Istanbul – das Tor zum Orient und das Herz des Osmanischen Reiches. Die Vorhersage der Eroberung Konstantinopels geht bis auf den muslimischen Propheten Muhammad zurück. In einem Hadith (Ausspruch des Propheten) heißt es:

„Wahrlich, Konstantinopel wird erobert werden! Welch herrlicher, wunderschöner Kommandant ist der erobernde Kommandant, welch herrliche, wunderschöne Armee ist die erobernde Armee.“

Einnahme Konstantinopels erfüllt großen Traum der Osmanen

Der heutige 29. Mai markiert den Jahrestag der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen. Vor 562 Jahren hatte es das Osmanische Reich geschafft, das heutige Istanbul, damals noch Residenz byzantinisch-christlicher Herrscher, zu belagern. Gewaltige Mauern schützten die größte Stadt der Christenheit. Das wichtigste Symbol zu dieser Zeit: die Hagia Sophia. Bis zur Errichtung des Petersdoms über tausend Jahre später ist diese Kirche der größte Kuppelbau der Welt. Konstantinopel galt jahrhundertelang als der Gipfelpunkt Europas.

Wie stellte sich die Situation in jener Zeit dar? Die Nachfolger Sultan Osmans I. sind zu mächtigen Herrschern aufgestiegen. Einer unter ihnen will den „Goldenen Apfel“, so nannten die Osmanen Konstantinopel, pflücken: Sultan Mehmet II. Was seinen Vorfahren nicht gelungen ist, will er nun mit einem Schlag schaffen. Der christliche Kaiser von Konstantinopel, Konstantin XI., schickt Hilfsgesuche an die Mächte Europas, um nach Soldaten und Schiffen zu bitten. Doch aus dem Ausland kommt keine Hilfe. Die Christen von Konstantinopel sind nun auf sich allein gestellt und müssen sich auf die Mauern verlassen, die die Stadt bisher vor allen Angreifern schützen konnte. 1453 ist allerdings alles anders: Es herrscht ein militärisches Ungleichgewicht. Zu jener Zeit verfügt das osmanische Heer über modernste Militärtechnik. Konstantinopel fällt.

Die Stadt wird von den Osmanen in weiterer Folge in Konstantiniyye und dann Istanbul umbenannt. Abgeleitet wird der Name aus dem Altgriechischen „in tan polin“, was so viel heißt wie „in die Stadt“.

Christliche Beamte werden in Spitzenpositionen übernommen

Die größte Stadt der Christenheit ist nun in islamischer Hand. Die größte Kirche der damaligen Welt, die Hagia Sophia, wird zur Moschee – noch heute ein großer Schmerz für die griechisch-orthodoxe Kirche. Die neuen Herren in Konstantinopel bauen eine neue Residenz, den Topkapı Palast. Topkapı steht für „Kanonentor“ und soll an das gewaltige Geschütz Mehmet II. erinnern. 400 Jahre lang ist hier das Schallzentrum der Macht im Osmanischen Reich.

Doch auch Christen gehen im Palast des Sultans ein und aus, denn Zwangsbekehrung zum Islam ist nicht die Politik der neuen Herrscher. Sie beschäftigen christliche Beamte sogar in Spitzenpositionen und übernehmen die erfahrenen Bürokraten für die Verwaltung, die nun in ihren Händen liegt. Sultan Mehmet II. galt als offen denkender Mensch, der zu der Entwicklung von Kunst und Kultur beitrug. Er galt sogar als größter Beschützer der Orthodoxie. Er ließ das Amt des Patriarchen Patrik Gennadios II. im Rang jenem des Wesirs gleichsetzen, ihn ein Werk über die Grundprinzipien des christlichen Glaubens verfassen und dieses ins Osmanische übersetzen lassen.

Jedes Jahr feiert Istanbul die Eroberung mit eindrucksvollen Festen

Um die Fatih-Moschee ließ Sultan Mehmet II. acht Koranschulen bauen. Diese galten ein ganzes Jahrhundert lang als die wichtigsten Bildungsstätten der islamischen Wissenschaft. Während der Herrschaft des Mehmets erlebte das Osmanische Reich Höhepunkte auf den Gebieten der Mathematik, Astronomie und der Theologie.

Sollte ein Sultan als Nachfolger antreten, so trug dieser den Gürtel von Sultan Osman I. und das Schwert des Propheten. Somit wurde dieser zum Kalifen, dem Nachfolger des Propheten. Bis ins 20.Jahrhundert blieb die Einheit zwischen Politik und Religion im Osmanischen Reich bestehen, während sie in Europa in der Neuzeit aufgegeben wurde.

Die Pracht der Blauen Moschee kündet von der Bedeutung und dem Einfluss des Islam im Reich der Sultane. Der Islam beherrschte im Osmanischen Reich die gesamte Kultur.

Jedes Jahr am 29.Mai wird in Istanbul an die Erfolge des Osmanischen Reiches erinnert. Dabei feiert man mit Festen und Veranstaltungen die Eroberung Konstantinopels.

Kein Gebet in der Hagia Sophia

Unterdessen weist die Präsidentschaftskanzlei Gerüchte zurück, wonach Präsident Recep Tayyip Erdoğan und Premierminister Ahmet Davutoğlu entgegen einem Gesetz aus dem Jahr 1934, das religiöse Feiern in der Hagia Sophia verbietet, am Freitag einer Gebetsveranstaltung beiwohnen wollten. Auf diese Weise sollten kurz vor den Parlamentswahlen am 7. Juni noch einmal nationalistische Wähler angesprochen werden.

Es gibt jedoch in keinem der Terminpläne beider Politiker für den heutigen Freitag irgendwelche Bezüge auf die Hagia Sophia. Präsident Erdoğan wird lediglich am Samstag die Zeremonie anlässlich des Jahrestages der Eroberung am Yenikapı-Platz besuchen.