Im ersten Blogbeitrag der Goethe-Reihe bin ich auf den historischen Aspekt der Beschäftigung Goethes mit dem Koran  eingegangen. Es ging mir darum zu zeigen, was ihn in seiner Zeit prägte und was der Anlass war, sich mit dem Islam auseinanderzusetzen.

In diesem Beitrag werde ich mich, wie bereits angekündigt, auf die von Goethe notierten Koranverse konzentrieren. Goethe hat sich in Folge seiner gründlichen Recherche des Korans, als er von Herder dessen rhetorische Kraft erfuhr, viele Verse aus der göttlichen Offenbarung notiert, die mit seinem Glauben und Gedanken übereinstimmten. Nun, welche Verse hat sich Goethe notiert?

In Noten und Abhandlungen schreibt Goethe über den Koran:

„Und so wiederholt sich der Koran Sure für Sure. Glauben und Unglauben teilen sich in Oberes und Unteres; Himmel und Hölle sind den Bekennern und Leugnern zugedacht. Nähere Bestimmung des Gebotenen und Verbotenen, fabelhafte Geschichten jüdischer und christlicher Religion, Amplifikationen aller Art, grenzenlose Tautologien und Wiederholungen bilden den Körper dieses heiligen Buches, das uns, so oft wir auch daran gehen, immer von neuem anwidert, dann aber anzieht, in Erstaunen setzt und am Ende Verehrung abnötigt.“

Goethe war von der Aussage Herders, dass sich Gott in der Natur offenbare, so fasziniert, dass er sich alle Verse aufschrieb, in denen die Menschen aufgerufen werden, Gott in der Natur zu suchen und Gottes Größe in Kleinen zu finden.

Eine besondere Leidenschaft hatte Goethe für die Sura 2. In dieser Sura kommen die meisten Naturerscheinungen im Koran vor, die zugleich mit Goethes Denken, Fühlen und philosophischen Vorstellungen übereinstimmten. Diese Sura führte Goethe zufolge den Menschen zum Verweilen und Nachdenken über den einen Gott und zur Betrachtung der Natur. Denn Goethe selbst war ein Betrachter der Natur mit bloßen Augen und  lehnte jegliche technische Mittel, wie Mikroskope, ab.

„Gewiß, wer sein Angesicht zu Gott völlig wendet, und dabei Gutes tut, der wird seinen Lohn haben bei Gott seinem Herrn, und über solche wird keine Furcht kommen noch betrübt werden.“  (2/106)

„Gott gehöret der Aufgang und der Niedergang der Sonnen, und wohin ihr euch wendet, ist Gottes angesicht da.“ (2/109)

„Er hat Zeichen genug davon gegeben, in der Schöpfung der Himmel und der Erden, in der Abwechslung der Nacht und des Tags. Pp. In diesem allem sind Zeichen genug seiner Einigkeit und Gütigkeit, vor die Völker, so sie mit Aufmerksamkeit betrachten wollen.“  (2/159)

Die Natur gehörte für Goethe schon vor dem Gespräch mit Herder, zu dem wichtigsten Betrachtungs- und Bewunderungsobjekt. Nach dem Gespräch mit Herder, wurde somit die Natur zur Grundlage für Goethes Gotteserkenntnis, worauf er die oben genannten Verse notierte.

Aufgrund seiner Suche Gottes in der Natur wurde Goethe auch von seinen christlichen Mitmenschen als Heide gesehen, wobei Goethe einer Aufforderung Gottes im Koran nachging:

„Er hat Zeichen genug davon gegeben, in der Schöpfung der Himmel und der Erden, in der Abwechslung der Nacht und des Tags. Pp. In diesem allem sind Zeichen genug seiner Einigkeit und Gütigkeit, vor die Völker, so sie mit Aufmerksamkeit betrachten wollen“. (2/159)

Goethe war von zwei Leidenschaften geprägt. Zum einen die Leidenschaft für das „Nicht-Sichtbare“, nämlich dem einen Gott und zum Zweiten die Liebe zum Sichtbaren, d.h. der Natur. Die Natur versuchte er mit Gott in Einklang zu bringen, um auf diese Weise die Kunst des Nicht-Sichtbaren zu erlernen. Er war aber auch der Meinung, dass die Aufgabe des Menschen es sei, dass zu erforschen ist, was erforscht werden kann, da der Mensch nicht zu allem fähig ist. Es gibt Grenzen die der Mensch nicht überschreiten kann und hier beginnt der Glaube an den einen Gott: „Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.“  Diese Aussage lässt sich wiederum auf den folgenden Koranvers zurückführen, der auch von Goethe n0tiert wurde.: „O ihr Gläubige, fraget nicht nach Dingen, welche wo sie auch angezeigt worden, nur Unruhe euch machen würden – Es haben schon auch vor euch Leute darnach geforscht: aber hernach sind sie doch dadurch zu Ungläubigen geworden.“ (5/101)

Neben der Sura 2 gibt es noch weitere Verse, die Goethe notierte.

„Im Wechsel von Nacht und Tag (die kürzer und dann wieder länger werden) und in allem, was Er in den Himmeln und auf Erden erschaffen hat, sind wahrlich Zeichen (die die Wahrheit kundtun) für Menschen, die sich in Ehrfurcht gegen Ihn vor Ungehorsam hüten.“ (10:6)

„Er ist es, der Leben gibt und sterben lässt, und die Aufeinanderfolge von Nacht und Tag (deren Zeiträume sich verkürzen und verlängern) findet im Gehorsam gegen Ihn (und zu dem Zweck, den Er festgelegt hat) statt.“ (23:80)

„Und unter Seinen Zeichen sind die Erschaffung der Himmel und der Erde wie auch die Vielfalt eurer Sprachen.“ (30:22)

„Und in dem Wechsel von Tag und Nacht (mit ihren sich verkürzenden und verlängernden Zeiträumen) und in der Versorgung (dem Regen), die Gott vom Himmel hernieder sendet und durch  die Er die Erde wiederbelebt nach ihrem Tod.“ (45:5)

Weiter beharrte Goethe darauf, dass „Gottes Größe im Kleinen“ zu erkennen ist. Hier bezieht er sich auf die Sura 2/26, wo das Bild der Fliege dargestellt wird:

„Fürwahr, Gott scheut Sich nicht, irgendein Gleichnis zu prägen, (das) von einer Mücke oder was sie (noch) übertrifft an Winzigkeit oder Größe“ (2/26)

„Sollt‘ ich nicht ein Gleichnis brauchen

Wie es mir beliebt?

Da uns Gott des Lebens Gleichnis

In der Mücke gibt“

„Der berühmteste Vierzeiler“  von Goethe „Gottes ist der Orient! Gottes ist der Okzident!“ wurde selbst mit zahlreichen Versen von Koran inspiriert.

„Gottes ist der Orient!

Gottes ist der Okzident!

Nord und südliches Gelände

Ruht im Frieden seiner Hände.“

„Sprich (o Gesandter): ‚Gott gehört der Osten und der Westen (und daher die ganze Erde mit all ihren östlichen und westlichen Richtungen; in welche Richtung auch immer Er will, dass wir uns wenden, dorthin wenden wir uns).’“ (2/142)

 „Gott gehört der Osten und der Westen (und deshalb die ganze Erde mit ihrem Westen: Wo auch immer ihr seid, könnt ihr euch Ihm im Gebet zuwenden). Wo immer ihr euch also hinwendet, dort ist das „Antlitz“ Gottes.“ (2/115)

„Er ist der Herr des Ostens und des Westens und all dessen, was zwischen ihnen ist, wenn ihr doch nur nachdenken und begreifen wolltet!“ (26/28) 

„Der Herr des Ostens und der Herr des Westens¸ es gibt keine Gottheit außer Ihm¸ darum nimm dir Ihn allein als den¸ auf den du dich verlässt und dem du deine Angelegenheiten anvertraust.“ (73/9)

Goethe hat sich nicht nur Natur-Verse notiert, sondern auch viele andere, wo Gottes Einheit und die Stellung der Propheten im Allgemeinen bestens zum Ausdruck kommen. Das aber in den nächsten Blogbeiträgen.