Sie nähen unter teils widrigen Bedingungen für den deutschen Markt – Frauen in Südostasien. „Wer das Elend der Frauen gesehen hat, kann nicht so tun, als hätte das nichts mit uns zu tun“, sagte Dr. Gisela Burckhardt (Foto, li.) – Aktivistin und Anne-Klein-Frauenpreisträgerin 2016 in ihrer Dankesrede am 4. März 2016. Die Preisverleihung fand im festlichen Rahmen der Heinrich-Böll-Stiftung und vor großem Publikum statt.

Die Stifterin des Preises, Anne Klein, einst Berliner Senatorin unter Walter Momper, Gründerin des ersten Frauenhauses in Berlin und Initiatorin gerechter Gesetzgebung für gleichgeschlechtliche Partnerschaften, wollte mit dem Preis für herausragende Frauenpersönlichkeiten die Anliegen von Frauen weltweit stärken. Das Konzept des Preises scheint aufzugehen, wie auch frühere Preisträgerinnen verkünden, denn durch die Anerkennung verbesserte sich ihr Bekanntheitsgrad und das Standing ihres jeweiligen Projektes. Geschichte, Ziel und Zweck, sowie die bisherigen Preisträgerinnen sind auf der Website des Anne-Klein-Frauenpreises einzusehen. Die aktuelle Jury wurde noch von Anne Klein persönlich benannt, die im Alter von 61 Jahren an Krebs starb.

Nach einführenden Worten von Barbara Unmüßig und wunderbaren Musikeinlagen von Hanna Tiné hielt Renate Künast eine fulminante Laudatio auf die Preisträgerin 2016, Gisela Burckhardt. Künast begann mit einer Definitionsfrage: Was heißt es eigentlich, „gut angezogen“ zu sein? Und sie beleuchtete die globalen Zusammenhänge zwischen Kleiderkauf, Lieferkette und den Produzentinnen, nämlich den Frauen in Ländern wie Bangladesch, die in unwürdigsten Zuständen leben und arbeiten müssen und der Ausbeutung schutzlos ausgeliefert sind.

Nach der Ausleuchtung des Lebensweges von Gisela Burckhardt wurde allen klar, warum sie in ihrer Biographie logisch die Organisation Femnet gründete und auf internationalem wie nationalem Parkett die geschilderte Situation beheben will, wobei sie die kleinen Schritte der Verbesserung geht. Dabei ist Pragmatismus vonnöten und auch manchmal die bittere Erkenntnis, dass sich eher etwas tut bei den Brandschutzverordnungen für die Gebäude der Näherinnen, als an den Arbeitsbedingungen der Frauen, die teilweise ihre Kinder unversorgt zurück lassen müssen.

Frauen und ihre fehlende Lobby

Ihre Kooperationspartnerin Parvathi Madappa (re.) von Cividep in Indien brachte in einem kurzen Statement den gesamten Missstand auf den Punkt: Wenn die Arbeiterinnen nicht Frauen wären, würde sich ihre Situation verbessern, aber Frauen haben keine Lobby und sind auf Grund ihrer Mehrfachbelastung oft nicht in der Lage, ihre Rechte kennen zu lernen, geschweige denn dafür zu streiten.

Die begleitende Ausstellung „Ich mache Deine Kleidung“ zeigt einige solcher Frauen, die immer noch glücklich sind, überhaupt Arbeit zu haben und dafür auch Arbeitszeiten von 10 bis 12 Stunden täglich in Kauf nehmen, nicht selten dafür in der Fabrik schlafen müssen und teilweise noch als Minderjährige der Ausbeutung ohne jegliche Rechte oder Sicherheit ausgeliefert zu sein.

Bei aller Kleinschrittigkeit machten die beiden Frauen keinen verzagten Eindruck, sondern vermittelten die Ausstrahlung des Weitermachens, weil es einfach sein muss, und richteten den Appell an die Anwesenden, als Multiplikator für die Zusammenhänge zwischen billigem Kleiderkauf – wobei auch Markenware nicht von diesen prekären Produktionsweisen ausgeschlossen ist – und der Ausbeutung von Frauen aufzutreten.

Es wurde deutlich, dass die Karawane neokonservativer Produktionsweisen einfach weiterzieht in das nächste Gebiet mit niedrigen oder fehlenden Standards von Arbeitssicherung und ArbeitnehmerInnenRechten, um die Profite noch weiter zu steigern, wenn die Kunden – also wir alle – nicht ein Bewusstsein für diese Problematik entwickeln und solidarische Handlungsweisen und Kaufentscheidungen treffen.

Der Aufforderung von Burckhardt, das Wissen um diese Zusammenhänge mit dem Hinweis auf Kampagnen wie „Saubere Kleidung“ zu verbreiten, komme ich hiermit nach. Und genau das wäre auch im Sinne der Namensgeberin des Preises, Anne Klein, gewesen. Dass dann immer noch die Frage bleibt, wie Wissen in Bewusstsein und Betroffenheit und somit in aktives Handeln münden kann, das betrifft nicht nur dieses Thema, ist aber umso dringlicher.


Foto: Stephan Röhl