Heute schon weißer Rauch im Vatikan?

Sollte bereits heute eine Entscheidung von mindestens 77 Stimmen, also zwei Drittel der Anwesenden des in der Sixtinischen Kapelle versammelten Kardinalskollegiums, für einen neuen Papst fallen und damit die Sedisvakanz enden, wäre auf diese Weise die Position eines der wichtigsten religiösen Führer der Welt wieder besetzt.

115 Kardinäle entscheiden derzeit über ein neues Oberhaupt der 1,2 Milliarden Angehörige umfassenden Römisch-Katholischen Kirche. Bis zu vier Wahlgänge sind am heutigen Mittwoch möglich. Ein gestern abgehaltener Wahlgang hatte noch keine Entscheidung erbracht.

Die ersten beiden Wahlgänge des heutigen Tages wird es ab 9.30 Uhr geben. Sollte nach den Abstimmungen keine Entscheidung gefallen sein, werden die Kardinäle um 12.30 Uhr ins Gästehaus zurückkehren und gemeinsam zu Mittag essen. Um 16 Uhr kehren sie dann zurück in die Sixtinische Kapelle, wo um 16.50 Uhr ein erneuter Wahlgang starten würde.

Betrachtet man die Entwicklung der Papstwahlen seit 1903, erscheint eine Entscheidung am zweiten Tag des Konklaves nicht als unmöglich. Drei der vier letzten Päpste wurden am zweiten Tag nach maximal sechs Wahlgängen gewählt, nur der spätere Papst Johannes Paul II., der Pole Karol Wojtyla, wurde 1978 am dritten Tag des Konklaves im achten Wahlgang gewählt.

Bereits am gestrigen Tag machten Gerüchte die Runde, wonach der 71-jährige Erzbischof von Mailand, Kardinal Angelo Scola, bereits 50 Stimmen fest hinter sich vereint hätte. Verifizieren ließ sich das allerdings nichts. Auch über allfällige Indiskretionen aus dem Umfeld der versammelten Kardinäle ist nichts bekannt.

Läuft es auf Scola gegen Scherer hinaus?

Es wird jedoch lebhaft darüber spekuliert, aus welcher Region der Nachfolger des kürzlich zurückgetretenen Papstes Benedikts XVI. kommen würde. Sowohl die Zusammensetzung des Kardinalskollegiums als auch die weltweiten Entwicklungen innerhalb der Katholischen Kirche lassen es trotz Begehrlichkeiten der italienischen Kardinäle, es möge nach längerer Zeit wieder einmal einen italienischen Papst geben, als durchaus denkbar erscheinen, dass der künftige Pontifex nicht mehr aus Europa kommen wird.

Waren 1903 nur 62 Kardinäle wahlberechtigt, von denen 38 aus Italien stammten und 23 aus anderen europäischen Staaten, hat der Katholizismus seither seinen Anspruch, Weltkirche zu sein, mittlerweile auch im Kardinalskollegium unterstrichen. Neben 28 Italienern und 32 Kardinälen aus dem Rest Europas entscheiden diesmal bereits 55 nichteuropäische Kardinäle über die Zukunft der Katholischen Kirche mit.

Als die aussichtsreichsten Kandidaten aus Europa gelten neben dem Italiener Scola noch Peter Erdö (60), der Erzbischof von Esztergom-Budapest und seit 2006 Präsident der Europäischen Bischofskonferenz und der Wiener Kardinal Christoph Schönborn (68).

Zu den Favoriten aus Amerika zählen Odilo Pedro Scherer (63), der Erzbischof von Sao Paulo in Brasilien, des Weiteren Timothy Dolan (63), der Erzbischof New York , der emeritierte Erzbischof von Quebec, Marc Ouellet (68) und der Franziskanermönch Sean Patrick O’Malley (68), der Erzbischof von Boston ist.

Sollte ein Papst aus Asien gewählt werden, gilt Luis Antonio Gokim Tagle (55), der Erzbischof von Manila, als größter Hoffnungsträger. Vor allem sein verhältnismäßiges junges Alter könnte ihn zu einer prägenden Figur für Generationen machen.

Als aussichtsreichste Kandidaten aus Afrika gelten Robert Kardinal Sarah (67) aus Guinea und Peter Turkson (64), der aus Ghana stammende Kardinal der römischen Kurie. Würde einer von ihnen gewählt, wäre er der erste Schwarzafrikaner überhaupt an der Spitze der größten christlichen Glaubensgemeinschaft und erster Afrikaner seit Gelasius I. gegen Ende des fünften Jahrhunderts.

Auswirkungen auf den interreligiösen Dialog?

Tendenziell wird die Wahl eines europäischen Kandidaten eher als Zeichen für einen Erhalt des Status Quo mit Tendenz zur „Reform“ im Sinne einer Anpassung an den westlichen Zeitgeist gedeutet, während etwa die Wahl eines Afrikaners oder Asiaten als Besinnung aufs Kerngeschäft gilt – in dem Sinne, dass die Katholische Kirche weniger Wert auf ihre Rolle in westlichen Staaten legt, in denen sie an Boden verliert und stattdessen ein größeres Augenmerk auf jene Regionen der Welt richtet, in denen sie an Anhängern gewinnt. Damit einhergehen würde eine konservativere Ausrichtung der Katholischen Kirche. So betonte beispielsweise Kardinal Sarah, Afrika müsse sich schützen gegen die „Vergiftung durch den intellektuellen Zynismus des Westens.“

Für den interreligiösen Dialog könnte ein konservativerer Papst ungünstig sein, einen Automatismus gibt es diesbezüglich aber nicht. Schließlich kennt man es ja auch von „progressiven“, säkularisierten Protestanten zur Genüge, dass sie aus dieser Haltung heraus von Muslimen deren Anpassung an die europäische „Moderne“ fordern.

Das ZDF kolportierte bereits heute Morgen, alles deute auf ein Rennen zwischen Scola und Scherer hin, wobei Ouellet Außenseiterchancen hätte. Angesichts der Abgeschlossenheit des Konklaves erscheint diese Information jedoch als zweifelhaft.

Noch aussagekräftiger hinsichtlich einer künftigen Orientierung der Katholischen Kirche dürfte aber der Papstname sein, den der Auserkorene sich auswählt. Sie können – müssen allerdings nicht – darauf hindeuten, in welcher Tradition sich der Gewählte bewegen möchte. Zu den häufigsten Namen von Päpsten zählen Johannes (bereits 23 Mal gewählt), Gregor (16), Benedikt (15), Clemens (14), Leo (13), Innozenz (13), Pius (12), Bonifatius (9), Urban (8), Alexander (8) und Paul (6). Ein „Johannes XXIV.“ würde allerdings zweifellos für eine „progressive“ Richtung stehen.

Nur zwei Papstnamen gelten als unwahrscheinlich. So wird es wohl keinen „Peter II.“ geben, da diese Anknüpfung an den Apostel Petrus als Anmaßung betrachtet werden würde. In einzelnen katholischen Kreisen wird unter Berufung auf Prophezeiungen des von ihrer Kirche als Heiliger verehrten irischen Erzbischof Malachias aus dem 12.Jahrhundert in Zusammenschau mit den Fatima-Geheimnissen davon ausgegangen, dass ein Papst mit diesem Namen der letzte sein könnte. Die Echtheit dieser Prophezeiungen wird jedoch – neben ihrer inhaltlichen Stimmigkeit – auch innerhalb der Katholischen Kirche angezweifelt. Auch ein Pius XIII.“ gilt als wenig wahrscheinlich.