Haftbedingungen in der Türkei
Quelle: Ausstellung Verfolgt

Der Fall des Lehrers Gökhan Açıkkollu gehört zu den ersten Todesfällen in türkischer Untersuchungshaft nach Putschversuch 2016. Im ersten Teil haben wir geschildert, was Açıkkollu durchmachen musste. Im zweiten Teil der Serie geht es um die Frau und den zwei Kindern der Familie, die von ihrer Angst erzählen. 

Der Fall des Lehrers Gökhan Açıkkollu ist kurios. Im ersten Teil unserer Serie haben wir bereits den Fall geschildert. Klicken Sie hier, um den ersten Teil zu lesen.

Jetzt spricht die Frau des in U-Haft gestorbenen Lehrers. „Meine Tochter war beim Tod meines Mannes erst sieben Jahre alt. Jetzt ist sie neun“, sagt Mümine, die Ehefrau von Gökhan Açıkkollu mit Tränen in den Augen: „Wenn sie mir sagt, dass sie es vermisst hat, „Papa“ zu sagen, bin ich hilflos.“

Das ist aber nicht die allergrößte Kummer von Mümine. Schon die Festnahmesituation ihres Mannes machte sie fertig. Selbst bei der Beerdigung habe man sie nicht in Ruhe gelassen und nur Steine in den Weg gelegt. Man wollte Gökhan Açıkkollu in dem sogenannten „Friedhof der Verräter“ beerdigen. Diese Friedhöfe wurden nach dem Putschversuch bekannt, als der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt Istanbul darüber sprach: „Ihr werdet einen Ort wählen und diesen als „Friedhof für Verräter“ betiteln. Jeder, der daran vorbeiläuft, wird sie verfluchen. Jeder soll sie verfluchen, sie sollen im Grab keine Ruhe bekommen. “

„Es schmerzt“

Auch der Leichnam des in U-Haft gestorbenen Gökhan Açıkkollu sollte im Grab keine Ruhe finden. Erstmal hätten die Behörden den Leichnam des Mannes der unter Voraussetzung, dass er nach Konya gebracht wird, übergeben. Man habe sich auch darum bemüht, einen Sarg zu finden, auf dem das Logo der Stadt Istanbul nicht zu sehen ist. Man habe nicht gewollt, dass ein „Verräter“ in einen solchen Sarg gelegt wird: „Das ist sehr schmerzhaft. Es ist sehr hart, dass einem, der sein Vaterland so geliebt hat, diesen Maßnahmen ausgesetzt wird“, erzählt Mümine Açıkkollu mit Tränen in den Augen.

Nicht einmal Medikamente angewandt

Es ging aber noch weiter. Der Leichnam muss normalerweise mit speziellen Medikamenten besprüht werden. Sonst würde er auf dem Weg nach Konya, das etwa 700 Kilometer von Istanbul weg liegt, verrotten. Selbst das hätten die Behörden verweigert. Deshalb habe man nach den Medikamenten gefragt, um sie selbst zu kaufen. „Aufgrunddessen hat uns ein Beamter ganz leise und und geheim den Namen der Medikamente gegeben und ihm beschrieben, wie er angewandt werden muss. Mein Bruder hat somit meinen Mann selbst mit den Medikamenten besprüht.“

„Wir konnten nicht einmal trauern“

Selbst bei der Beerdigung in Konya ging der Spuk dann weiter. Keiner soll sich um die Beerdigung gekümmert haben. Die Familien hat selbst versucht, einen Bagger zu mieten und ein Grab zu graben. „Wir konnten nicht einmal trauern. Ich hatte dermaßen Angst, dass ich sogar die Sorge hatte, dass man meinen Mann aus dem Grab holen wird und irgendwo anders begraben wird“, so Mümine Açıkkollu.

Bei jedem Aufzug-Geräusch hatten wir Angst

Mümine Açıkkollu ist auch Lehrerin. Erst kürzlich wurde auch sie per Dekret als Lehrerin freigestellt: „Wir mussten das Haus abbezahlen und haben Zuhause versucht zu stricken und diese Sachen zu verkaufen, um uns finanziell über Wasser halten zu können“ erzählt Açıkkollu: „Wir waren in ständiger Angst. Jedes mal, wenn wir den Aufzug hörten oder es klingelte, hatten wir Sorgen. Damit ich mir keine Sorgen mache, sagte meine Tochter manchmal `Keine Angst, Mama, der Aufzug ist nicht in unserer Etage gehalten`“. Die Familie hatte Angst, dass die Polizei kommt und sie mitnimmt. Schließlich wurde auch sie wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation angeklagt.

CHP unterstützt Familie Açıkkollu

Unterstützung erhielt Mümine Açıkkollu allerdings überraschenderweise von der kemalistischen CHP. Der Vorsitzende der Atatürk-Partei sagte, dass man sich um Mümine Açıkkollu und ihre Kinder kümmern werde. Wo sich die Lehrerin samt ihrer Kinder derzeit aufhält, will sie nicht verraten.