Zu den 34 Toten, die der Anschlag  in Suruç am 20. Juli forderte, gehörten auch Hatice Ezgi Sadet und Polen Ünlü. Viele Freiwillige aus allen Teilen der Türkei kamen damals nach Suruç, um Spielzeug zu verteilen, eine Bibliothek zu gründen und Bäume für einen gemeinsamen Wald zu pflanzen. Beim Vorlesen der Pressemitteilung hatte sich ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt und viele mit sich in den Tod gerissen.
Die 20 Jahre alte Hatice Ezgi Sadet und die 23 Jahre alte Polen Ünlü hatten an dem Tag auch etwas Spielzeug und einige Bücher mitgenommen um zu helfen. Als sie in Suruç ankamen hatten sie gleich ihre Familien angerufen. Kurz darauf gingen die Bilder des Anschlags durch die Medien. Die Familien haben zwar sofort vergeblich versucht, ihre Kinder per Telefon zu erreichen, aber die traurige Nachricht des Todes der beiden Mädchen kam kurze Zeit später.

Die Familien beschlossen die beiden Freundinnen auch nach ihrem Tod nicht zu trennen und entschieden sich für ein gemeinsames Begräbnis. Sie wurden nebeneinander im Ihlamurkuyu Friedhof in Istanbul beigesetzt, nachdem das Totengebet von Hatiçe Ezgi Sadet im Versammlungshaus (türkisch: Cemevi) und das Totengebet von Polen Ünlü in der Moschee verrichtet wurde.

„Dieses Land reicht für uns alle“

Mit dieser Aktion wollten die Familien ein Zeichen für den Frieden und das gemeinsame Zusammenleben setzen. „Dieses Land reicht für uns alle. … Egal ob Alevit, Sunnit, Türke oder Kurde, wir rufen alle auf, ohne Diskriminierung gemeinsam miteinander zu leben. Gebt denjenigen, die euch trennen möchten, keine Chance.“, so Familie Sadet und Familie Ünlü.

Es war kurz vor ihrer Abreise nach Suruç, als Polen mit ihrer Mutter noch einkaufen ging. Dabei sagte sie ihrer Mutter, dass sie nicht lange leben werde und küsste sie, um sie zu trösten. „Es ist komisch; als hätte Polen mich auf ihren Tod vorbereitet“, sagte die Mutter. Sie sei ein Mensch gewesen, der mit seinen Taten die Welt verbessern wollte. „Polen war eine der ersten, die bei den Unglücken in Soma, Zonguldak, Artvin und den anderen vor Ort waren, um den Verunglückten zu helfen“, so die Mutter. Sie hätte immer Bonbons bei sich gehabt um sie Kindern zu geben.

„Welches Gewissen kann sie denn voneinader trennen?“

„Gut, dass sie mit Ezgi zusammen war. Wenn ich sie getrennt hätte, würde ich mir das nie verzeihen. Es gab zwar Mitglieder unserer Familie, die gegen die gemeinsame Bestattung waren, aber wir können sie doch nicht trennen! Die meiste Zeit verbrachten sie miteinander. Warum soll ich sie jetzt voneinander trennen?“, so Polens Mutter.

Auch Ezgi sei ein sehr hilfsbereiter Mensch gewesen. Wenn ihre Eltern ein Straßenkind nicht beachteten, hätte sie stets sofort dagegen protestiert. Wenn sie ein weinendes Kind gesehen hat, hat sie sich zu dem Kind gesetzt und auch geweint. Sie hätte ihr Geld für andere Menschen ausgegeben um deren Leid zu lindern. „Wenn wir unser Kind unbarmherzig erzogen hätten, könnte sie dies alles gar nicht machen“, so der Vater von Ezgi.

Es hätte eine Zeit in diesem Land gegeben, in der Aleviten als potenzielle Schuldige dargestellt wurden. Aber die Bevölkerung hätte dem keinen Glauben geschenkt. Für den Vater von Ezgi sei die gemeinsame Bestattung ein Zeichen für den Frieden und die Freundschaft, gegen den Hass und diejenigen, die ihn schüren.

„Als wir sie nebeneinander bestatten wollten, haben einige gefragt, ob die Familie von Polen Sunniten sind. Weder ich noch mein Kind haben das Bedürfnis gehabt, dies zu hinterfragen. Wenn wir das machen, tun wir uns nur schlechtes. Ich wollte aus tiefstem Innern, dass sie auch nach ihrem Tod beieinander sind. Welches Gewissen kann sie denn voneinander trennen?“, so der Vater von Ezgi.