abend in Berlin ist das passiert.