31.10.2019, Griechenland, Athen: Bei einer Kundgebung vor dem griechischen Parlament wirft ein Student mit einem brennenden Gegenstand. Das Parlament debattiert über die Verabschiedung eines strengeren Asylgesetzes, mit dem Asylverfahren beschleunigt und abgelehnte Antragsteller zügiger zurück in die Türkei geschickt werden sollen. Verschiedene Gewerkschaften und Hilfsorganisationen haben zu Demonstrationen gegen die geplante Verschärfung aufgerufen. Foto: Aristidis Vafeiadakis/ZUMA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Das Wort Xenophobie, Furcht/Angst vor dem Fremden, stammt aus dem Griechischen – und erlangt dort erstmals seit langem wieder an Bedeutung. In Vrasna, Larisa, Giannitsa und anderen Städten Griechenlands wehren sich Bewohner gegen die Unterbringung weiterer Migranten.

„Gegen Menschenhandel, gegen Schleuser, gegen die Zerstörung unseres Ortes“ – mit diesem Aufruf gingen Bürger der nordgriechischen Stadt Vrasna vor zwei Wochen auf die Straße. Ihre Blockade zwang acht Reisebusse mit rund 400 Migranten zur Umkehr − die Menschen, die von der Insel Samos kamen und künftig in Vrasna leben sollten, wurden anderweitig untergebracht. Seither häufen sich die Demonstrationen. Besonders drastisch: Eine nationalistische Gruppierung will an diesem Sonntag in einem Flüchtlingslager nahe Thessaloniki mit gegrilltem Schweinefleisch und reichlich Alkohol gegen die zumeist muslimischen Flüchtlinge mobil machen.

Hintergrund ist eine Verschärfung des griechischen Asylgesetzes und die darin enthaltene Maßnahme, bis zum Jahresende mindestens 20 000 Migranten von den völlig überlasteten Inseln der Ostägäis auf das Festland zu verlegen. Rund 6500 Menschen wurden bisher bereits per Fähre zum Hafen von Piräus gebracht und von dort aus mit Bussen weiter befördert − hauptsächlich nach Nordgriechenland, wo es viele leerstehende Militärkasernen zur Unterbringung gibt.

Lesbos: Nur noch „Flüchtlingsinsel“ statt Touri-Hotspot?

Auf der Insel Lesbos haben die Einheimischen den Bau eines weiteren Flüchtlingslagers bisher erfolgreich verhindert. Sie fürchten, jetzt und in Zukunft als Flüchtlingsinsel herhalten zu müssen, der die Touristen den Rücken kehren. Fast 15 000 Migranten harren derzeit auf Lesbos aus, bei einer Kapazität von nicht einmal 3000 Plätzen. Sie leben zum Großteil unter miserablen Bedingungen, in ungeheizten Zelten, ohne Strom, fließend Wasser und Toiletten.

In Nordgriechenland argumentieren die Bewohner, sie fühlten sich nicht mehr sicher, die Kriminalität habe zugenommen, die Kinder könnten nicht mehr auf die Straße. „Wir haben die Behörden gewarnt, dass kein Flüchtling mehr kommen soll, weil die Bürger so aufgebracht sind“, sagt Diamantis Liamas, Bürgermeister von Vrasna.

„Ein kleiner Zwischenfall, und die Bürger gehen endgültig auf die Barrikaden“

Doch der Regierung des konservativen Premiers Kyriakos Mitsotakis bleibt im Moment nichts anderes übrig als Flüchtlinge aufs Festland zu holen. „Die Situation ist bei uns so angespannt, dass ein kleiner Zwischenfall reichen kann, damit die Bürger endgültig auf die Barrikaden gehen“, sagt etwa Giorgos Stantzos, Bürgermeister der Stadt Vathy auf Samos. Vathy hat rund 7000 Einwohner – im Flüchtlingslager oberhalb des Ortes leben 6100 Migranten.

Wegen des nahenden Winters begrüßt das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) die Übersiedlung der Migranten aufs Festland. „Die Situation ist so verzweifelt, dass es jetzt vor allem darum geht, die Menschen besser unterzubringen“, sagt der Sprecher des griechischen UNHCR, Boris Cheshirkov, der Deutschen Presse-Agentur. Auf dem Festland werden dazu alte Militärkasernen, Hotels und Wohnungen genutzt.

Flüchtlingsabkommen zwischen EU und Türkei bleibt unberührt

Auch der Flüchtlingspakt zwischen der EU und der Türkei werde durch die Übersiedlung nicht aufgeweicht, sagt Cheshirkov. „Bei jenen, die aufs Festland gebracht werden, handelt es sich um Menschen, deren Asylanträge aller Wahrscheinlichkeit nach genehmigt werden.“ Zu dieser Gruppe gehörten etwa Afghanen und Syrer, auch Mütter mit Kindern sowie unbegleitete Minderjährige.

Für die Festlandgriechen ist die Entwicklung jedoch neu, denn vor dem Flüchtlingspakt reisten die Migranten durch Griechenland weiter nach Mittel- und Nordeuropa. Und seit Inkrafttreten des Paktes im Jahr 2016 blieben sie großteils auf den Inseln.

Doch es gibt nicht nur Gegenwehr: Nach den ersten xenophoben Ausfällen meldeten sich zahlreiche Gemeinden aus ganz Griechenland mit dem Angebot, die Flüchtlinge bei sich aufzunehmen. „Bei uns werden sie untergebracht und anständig behandelt“, versichert etwa der Bürgermeister des Ortes Servia in Nordgriechenland.

dpa/dtj