Jeder hat schon einmal für sich die Beobachtung gemacht, dass die Menschen im eigenen Umfeld immer weniger Geld in der Tasche haben. Man hat wahrscheinlich auch beobachtet, dass in einer Familie die Eltern arbeiten gehen müssen, damit sie über die Runden kommen. Dabei reichte früher das Gehalt des Vaters völlig aus, um eine ganze Familie zu ernähren.

Grundsätzlich können Sie sich folgende Regel merken: Wenn Sie persönlich eine Beobachtung machen, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass ihre persönliche Beobachtung nicht für die Allgemeinheit gilt. Wenn aber mehr Menschen in ihrem eigenen Umfeld die gleiche oder ähnliche Beobachtung machen, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass ihre persönliche Beobachtung mindestens für eine große Gruppe von Menschen gilt.

Medien konstruieren Vorurteile als Tatsachen

In diesem Fall müssen Sie trotzdem vorsichtig sein. Denn es kann nicht ausgeschlossen werden, dass eine ganze Gruppe sich irren kann. Politische Interessengruppen können durch eine kluge Öffentlichkeitsarbeit und mithilfe der Massenmedien eine Hysterie verbreiten, bei der eine falsche Beobachtung durch die Massen als eine Tatsache wahrgenommen wird.

Beispiele gefällig? „Das Boot ist voll“, „Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“, „Frauen können kein Auto fahren“, „Hartz4-Empfänger sind faul und wollen nicht arbeiten“, „Die Reichen werden reicher“, „Die Deutschen sterben aus“, „Der Westen ist neidisch auf die Erdoğan-Türkei und möchte sie sabotieren“, „Lügenpresse“, „Deutschland ist immer noch durch die USA annektiert.“ Die Kette könnte nahezu endlos fortgesetzt werden.

Amtliche Statistiken bestätigen die Entwicklung

Wenn Sie die oben beschriebene Regel unter dem Vorbehalt des Irrtums beachten und anwenden, dann darf ich Ihnen gratulieren: Sie haben nämlich einen großen Schritt in Richtung der Soziologie gemacht.

Wenn Soziologen soziale und ökonomische Phänomene in der Gesellschaft verstehen wollen, dann spielen auch die Meinungsbilder der Menschen eine sehr wichtige Rolle, wie sie beispielsweise durch Markt- und Meinungsforschungen erhoben werden.

In manchen Fällen sind aber andere Quellen bedeutsamer. Um die Frage zu beantworten, ob die Menschen weniger Geld in der Tasche haben, sind die amtlichen Statistiken wichtiger als Ergebnisse aus einer Meinungsforschung.

Und die amtlichen Statistiken zeigen, dass den Menschen in der Tat immer weniger Geld in der Tasche bleibt. Beachten Sie dazu bitte die Tabelle unten. Demnach sind die Löhne kontinuierlich gestiegen. Dies zeigt der Nominallohnindex. Allerdings zeigt der Verbraucherpreisindex, dass die Verbraucherpreise ebenfalls kontinuierlich und insgesamt schneller angestiegen sind. Das Verhältnis von Nominallohnindex und Verbraucherpreisindex ergibt den Reallohnindex. Und der Reallohn bestimmt maßgeblich die Kaufkraft der Erwerbstätigen.

Reallohnentwicklung_BPB

Arbeit wird knapp, Geld wird knapp!

In der Tabelle können wir den Reallohnindex in drei Abschnitten unterteilen. Von 1991 bis 2004 ist der Reallohn insgesamt gestiegen, wenn auch nicht kontinuierlich. Zwischen 2005 und 2009 blieb er über einige Jahren auf niedrigem Niveau stabil. 2011/12 stellen wir fest, dass der Reallohn wieder leicht gestiegen ist.

Das Problem aber ist, dass von 1991 bis 2012 die Verbraucherpreise kontinuierlich und manchmal auch schneller als die Nominallöhne gestiegen sind. Kurz: Mit der gleichen Menge Geld haben die Menschen weniger Waren und Dienstleistungen kaufen können.

Ihre subjektive Beobachtung also, die ich eingangs versucht habe, in Worte zu fassen, kann durch die amtlichen Statistiken bestätigt werden. Wenn man die Daten genauer betrachtet, dann gibt es einige Unterschiede: Von dieser negativen Entwicklung sind Migranten wahrscheinlich stärker betroffen als Einheimische, Frauen stärker als Männer, Geringqualifizierte stärker als Hochqualifizierte usw.

Lohnt sich Arbeit noch?

Soziologen, Statistiker und Ökonometriker, Betriebswirte und Volkswirte und viele andere Experten bieten unterschiedliche Erklärungen für die Entwicklung an. Als Trendforscher interessiere ich mich ungemein für sie!

Aber viel wichtiger und spannender ist für mich die Perspektive nach vorne: Denn eine Entwicklung, die seit 25 Jahren relativ stabil ungünstig verlaufen ist, wird sich mit einer großen Wahrscheinlichkeit auch in den nächsten Jahren fortsetzen. Irgendwann kann es wirklich plakativ heißen: Arbeiten lohnt sich nicht.

20:80-Gesellschaft – ein Zukunftsmodell?

Seit geraumer Zeit wird in der Trend- und Zukunftsforschung die so genannte „20:80-Gesellschaft“ prognostiziert: 20% der Bevölkerung werden mit ihrer aktiven Erwerbsarbeit 80% der Bevölkerung finanzieren und alimentieren. Bitte fassen Sie diese Prognose keinesfalls als eine Tatsache auf, sondern als eine These bzw. eine gut begründete Vermutung von Experten über die künftige Entwicklung unserer Gesellschaft.

Denn in der Tat können wir einige weitere Entwicklungen beobachten, die diese These unterstützen. Zum Beispiel wird in Deutschland die Arbeit knapp, um es plakativ auszudrücken. Seit den 1960er Jahren bis heute erbringen die Deutschen 57 Milliarden Arbeitsstunden pro Jahr. Allerdings hat sich die Zahl der Erwerbstätigen verdoppelt.

Paradox: Wir benötigen eine großangelegte Einwanderung

Wurden in den 1960er Jahren diese 57 Milliarden Arbeitsstunden durch 26 Millionen Menschen erbracht, ist die Zahl der Erwerbstätigen auf über 44 Millionen gestiegen, die alle nach wie vor 57 Milliarden Arbeitsstunden ableisten. Dies erklärt die subjektive Wahrnehmung vom alleinverdienenden Familienvater zu doppelverdienenden Haushalten.

Hinzu kommen weitere Entwicklungen wie die Abnahme der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse, die durch Honorarkräfte oder Teilzeitkräfte ersetzt werden. Dies wiederum erklärt, warum die Zahl der erwerbstätigen Personen von 26 Millionen 1960 auf 44 Millionen heute angestiegen ist.

Das paradoxe dabei ist, dass die abnehmende Einwohnerzahl im Rahmen des demografischen Wandels diesen Effekt gar nicht relativiert. Im Gegenteil die deutsche Wirtschaft ist auf Einwanderung angewiesen – und zwar auf hohem Maße.

Keine Panik! Der Kapitalismus regelt sich selbst…

Weitere Gründe für diese Entwicklungen sind im Wertewandel zu finden: Erwartungen wie Gleichberechtigung der Geschlechter, Selbstverwirklichung, Hedonismus usw. erklären wiederum, warum über die vergangenen Jahrzehnte immer mehr Menschen in den Arbeitsmarkt eingetreten sind. In der Arbeit selbst oder durch den Verdienst können sie sich selbst verwirklichen.

Was muss jetzt geschehen!? Versuchen die Uhr zurückzudrehen? Arbeit gleichmäßig auf alle Erwerbspersonen verteilen? Menschen vorgeben, wie sie ihr Leben führen sollen?

Zunächst einmal: Keine Panik! Ich persönlich gehe zunächst davon aus, dass die soziale Marktwirtschaft diese Veränderungen selbst regulieren wird. Nun könnte man mir vorwerfen, ich sei ein Kapitalist. Damit hat man sogar Recht. Allerdings funktioniert der Kapitalismus nicht nur nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung, sondern auch nach dem Prinzip der Bedürfnisbefriedigung.

Wenn immer mehr Menschen zum Ausdruck bringen, dass sie für ihre Arbeit angemessen vergütet werden wollen, dann wird sich das politische und ökonomische System diesem Druck beugen. Allerdings wird dieser Transformationsprozess für alle Beteiligten nicht schmerzfrei verlaufen. Und er wird Zeit benötigen.

Keine Alternative zum bedingungslosen Grundeinkommen

In diesem Zusammenhang gehe ich ferner davon aus, dass die Rolle des Sozialstaats sich nachhaltig verändern wird. Das Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe funktioniert nur solange, bis durch die Hilfe die Menschen befähigt werden, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Wenn aber Arbeit knapp wird, dann stößt dieses Prinzip auf Grenzen.

Der Sozialstaat der Zukunft wird meiner Erwartung nach die Bürger alimentieren, ohne sie zur Arbeit zwingen zu können. Bereits heute wird über ein solches Modell diskutiert. Es nennt sich bedingungsloses Grundeinkommen.

Bürger bekommen ohne Bedingungen ein Grundeinkommen durch den Staat. Wenn die Bürger anfangen zu arbeiten und ihr Verdienst das Grundeinkommen übertrifft, dann tritt der Lohn an die Stelle des Grundeinkommens.

Heute kann man sich schwer vorstellen, dass ein Mensch ohne Arbeit Geld erhalten soll, ohne dass man ihm Missbrauch des Sozialstaats vorwirft. Morgen aber, davon bin ich überzeugt, wird das Grundeinkommen oder ein ähnliches Modell alternativlos bleiben.

Kamuran Sezer, Jg. 1978, ist Trend- und Zukunftsforscher. Mit seinem futureorg Institut berät und forscht er zum Wandel in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Weitere Informationen unter www.kamuran-sezer.com