Die PKK rekrutiert Jugendliche. Dabei nutzt sie eine perfide Langzeitstrategie. Im Visier der Terrorgruppe: kurdische Familien und religiöse Werte.

Der Osten Anatoliens und besonders die von Kurden bewohnten Städte und Dörfer gelten seit jeher als erzkonservativ. In den oft bitter armen Regionen herrschen bis heute traditionelle Familienstrukturen und der Kontakt zwischen den Geschlechtern unterliegt strengen Regeln.

Im Kampf um politischen, ökonomischen und sozialen Einfluss hat die PKK sich nun in vielen kurdischen Gebieten als Verfechterin von Freiheit und Frauenrechten und damit als vermeintliche Alternative zum konservativen Islam in der Region stilisiert. Doch dass die PKK die kurdischen Jugendlichen selbstlos von den scheinbaren Fesseln ihrer Familien befreien will, ist wie auch schon im Fall der westlichen Vorbilder im Kampf um die „gesellschaftliche Emanzipation“ zweifelhaft.

Wie bereits der westeuropäische kommunistische Vordenker Wilhelm Reich in seiner Schrift „Die sexuelle Revolution“ (1932) geschrieben hat, ist „eine der Hauptaufgaben der sozialen Revolution die Aufhebung der Familie“, denn wenn die Familie ideologisch oder strukturell festgehalten werde, werde das Kollektiv und somit die übergeordnete politische Einheit in ihrer Entwicklung gebremst. Im Klartext: Die Familie, insbesondere die religiöse, ist für totalitäre Kräfte ein potenzieller Störfaktor im politischen Kampf und muss deshalb beseitigt werden.

Die türkische Zeitung Today’s Zaman veröffentlichte am Montag einen Bericht, in dem mehrere Wissenschaftler die Langzeitstrategie der PKK in Bezug auf die kurdische Gesellschaft analysieren. Sie warnen einerseits vor dem Missbrauch des Islam durch die PKK und dem wachsenden Einfluss der PKK auf Teile der kurdischen Bevölkerung.

Die PKK als selbstlose Anwältin der kurdischen Frauen?

Die Terrororganisation bekämpft dem Bericht zufolge die traditionellen, konservativen Familienstrukturen und strebt die Schaffung einer vermeintlich liberaleren, kurdischen Parallelgesellschaft an. Dabei setzt sich die PKK offiziell auch für die Rechte der kurdischen Frauen ein. Doch was nach einer Gesellschaftsreform nach westlichem Vorbild und einer Neuauflage der 68er-Revolte klingen mag, ist den in Today’s Zaman zu Wort kommenden Experten nach in Wahrheit Teil einer langfristigen Rekrutierungsstrategie der PKK.

Wie überall auf der Welt wollen auch die kurdischen Eltern in der Türkei nicht, dass ihre Kinder in den Krieg ziehen und dort ihr Leben verlieren. Die traditionellen Familienstrukturen – so streng und veraltet sie bisweilen auch sein mögen – schützen oft die perspektivlosen Jugendlichen vor dem schädlichen Einfluss Dritter und bewahren sie somit nicht selten vor dem sicheren Tod in den Bergen.

Um die kurdischen Jugendlichen ihrer familiären Obhut entziehen und sie so leichter zum Anschluss an die PKK manipulieren zu können, propagiert die Terrororganisation in den kurdischen Regionen der Türkei dem Zeitungsbericht zufolge in Südostanatolien Slogans wie „Freiheit für Frauen“ und einen liberaleren Islam.

Halil İbrahim Bahar, Experte an der türkischen Denkfabrik Ankara Strategy Institute (ASE), sagte gegenüber Today’s Zaman, die PKK versuche durch die Schaffung einer alternativen kurdischen Gesellschaft einen Parallelstaat in der Region zu errichten. Durch die Betonung der Eigenständigkeit der kurdischen Frauen von ihren Familien und unter dem Deckmantel der Frauenrechte versucht die PKK, neue Familienstrukturen zu erschaffen, die ihrer Ideologie entsprechen und ihren Zwecken dienen, so Bahar. Der Experte warnte davor, dass die Frauen durch die PKK niemals „befreit“ werden, sondern letztlich in die Berge gelockt und in die eigene PKK-Hierarchie eingebunden würden.

Experten warnen davor, dass die Frauen durch die PKK niemals „befreit“ werden, sondern letztlich in die Berge gelockt und in die eigene PKK-Hierarchie eingebunden würden. (zaman)

PKK und der Islam: Instrumentalisierung und gleichzeitige Schwächung

In den letzten Jahren ließen sich in Bezug auf die Religion im Südosten der Türkei Entwicklungen beobachten, die in direktem Zusammenhang mit der Langzeitstrategie der PKK gesehen werden: So etwa die Schwächung religiöser Werte innerhalb der kurdischen Gesellschaft, die schrumpfende Zahl von Kurden, die regelmäßig Moscheen besuchen und die steigende Anzahl an Frauen, die kein Kopftuch mehr tragen.

Der Chef des Instituts für Sozialwissenschaft der staatlichen Van Yüzüncü Yıl Universität, Zeki Taştan, erklärte gegenüber der Zeitung, dass die PKK gezielt die moralischen Werte der kurdischen Jugendlichen negativ beeinflusse. So versuche die PKK anscheinend Spannungen und ein Entfremden zwischen der konservativen Elterngeneration und ihren Kindern zu erzeugen, um die Jugendlichen sozial weitgehend von ihren Familien zu isolieren. Der Einschätzung des Wissenschaftlers zufolge ist die Veränderung der sozialen Struktur besonders in Kleinstädten wie Hakkari und Şırnak deutlich zu beobachten. Aber auch in großen Städten der Region wie Mardin, Diyarbakır oder Van seien bereits erste Veränderungen der Sozialstruktur zu erkennen.

Die PKK scheint bei ihrem „Kampf um die Köpfe“ großen Druck auf die Familien auszuüben. Mehrere Polizeioffiziere in der Region berichteten, dass seit dem momentan laufenden Friedensprozess zwischen der türkischen Regierung und der PKK auf kurdischen Familien ein nie dagewesener Druck seitens der PKK laste. Familien, die sich gegen die zunehmende Einflussnahme der PKK auf ihre Kinder, speziell auf ihre Töchter, wehrten und die Polizei kontaktierten, erhielten daraufhin oft Morddrohungen. Viele Familien hätten sich aus Angst vor den schwerbewaffneten PKK-Einheiten dem Willen der PKK gebeugt und ihre Kinder der Terrororganisation übergeben müssen.

Die PKK definiert sich selbst als marxistisch und hat entsprechend ein kompliziertes Verhältnis zur Religion. Doch in der gesellschaftlichen Langzeitstrategie der PKK nimmt die Religion – bzw. deren Instrumentalisierung und gleichzeitige Schwächung – einen wichtigen Platz ein.

PKK-Imame sollen Diyanet verdrängen

Um den kurdischen Nationalismus zu beflügeln, argumentierte die PKK in der Vergangenheit, dass sich das kurdische Volk von den Türken nicht nur in der Sprache und Kultur, sondern auch in der Religion unterscheide. Die PKK habe daher teilweise sogar den Zoroastrismus befürwortet, so der türkische Soziologe Necati Alkan in Today’s Zaman.

Nachdem die PKK von konservativen kurdischen Bevölkerungsteilen keine Unterstützung erfahren hatte, begann die Terrororganisation dem Bericht nach damit, den Islam bewusst in ihre Politik einzubeziehen. So passte sie nach dem Erstarken des konservativen Islams in der Türkei während der 1980er-Jahre auch ihr Auftreten an diese Entwicklung an.

Der Soziologe Necati Alkan erklärte darüber hinaus, dass die PKK bereits eigene Propaganda-Teams, bestehend aus PKK-freundlichen Imamen, gebildet habe und bei den Beerdigungen gefallener PKK-Kämpfern bewusst religiöse Zeremonien abhalte und eigene Imame zu PKK-Demonstrationen schicke. So will die PKK Alkan zufolge die Anerkennung der eigenen Imame innerhalb der kurdischen Bevölkerung erreichen. Er warnte auch davor, dass die Terrororganisation in Urfa eine theologische Akademie plane und in der Provinz Tunceli eine religiöse Akademie für kurdische Aleviten errichten wolle.

Der ASE-Experte Bahar wies auf die gängige Beschuldigung der PKK hin, die von der staatlichen Diyanet İşleri Başkanlığı (Präsidium für Religionsangelegenheiten, kurz Diyanet) entsandten Imame seien türkische Spione. Die PKK versuche so, das Vertrauen der kurdischen Muslime in die offiziellen religiösen Einrichtungen der Türkei zu untergraben. Gleichzeitig errichte die PKK eigene Moscheen und stellt dort eigene Imame, so Bahar.

Die Zahl der potentiellen Opfer der PKK-Langzeitstrategie ist gewaltig: „Der Bevölkerungsanteil von Jugendlichen in Van, Tunceli, Hakkari und Ağrı (…) ist 50 Prozent höher als im Westen (der Türkei). Und dieser Anteil wird in den kommenden Jahren noch wachsen“, so der Sozialwissenschaftler. Die türkische Regierung muss nun schnellstmöglich einen Weg finden, den Bestrebungen der PKK endgültig Einhalt zu gebieten, ohne dabei aber den Friedensprozess zu gefährden.

Wie ernst die Lage ist, zeigt die Tatsache, dass die PKK seit Beginn des Friedensprozesses mehr als 2000 neue Kämpfer rekrutierte – viele davon Jugendliche.

Hier mehr über die Gründe, warum kurdische Jugendliche sich der PKK anschließen und in die Berge gehen: Eine Studie der Anti-Terrorabteilung der Türkei und ein Statement des Polizeichef von Diyarbakır.