Jede dritte Frau in der Europäischen Union ist seit ihrer Jugend Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt gewesen. Das sind etwa 62 Millionen Frauen. Fünf Prozent davon wurden vergewaltigt. Das berichtete die EU-Grundrechteagentur (FRA). Mehr als 40 000 Frauen wurden zuvor in allen 28 Mitgliedstaaten für eine Studie befragt. Frauen in Deutschland sind demnach von Gewalt etwas häufiger betroffen (35 Prozent) als im EU-Schnitt (33 Prozent). Viele Attacken beginnen bereits in der Kindheit.

Von Belästigungen sind Frauen sogar noch häufiger betroffen: Insgesamt gaben zwischen 83 und 102 Millionen Frauen an, bereits einmal sexuell belästigt worden zu sein. Das wären zwischen 45 und 55 Prozent aller Frauen in der EU ab 15 Jahren. Der Zahlenunterschied ergibt sich daraus, dass es bei den Befragten unterschiedliche Ansichten darüber gab, ob etwa Annäherungsversuche durch Männer, sexistische Witze oder ungewollte Nacktfotos per SMS bereits eine sexuelle Belästigung darstellen würden.

Jede fünfte Frau in der EU wurde demnach seit ihrem 15. Lebensjahr bereits gegen ihren Willen berührt, gedrückt oder geküsst – oftmals am Arbeitsplatz von Kollegen oder dem Chef. Das betrifft Frauen aller sozialer Schichten.

Frauen schämen sich, zur Polizei zu gehen

Oft lauert die Gefahr für Frauen auch in den eigenen vier Wänden. 22 Prozent aller Befragten gaben an, körperliche oder sexuelle Gewalt durch den eigenen Partner erfahren zu haben. Die Bundesrepublik liegt hier genau im EU-Schnitt. Oft werden diese Übergriffe in Beziehungen zum Alltag. Dagegen vorzugehen, wagen sich nur die wenigsten: Viele Betroffenen sagten, sie würden sich zu sehr schämen oder seien peinlich berührt und würden deshalb nicht zur Polizei gehen. Vergewaltigungen durch Fremde würden schneller angezeigt.

„Das enorme Ausmaß des Problems verdeutlicht, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur einige wenige Frauen betrifft, sondern sich tagtäglich auf die gesamte Gesellschaft auswirkt”, sagte FRA-Direktor Morten Kjaerum.

Befragt wurden 42 000 Frauen im Alter zwischen 18 und 74 Jahren. Die Gespräche fanden im Laufe des Jahres 2012 persönlich statt.

Einem Bericht von Amnesty International aus dem Jahr 2004 zufolge legt eine Reihe kleinerer Studien in der Türkei nahe, dass die Rate der Gewalt gegen Frauen mit zwischen 40 und 70 Prozent sogar höher sein könnte. Von den Frauen, die eine Notrufnummer wählten, hätten 57 Prozent körperliche Gewalt erlitten, 46,9 Prozent seien Opfer sexueller Gewalt geworden, in 14,6 Prozent sei es um Inzest gegangen und bei 8,6 Prozent um Vergewaltigung.

Laut der Statistik vom vergangenen Oktober des Innenministeriums wurden 40 000 Frauen in den ersten neun Monaten des Jahres 2013 Opfer häuslicher Gewalt, dabei wurden 105 Frauen ermordet. (dpa/dtj)