Jerusalem Youth Chorus

Kaum eine Woche vergeht in Jerusalem ohne Messerattacken. Die Sicherheitslage ist so schlecht wie schon seit Jahren nicht mehr. Viele Politiker halten einen dauerhaften Frieden derzeit für unmöglich. Doch auf anderen Ebenen gibt es Annäherung zwischen Arabern und Juden, dank Menschen wie Micah Hendler. Der 26-jährige Jude aus den USA leitet in einem Gebäude an der König-David-Straße unweit der Altstadt den „Jerusalem Youth Chorus“: einen Jugendchor mit arabischen Christen und Muslimen aus Ostjerusalem und israelischen Juden aus Westjerusalem.

Für Hendler hat sich mit dem Chor-Projekt ein Traum erfüllt. Die Gruppe vereint westliche, jüdische und arabische Musik, auch gegen Widerstände. „ Zum Teil sind die Familien unserer Sänger gegen unseren Chor und versuchen, die Teilnahme der Jugendlichen zu verhindern“, sagt er. „Und natürlich gibt es auch in der Gesellschaft viele Stimmen, die gegen ein jüdisch-arabisches Programm sind.“

Menschen wollen einander kennenlernen, trotz aller Konflikte

Hendler hat an der US-Elite-Universität Yale studiert und in den USA an Friedenscamps zwischen Israelis und Palästinensern teilgenommen. Dort hat er erkannt, dass der Nahost-Konflikt politisch gesehen recht hoffnungslos ist. Aber Menschen, sagt er, wollten einander kennenlernen, trotz aller Konflikte .„Unser Chor funktioniert durch Menschlichkeit“, erläutert Hendler. „Hier können Teenager sie selbst sein und werden akzeptiert, wie sie sind.“

Trotzdem haben neue Mitglieder im Chor vor allem Vorurteile im Gepäck. Das galt auch für die 18 Jahre alte Georgette Nustas. Die Christin lebt in Ostjerusalem, die meisten ihrer Freunde außerhalb des Chors sind Muslime. „Anfangs war es schwierig. Nur wenige meiner Freunde haben mich unterstützt.“ Ihre Eltern hingegen hätten schließlich die engen Freundschaften überzeugt, die sie im Chor geschlossen habe – mit Juden, Christen, Muslimen. Ähnlich erging es der gleichaltrigen Zoey Tabak. „Ungelogen: In diesem Chor habe ich die besten Freunde meines Lebens kennengelernt, und einige davon sind
Araber“, sagt die Jüdin.

Chor-Leiter Micah Hendler hat vor Beginn des syrischen Bürgerkriegs zeitweise auch in Damaskus studiert und spricht perfekt Arabisch. Das hilft, denn nicht alle der Chormitglieder können sich auf Hebräisch oder Englisch verständigen. Hendler legt Wert auf die vielfältigen Einflüsse in seiner Gruppe: „Dass jeder hier seine Sprache einbringen
kann, zeigt nicht nur, dass jede Kultur hier gleichberechtigt ist.“ Die arabischen Muttersprachler wüssten auch, wie in der arabischen Musik improvisiert werde. Das sei eine Bereicherung für den Chor. Denn so würden John Lennons „Imagine“ oder Adeles „Rolling in the Deep“ kurzerhand mit arabischen Elementen aufgepeppt.

Jerusalem Youth Chorus auf Welttour

Dieses Konzept kommt an – musikalisch und als Signal für den Frieden: Der„Jerusalem Youth Chorus“ wurde bereits in die USA, Japan und England eingeladen. Dort traten die Jugendlichen vor Politikern und in TV-Shows auf.

Aber der Gesang als gemeinsame Sprache reicht für ein freundschaftliches Miteinander nicht aus. Deshalb finden vor dem Singen am Montag auch immer Gesprächsrunden statt, die von Mediatoren geleitet werden. „Normalerweise diskutieren wir die Hälfte der Zeit.
Und da machen wir uns auch die Unterschiede in unserer Gruppe bewusst, packen alles auf den Tisch“, sagt Hendler. „So lernen wir, was uns trennt.“ Nur so könnten die Unterschiede überwunden und eine sinnvolle Zusammenarbeit möglich gemacht werden.

Die 17-jährige Shifra Jacobs teilt diese Ansicht. Die Jüdin berichtet, sie habe früher keine Araber gekannt; zu gering seien die Kontaktmöglichkeiten, zu groß die Vorbehalte gewesen. „Jetzt kann ich mir hier eine eigene Meinung bilden über das, was draußen vor sich geht.“ Ihre arabischen Freunde im Chor seien anders als jene, die draußen auf Juden losgingen. In der Gesangsgruppe sei einfach „jeder normal“. (kna/dtj)