Das Buch Aleviten & Bektaschis von den Autoren Hüseyin Özcan und Arhan Kardaş handelt vom türkischen Sufi-Meister Hacı Bektaş-i Veli, der im 13. Jahrhundert gelebt und gewirkt hat, und seiner Lehre von der inneren Reise zu Gott. Das 2015 erschienene Buch zeichnet die Besonderheit aus, dass es die erste deutschsprachige Veröffentlichung über Hacı Bektaş-i Veli und seine Lehre ist. Hacı Bektaş-i Veli ist ein Gelehrter, auf den sich die anatolischen Aleviten berufen. Er spielt neben Mevlana Celaleddin Rumi und Yunus Emre für das Islam-Verständnis der Türken eine wichtige Rolle.

Dem Buch dient die türkische Version als Vorlage. Es ist aber jedoch mehr als eine bloße Übersetzung des gleichnamigen Buches von Hüseyin Özcan. Özcan selbst ist eines der anerkanntesten Experten auf dem Gebiet von Hacı Bektaş-i Veli und seine Lehre, die auch für die Gegenwart von Bedeutung sind. Mit Ergänzungen und Kommentaren von Arhan Kardaş wird das Buch auch interessant für den deutschsprachigen Leser.

Aufbau und Konzept

Das Buch ist in neun Kapitel eingeteilt, dem ein Glossar angehängt ist. Die ersten drei Kapitel handeln von den sozio-kulturellen Milieus, in denen Hacı Bektaş-i Veli aufwuchs und der Bektaschi-Orden entstanden ist. In Kapitel vier gehen die Autoren auf die Toleranz in der türkischen Kultur und dem Toleranzverständnis von Aleviten und Bektaschis ein. Kapitel fünf und sechs behandeln die Regeln und Grundsätze der Bektaschis, wobei besonders auf die Erkanname, einem der wichtigsten Werke von Hacı Bektaş-i Veli, in Kapitel 6 der Schwerpunkt gelegt wird. Nachdem der Leser in Kapitel 7 einen Überblick über das Gesamtwerk Hacı Bektaş-i Velis erhält, wird in Kapitel 8 die Beziehung von Hacı Bektaş-i Veli zum Propheten Muhammad thematisiert. Der Bezug zum Propheten spielt bei allen religiösen Strömungen in der 1500-jährigen Geschichte des Islam eine wichtige Rolle.

Schließlich werden im Glossar des 234-seitigen Buches Begriffe vorgestellt, die für das Verständnis von Sufi-Orden, des Alevitentums und der anatolischen Volksreligiosität von Bedeutung sind.

Wer kann etwas mit dem Buch anfangen?

Die erste Frage, die sich dem Leser auftut, ist, wer die Zielgruppe des Buches ist oder ob sich das Buch an mehrere Zielgruppen zugleich richtet. Für das breite deutsche Leserpublikum geht es zu tief in die Materie – Leben, Werke und Lehre von Hacı Bektaş-i Veli – ein, der für ein Religionsverständnis über der Orthodoxie hinaus steht. Da das Buch im Grunde eine Übersetzung aus dem Türkischen ist, spiegelt es den soziopolitischen Kontext der Türkei der Gegenwart wieder.

Aber für Theologiestunden, interessierte Aleviten und Sunniten sowie Experten aus Politik und Gesellschaft, die sich beruflich mit alevitischen Muslimen befassen, ist es eine wichtige Quelle. Auch für Leser, die sich für den Sufismus und religiöse Orden, welche die Verkörperung des Sufismus darstellen, ist das Buch empfehlenswert. Schließlich steht Hacı Bektaş-i Veli für Werte wie Toleranz, Menschenliebe und Bescheidenheit. Das sind brandaktuelle Themen – auch für die hiesige Gesellschaft. In einer Zeit, in der gerade der Islam in einem Atemzug mit Terror, Gewalt und Intoleranz erwähnt wird, verdient Hacı Bektaş-i Veli eine größere Aufmerksamkeit.

Der größte Verdienst der Autoren und des Verlages ist es, dass sie nicht nur eine Marktlücke, sondern auch eine kulturgeschichtliche Lücke gefüllt haben. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zum besseren Verständnis der türkischstämmigen Muslime in Deutschland.