Gefährlicher Kampf um den öffentlichen Raum in der Türkei

Am Mittwoch legten hochrangige türkische Politiker den Grundstein für Istanbuls dritte Bosporus-Brücke. Ganz bewusst wählte man dabei den 29. Mai aus, denn das ist der Jahrestag der Eroberung Istanbuls durch die Osmanen vor 560 Jahren.

Die beabsichtigte Fügung zweier Ereignisse soll zwischen Eroberung und dem Wiederaufbau eine Verbindung schaffen. Während die höchsten Staatsträger der Türkei auf der Einweihungsfeier der neuen transkontinentalen Brücke verweilten, protestierten hochrangige Politiker der Opposition auf dem Istanbuler Taksim-Platz. Sie lehnten sich gegen den Abriss der Taksim-Promenande und der geplanten Wiedererrichtung der historischen Topçu (Artillerie)-Kaserne auf. Die Topçu-Kaserne steht für eine der dunkelsten Episoden der türkischen Geschichte, doch sind sie sogleich osmanisches Kulturerbe. Die Gebäude stehen symbolisch für die alliierte Besatzung des Landes nach dem 1. Weltkrieg. In den 40er Jahren wurden die Gebäude abgerissen und durch einen unattraktiven Park ersetzt. Die meisten Protestierenden scheinen meiner Meinung nach nicht wirklich viel für den Park zu empfinden. Ich bin sogar der Meinung, dass wohl kaum einer den Park bis dato besucht hatte. Viele sind nur gekommen, weil sie der Regierung Paroli bieten wollen. Sie sehen die Wiedererrichtung der osmanischen Gebäude durch die AKP-Regierung als eine Art Rückeroberung Istanbuls an.

Die Bauarchitektur spiegelt die Philosophie der Regierenden wieder

Die Beziehung von Eroberungen und Wiederaufbau ist so alt wie die Geschichte des Menschen. Sie folgen fast schon einem biblischen und doch natürlichen Muster. Zerstörung wechselt sich mit dem Wiederaufbau von Städten immer wieder vom Neuen ab. Führende Politiker von damals und heute setzen mit dem Wiederaufbau ihrer Stadt einen individuellen Stempel auf. Die Umstrukturierung und Planung von Städten ist Ausdruck eines Wertewandels und einer neuen Beziehung von Mensch und Stadt. Es werden neue Gedanken, Moral und auch religiöse Aspekte implementiert. Die Philosophie der Regierenden manifestiert sich in der Bauarchitektur und damit in den Gebäuden, die letztlich symbolträchtig errichtet werden.

Die regierende AKP baut derweil bedeutende türkische Städte um. Angefangen wird stets bei den zentralen Plätzen einer Stadt. Lange träumte die AKP-Führung davon, in Taksim eine Moschee zu errichten. Das ließ sich allerdings nicht verwirklichen. Nun soll dafür die altehrwürdige Taksim-Kaserne wieder errichtet werden, möglichst sichtbar auf dem Çamlıca-Hügel. Die Kaserne werden aber nicht leer stehen. Ein Shopping-Center wird das neue Projekt vervollständigen.

AKP engagierter als es je eine Partei in der Türkei war

Die AKP ist engagierter als es je eine türkische Partei war. Sie beginnt mit dem Bau der dritten Istanbul-Brücke und dem dritten Istanbuler Flughafen. Der Istanbul-Kanal wird gebaut, um den sich neue Städte entwickeln sollen. Es wird die größte „Health City“ Europas um Istanbul herum gebaut, massenhaft sprießen Bildungs-Institute aus dem Boden, Wohnungen für Neuankömmlinge werden zur Verfügung gestellt, zudem werden neue Straßen, Überführungen, Unterführungen, Einkaufszentren und andere Projekte errichtet.

Was sie nicht weiß, ist, während der Rückeroberung des öffentlichen Raums durch neue Bauprojekte, begibt sie sich selbst auch in einen Wiederaufbau. Ich bin besorgt, was die Zukunft Istanbuls angeht. Der Ministerpräsident sollte besorgt um die Zukunft seiner Partei sein.

Autoreninfo: Kerim Balcı (Jg. 1971) ist Buchautor und Chefredakteur des Magazins ‚Turkish Review‘. In seinen Artikeln befasst er sich in erster Linie mit der türkischen Innen- und Außenpolitik, dem Nahen Osten und dem Interkulturellen Dialog.