Viele Besucher schleichen die Treppen über zwei Stockwerke nach oben. Die meisten tragen Kopfhörer und lauschen der Geschichte des Museums für Islamische Kunst. Eine riesige Karte mit Fundorten um das arabische Meer, um das Mittelmeer empfängt sie. Einige mögen die Vorstellung haben, was sie dort vorfinden werden: Gebetsnischen, Wandteppiche,  Fliesen mit arabischer Kalligrafie, auf keinen Fall Bilder, denn die sind ja im Islam verboten. Und alles klar getrennt von westeuropäischer Kunst. Aber entspechen diese Clichés überhaupt dem was im Museum zu sehen ist? Und existiert eine solche strickte Trennlinie überhaupt?

Der neu eröffnete Museumsparcours im Berliner Museum für Islamische Kunst sagt: Nein. Er eröffnet nun eine neue Sicht auf diese Objekte. Kurze Wandtexte, digitale Angebote und Verweise auf verwandte Objekte spannen nicht nur ein Netz innerhalb des Museums. Sie zeigen auch Beziehungen zu Objekten in anderen Museen auf und durchbrechen damit die Museumsmauern genauso wie die Mauern in unseren Köpfen. Die Kunstobjekte reflektieren Handelsbeziehungen, religiösen Austausch sowie den Transfer von Wissenschaften. Drei Jahre lang arbeitete ein Team um Dr. Vera Beyer und Isabelle Dolezalek am neuen Museumsparcours. Ihr größter Wunsch sei es gewesen, ihre Erkenntnisse in die Dauerausstellung des Museums integrieren zu können.

Drei Signalhörner, geschnitzt zwischen dem 10. und dem 12. Jahrhundert. Keiner weiß, wo sie ihren Ursprung haben, aber man schätzte sie an arabischen, griechischen und anderen europäischen Höfen. Einige waren Teil von Kirchenschätzen und Schatzkammern. Als man diese Schätze im 19. Jahrhundert auf verschiedene Sammlungen aufteilte, gelangte eines jener Hörner in das Deutsche Historische Museum, eines ins Museum für Byzantinische Kunst und das dritte ins Museum für Islamische Kunst. Ein Drehrad vor dem Objekt zeigt, wie schwer es ist, die drei Hörner voneinander zu unterscheiden.

Ein anatolischer Teppich im Museum für Islamische Kunst ist Zeuge weit zurückreichender Handelsbeziehungen. Der Maler Hans Holbein der Jüngere porträtierte 1532 den Kaufmann Gisze mit solch einem anatolischen Teppich, dessen Knüpfkunst seine Funktion als Sammel- und Prestigeobjekt repräsentiert. Seit dem 19. Jahrhundert sind sie als „Holbein-Teppiche“ bekannt. Im Parcours wurde ein Podest aufgestellt, auf der das Gemälde Holbeins samt Erklärungen abgedruckt ist. Mit einem blauen Pfeil wird auf die Gemäldegalerie verwiesen, wo das Bild im Original zu betrachten ist.

Das Lieblingsobjekt von Isabelle Dolezalek ist die aus dem heutigen Iran stammende Tierkreisplatte (Foto). Tiere der Sternzeichen, die wir heute auch in Europa noch benutzen. Eine Inschrift verrät das Jahr 971 und den Künstler Abd al-Wahid. Doch welche Funktion sie gehabt haben könnte, bleibt bis heute im Dunklen. Das Forschungsteam schlägt den Besuchern verschiedene Erklärungen vor: Kalender, Sternenuhr, Schmuck oder Wahrsageplatte. Abgestimmt wird mit 1 bis 10 Centstücken: Demokratie als Forschungsmethode. Konkrete Vorschläge können allerdings auch per Mail an das Forschungsteam geschickt werden.

Beantwortet der Parcours also nun die Frage, was islamische Kunst ist? Das kann er gar nicht, da diese Eingrenzung erst im 20. Jahrhundert konstruiert wurde, um Sammlungen zu sortieren und kategorisieren. Er will die Frage aber auch gar nicht beantworten. Vielmehr sollen die Besucher und Besucherinnen des Museums für Islamische Kunst angeregt werden, über diese Kategorien, die nicht nur Objekte voneinander trennen, nachzudenken. Beim nächsten Gang zum Museum für Islamische oder byzantinische Kunst sind sie vielleicht schon brüchiger.


Ein Kurzfilm zeigt den Ausstellungsparcour und die Hintergründe des Projekts „Gegenstände des Transfers“ in der Dauerausstellung des Museums für Islamische Kunst (Staatliche Museen zu Berlin). Der Parcours ist im Pergamonmuseum täglich zu sehen. Die Öffnungszeiten sind: Mo, Di, Mi, Fr 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Sa und So 10 – 18 Uhr.