Gürsel Tekin (Foto), Generalsekretär der größten türkischen Oppositionspartei CHP, hat am Donnerstag mit Anschuldigungen für Aufsehen gesorgt, wonach die Regierung plane, in sehr naher Zukunft unter einem Vorwand in Syrien einzumarschieren. Besondere Relevanz bekommen seine Aussagen dadurch, dass Tekin der erste war, der im Vorfeld der Operation „Şah Fırat“ Gerüchte über die bevorstehende Aktion an die Öffentlichkeit brachte, die sich dann als korrekt herausstellten. Bei besagter Operation befreite ein türkisches Kommandounternehmen eingeschlossene Soldaten aus dem Mausoleum Süleyman Şahs, einer türkischen Exklave im Norden Syriens. Nun beruft sich Tekin bei seinen Behauptungen auf dieselbe geheime Quelle, die ihm bereits die Planung von „Şah Fırat“ zugesteckt habe und verwies darauf, dass weder Ansprechpartner im Ministerpräsidentenamt, noch im Außenministerium bisher Stellung zu den Vorwürfen bezogen haben.

Gerüchte sind in größerem strategischen Zusammenhang zu sehen

Tekins Behauptungen wirken plausibler, wenn man die jüngsten Meldungen über die vereinbarte Zusammenarbeit der Türkei mit Saudi Arabien hinzuzieht. Aus türkischen Regierungskreisen wurde kürzlich bestätigt, dass bereits während des Staatsbesuchs Präsident Erdoğans beim neuen saudischen Machthaber König Salman im März ein gemeinsames Vorgehen gegen das syrische Regime beschlossen wurde. Dazu soll eine sunnitische Rebellenkoalition, der auch Gruppen wie Jabhat Al-Nusra und Ahrar Al-Scham angehören, logistisch und finanziell unterstützt werden. Aus Kreisen der Freien Syrischen Armee heißt es, diese Kooperation habe bereits im Verlaufe der letzten Wochen vermehrte Erfolge der Rebellen ermöglicht. Die USA wiederum halten noch Abstand von der Koalition, da sie sich nach Aussage eines US-Vertreters nicht an der Unterstützung radikaler Gruppen wie der Nusra-Front beteiligen wollen. Es ist davon auszugehen, dass diese als Machthaber nicht besser oder gar schlimmer wären, als es Assad im Moment ist.

Kooperation aus geopolitischen Erwägungen

Im größeren Kontext ist die plötzliche Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Saudi Arabien auch durch den Sturz der Muslimbrüder in Ägypten und die Einigung in den Atomverhandlungen zwischen den USA und Iran zu verstehen. Die unterschiedlichen Auffassungen zur Muslimbruderschaft, die die Türkei unterstützt, Saudi Arabien aber als potentielle Gefahr für den eigenen Machtanspruch sieht, waren bisher der Hauptgrund dafür, dass keine Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern zustande kam. Mit deren zunehmenden Bedeutungslosigkeit seit dem Putsch gegen Präsident Mursi erübrigt sich dieses Thema jedoch mittlerweile. An Bedeutung gewonnen hat dadurch die lokale Rivalität zwischen den zwei sunnitischen Regionalmächten und dem schiitischen Iran. Begünstigt wird diese Tendenz noch durch die Entspannung im iranisch-amerikanischen Verhältnis und die passive Rolle, die die USA in dem Konflikt spielen. Es wird gemutmaßt, dass sich sowohl Ankara als auch Riad vom Verbündeten USA im Stich gelassen fühlen und nun einen eigenen Weg planen.

Die USA würden damit in der Region weiter an Einfluss verlieren, wie Joshua Landis, Direktor des Zentrums für Nahost-Studien der Universität Oklahoma. Jedoch könnte sich die Zusammenarbeit mit den sunnitischen Extremisten sowohl für Ankara als auch für Riad noch als zweischneidiges Schwert herausstellen.