Geld verändert die türkische Metropole

Das Geld verändert die türkische Metropole

In Istanbul wird kräftig investiert. Das Geld verändert sowohl das Aussehen der Stadt als auch die Menschen, die in ihr leben.

Der Hauptverkehrsflughafen Istanbuls ist ein gutes Beispiel für die massiven Investitionen in türkische Unternehmen speziell in der größten Stadt des Landes. Im März kaufte Aeroports de Paris für 874 Millionen Dollar vom türkischen Flughafenbetreiber TAV Havalimanlari Holding AS (TAVHL) einen Anteil in Höhe von 38 Prozent. TAV unterhält den internationalen Flughafen Istanbul-Atatürk, der als einer der verkehrsreichsten Flughäfen der Welt gilt, sowie Terminals in Lettland, Mazedonien, Tunesien und Saudi Arabien.

Im April stimmte die Goldman Sachs Group Inc. (GS) zu, 240 Millionen Dollar für 13 Prozent der Unternehmensanteile an der Aksa Enerji Uretim AS (AKSEN) zu zahlen, dem größten nichtstaatlichen Stromerzeuger der Türkei.

Der Wohlstand, der mit dieser Art des Wachstums einhergeht, verändert Istanbul. Neue Bauten sind in der ganzen Stadt zu erkennen. Neben Apartmentanlagen, Villen und Hotels entstehen auch exklusive Kebab-Läden, Restaurants und Bars.

Vorstandsvorsitzende und andere Führungskräfte werden vom einem Milliardärs-Club angezogen, einem prächtigen, mehrgeschossigen Nachtclub im Edition Hotel, welcher im osmanischen Stil gehaltenes Dekor mit Kronleuchtern und blauem Diskolicht kombiniert.

Nachwuchsführungskräfte hängen im Suada-Club ab, einer menschengemachten Partyinsel inmitten des Bosporus mit einem Schwimmbecken von olympischen Ausmaßen, etlichen Bars und Restaurants. Eine geplante dritte Brücke über den hektischen Bosporus dürfte für die Erschließung eines großen bewaldeten Geländes im Norden Istanbuls sorgen.

Istanbul hat großes Potenzial als Handels- und Finanzmetropole

„Istanbuls Potenzial ist nicht annähernd so bekannt wie es sein sollte“, sagte der Vorstandsvorsitzende der HSBC Bank in der Türkei, Martin Spurling, während einer Finanzkonferenz am 13. Juni in Istanbul.

„Ich hatte keine Ahnung wie bedeutend Istanbul war, bis ich hier eingesetzt wurde“, sagt er. Und weiter: „Ich war begeistert. Hinsichtlich der Lage, der Geschichte, der Kultur, dem menschlichen Potenzial und der Gastfreundschaft ist Istanbul ein ausgezeichneter Kandidat für ein internationales Finanzzentrum. Das müssen wir der Welt nun deutlich zeigen.“

In der Vergangenheit hatte Ministerpräsident Erdoğan mehrere Megaprojekte entwickelt, welche jedoch oft ins Stocken gerieten. Eine Schnellstraße zwischen Istanbul und der drittgrößten türkischen Stadt Izmir ist noch immer unvollendet. Das nun in Istanbul geplante Internationale Finanzzentrum (IFC) ist ein Werkzeug in Erdoğans Kampagne, politische bzw. handelspolitische Beziehungen mit den Balkanstaaten, den Golfstaaten und mit den Ländern Nordafrikas, wovon einige noch auf das Osmanische Reich zurückgehen, voll auszuschöpfen.

In Europa steht der Euro auf dem Spiel, in der Türkei der Ruf der Regierung

Kritiker warnen jedoch auch vor möglichen Verzögerungen bei türkischen Großprojekten. So bestand Erdoğans Plan für den 30 Milliarden Dollar teuren Istanbul-Kanal über weit mehr als 18 Monate hinweg nur auf dem Papier. Auf ähnliche Probleme stieß man beim Verkauf von staatlichen Gas-Pipelines und Betriebsrechten für mautpflichtige Straßen.

„Ich wünschte, sie würden ihren Fokus stärker darauf ausrichten, wie man die globale Wettbewerbsfähigkeit und die institutionelle Rangordnung der Türkei steigert“, sagt Murat Ucer, ehemals mit der türkischen Zentralbank verbunden, nun ein Berater in Istanbul für Global Source Partners, eine in New York ansässige Unternehmensberatung im Bereich Wirtschaft. „Das Bildungswesen kann optimiert werden. Wir haben mehr zu bewerkstelligen, um aus Istanbul eine lebenswertere Stadt zu machen. Wir können das Steuersystem verbessern. Wir haben einen weiten Weg vor uns, um diese Dinge anzugehen. Es geht um viel mehr als nur hübsche Gebäude zu errichten.“

Während Europa von der Euro-Krise erschüttert wurde, blieb die Türkei laut Turkish Treasury auf Grund des Zugangs zu anderen Märkten bislang größtenteils unversehrt.

Die türkische Regierung hat die Staatsverschuldung mehr als halbiert, auf weniger als 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. In den Monaten Mai bis Juli war die türkische Lira stabiler als die europäische Währung. Am Erfolg oder Misserfolg von Megaprojekten wie dem IFC-Istanbul oder dem Istanbul-Kanal wird zwangsläufig die Führungsstärke der konservativen Regierung gemessen werden.

„Erdoğan denkt in großen Dimensionen und viele, die ihm seine Stimmen gaben, mögen das“, kommentierte Bulent Aliriza, Leiter des türkischen Programms des Center for Strategic and International Studies (CSIS). „Die Frage ist, ob er all seine anspruchsvollen Projekte realisieren wird. Erdoğan wurde in Istanbul geboren, er wuchs in Istanbul auf. Er war Bürgermeister und er ist eine stark Istanbul-zentrierte Persönlichkeit. Das Finanzzentrum zeigt, wie unglaublich engagiert er ist.“

Projekte wie das IFC sind also Prestigeprojekte und würden das türkische Durchsetzungsvermögen als regionale Macht unterstreichen. Ein großer Teil der Verantwortung fällt einem Premierminister zu, der als Jugendlicher kalte Getränke und Sesambrötchen auf den Straßen Istanbuls verkaufte und sich nicht so einfach entmutigen lässt.

Quelle: bloomberg