Die muslimischen Gäste, die zum Iftar, dem traditionellen Fastenbrechen im Ramadan, im Landtag NRW eingeladen waren, sind sichtlich schockiert über die Gerüchte, wonach es sich bei dem am Mittwoch (24.06.) servierten Fleisch um kein Halal-Fleisch gehandelt haben soll.

Diese Gerüchte wurden nun durch eine Pressesprecherin der Landtagspräsidentin Carina Gödecke bestätigt: „Leider ist diese Information richtig. Es ist ein bedauerlicher Fehler. Die Veranstaltung hat für uns einen sehr großen Stellenwert. Letztes Jahr handelte es sich um Halal-Fleisch. Wir werden es beim nächsten Mal wieder besser machen.“

Der Einladung der Landtagspräsidentin waren viele muslimische Vertreter gefolgt und hatten die Landtagskantine dankbar gefüllt. Halal-Fleisch ist für viele Muslime von großer Bedeutung. „Halal“ bedeutet, dass das Fleisch nach islamischen Regeln geschächtet wird.

Bei dem zum dritten Mal stattfindenden gemeinsamen Iftar im Landtag NRW war dieser Vorfall nicht der erste seiner Art. Bereits beim ersten Mal vor zwei Jahren war den Organisatoren ein ähnliches Missgeschick unterlaufen. Im zweiten Jahr wurde auf Hinweise muslimischer Abgeordneter im Landtag das Fleisch von einem Metzger für Halal-Produkte bestellt und die Gerichte am Abend zusätzlich mit Halal-Etiketten beschildert.

Ali Baş, Landtagsabgeordneter der Grünen, war sichtlich verwundert über diesen groben Fehler in der Organisation des Abends. „Ich finde den Vorfall schon ziemlich ärgerlich, zumal im vergangenen Jahr besonders darauf geachtet wurde, dass das Essen auch den religiösen Speiseregeln für Muslime entspricht.“ Dennoch geht Baş fest davon aus, dass es sich bei dem Vorfall um keine böse Absicht handele. Für ihn ist klar, dass man aus diesem Fehler eine Lehre ziehe, denn der Iftar im Landtag habe besonders für die Muslime einen großen Stellenwert.

Fastenbrechen im Landtag NRW wurde 2008 vom Rumi Forum ins Leben gerufen

Landtagsabgeordnete Serap Güler (CDU) hätte das Fastenbrechen ganz anders organisiert. Sie stellte der Landtagspräsidentin einige Fragen, unter anderem wollte sie wissen, warum die Landesregierung bei der Veranstaltung reden durfte, obwohl es eine Einladung des gesamten Landtags war: „Warum hat die Landesregierung dort gesprochen, wenn das eine Einladung des Landtags war? Warum wurde für einige Abgeordnete ein Platz reserviert? Sinn und Zweck solch eines Abends ist der interkulturelle und interreligiösen Austausch und nicht, dass viele Landtagsabgeordnete zusammen mit wenigen Gästen an einem Tisch sitzen.“

Güler ergänzte mit folgenden Worten ihre Kritik: „Das alles hätte man besser machen können, wenn die muslimischen Abgeordneten mit in die Organisation einbezogen worden wären. Schließlich handelt es sich offiziell um eine Einladung des Landtags. Es ist bedauerlich, dass dies auch diesmal nicht passiert ist. Deshalb bleibt das Ganze für mich eine Einladung der Landtagspräsidentin mit SPD-Parteibuch.“ Den Iftar habe außerdem nicht Carina Gödecke in den Landtag gebracht, so Güler, sondern deren Vorgängerin Regina van Dinther (CDU). Diese habe dazu das erste Mal eingeladen: „Schade auch, dass es Frau Gödecke auch in diesem Jahr nicht gelungen ist, den Iftar, den schon ihre Vorgängerin Regina van Dinther im Landtag machte, mitzuzählen.“

Tatsächlich hatte der Düsseldorfer Verein Rumi Forum am Rhein e.V. in Kooperation mit der ehemaligen Landtagspräsidentin Regina von Dinther bereits im Jahre 2008 einen gemeinsamen Iftar im Landtag in die Welt gerufen. Nuh Yılmaz, Vorsitzender des Rumi Forum, bestätigte uns, dass sein Verein damals wie auch sonst großen Wert darauf gelegt habe, dass Halal-Fleisch bestellt werde. „Da wir uns über die Sensibilität unserer Gäste im Klaren sind, haben wir entsprechende Vorkehrungen im Vorfeld getroffen.“

Alboğa erfuhr von dem Fauxpas während des Essens

Laut Düsseldorfer Express soll an jenem Abend Bekir Alboğa, Generalsekretär des DITIB Köln, die Peinlichkeit aufgedeckt haben. Die Presseabteilung der Landtagspräsidentin bestätigte auch gegenüber DTJ, dass Alboğa bereits während des Essens nach dem Fleisch gefragt habe. Auf die ausdrückliche Bitte eines anderen Gastes hin habe er sicherheitshalber nochmal nachgefragt.

Dabei habe er herausgefunden, dass es sich um kein Halal-Fleisch handele. Auch Alboğa selbst bestätigte dies nun dem DTJ. Er habe nach der Information an jenem Abend kein Fleisch mehr gegessen. Warum Alboğa nicht die Initiative ergriff, um die übrigen Gäste aufzuklären, bleibt unklar.

Der Generalsekretär nahm die Landtagspräsidentin in Schutz und bekräftigte seine Annahme, es handele sich dabei um einen einfachen Fehler außerhalb ihres Einflussbereichs.

Der Auffassung der Zeitung, die anwesenden Muslime hätten sich wegen des Fleisches „zögerlich verhalten“, können wir nicht bestätigen. Fast alle Gäste haben sich unseren Erkenntnissen zufolge wegen der positiven Erfahrungen des Vorjahrs in reinem Gewissen an dem servierten Essen verköstigt.

Landtag NRW: Interner Fehler ohne Absicht

Dalınç Dereköy vom Kreis der Düsseldorfer Muslime nahm auch an dem Iftar teil. Für ihn sei die Einladung zwar ein gutes Zeichen, aber dieser Vorfall grenze an Ironie, wenn dabei die Speisevorschriften der Muslime grob fahrlässig verletzt würden. „Ich hoffe, dass alle Seiten diese Erfahrung als „Geburtswehe“ der Beziehung zwischen Muslimen und der lokalen Politik in NRW verbuchen. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Fehler sich nächstes Jahr nicht wiederholen wird und wenn wir schon über Änderungen sprechen, die Musik könnte auch etwas leiser ausfallen“, so Dereköy.

Für die Zukunft gab der Landtag aber ein positives Signal, in dem es bekräftigte, dass der Iftar für alle Beteiligten von großer Bedeutung sei. „Das Fastenbrechen hat sich in den vergangenen Jahren zudem zu einem wichtigen interkulturellen und interreligiösen Dialog entwickelt. Der Landtag würde es sehr bedauern, wenn eine Fortsetzung des gemeinsamen Fastenbrechens und des vertieften interreligiösen Dialogs durch einen internen Fehler, der ohne Absicht geschah, erschwert würde.“