
Hundert Jahre Kopfsache – der türkische Streit um einen Hut
Ein Jahrhundert ist vergangen, seit ein Hut die Türkei spaltete – und doch erzählt das kaum beachtete Gesetz dahinter mehr über Macht, Modernisierung und Traditionen als manches Parteiprogram
Atatürks Kampfansage an die Vergangenheit
Der Fez, auch Fes, war bis in die 1920er Jahre Inbegriff türkischer Alltagskultur. Atatürk aber sah in ihm ein Symbol eines rückständigen, vom Westen verspotteten Reiches. Der Hut hingegen sollte die stolze, moderne, republikanische Türkei markieren.
Im Sommer 1925 tourte er durch Anatolien, setzte sich vor staunendes Publikum einen Homburger auf und erklärte: "Meine Herren, man nennt dies einen Hut." Der Fez, verkündete er, gehöre der Vergangenheit an. Wenige Monate später wurde dieser Modetipp zum staatlichen Befehl.
Widerstand – und ein blutiger Sommer
Der Befehl stieß vor allem in Anatolien auf erbitterten Widerstand. Für viele religiöse Männer galt die Hutkrempe als Hindernis beim Gebet – und damit als Affront gegen Gott. In mehreren Städten kam es zu Aufständen. Die junge Republik reagierte brutal. Kriegsschiffe beschossen Demonstranten, Schnellgerichte fällten Todesurteile.
Historiker gehen davon aus, dass zwischen 80 und 90 Männer hingerichtet wurden, weil sie gegen die neue Kopfbedeckung protestierten. Ein Volkslied aus Rize, das bis heute gesungen wird, erinnert an die Ereignisse: "Schieß nicht, Hamidiye, wir setzen den Hut auf…" – die Hamidiye schoss dennoch.
Ein Streit, der bis heute anhält
Hundert Jahre später ist das Hutgesetz immer noch in Kraft – und sogar durch die Verfassung von 1982 geschützt, die Atatürks „Revolutionsgesetze“ für unantastbar erklärte. Erinnerungen an diese Zeit reißen immer wieder Wunden auf.
Als das Kulturministerium in diesem Jahr eine Jubiläumsausstellung zu Atatürks Hüten plante, protestierte ein AKP-Politiker, dessen Großvater in Rize den Aufstand miterlebte. Seine scharfen Worte reichten aus, um die Ausstellung abzusagen.
Kopftuch verboten, Hut geboten
Kurios ist: Das Hutgebot richtete sich nur an Männer. Frauen ließ Atatürk in ihrer Kleidungswahl bewusst unberührt – ein Verbot des Schleiers hätte das Land wohl ins Chaos gestürzt. Erst die Militärs der 1980er-Jahre wagten den Eingriff. Unter ihrer Herrschaft wurde das Kopftuch an Universitäten und staatlichen Einrichtungen verboten. Millionen Frauen verloren dadurch Zugang zu Bildung und Jobs.
Diese Verbitterung trug Erdoğan später an die Macht. Er hob das Kopftuchverbot auf – ein Schritt, den viele konservative Wähler ihm bis heute hoch anrechnen. Über die Hutpflicht spricht dagegen kaum jemand. Offiziell existiert sie, praktisch spielt sie nur noch eine skurrile Nebenrolle.
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