NSU-Prozess
NSU Prozess

Am 7. November 2006 stürmten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos eine Sparkasse in Stralsund. Die beiden Uwes hatten sich mit Sturmhaube und Kapuze vermummt, als sie in die Bankfiliale eindringen. Mit Pistolen bewaffnet gingen sie äußerst brutal vor.

Dabei brüllten sie: „Hinlegen, das ist ein Überfall, kein Spaß.“ Das berichten Zeugen nach einer Verhandlungspause nun im Prozess gegen den sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) vor dem Münchener Oberlandesgericht.

Demnach schossen Böhnhradt und Mundlos in die Decke und fuchtelten mit den Waffen herum. Diese brutale Vorgehensweise passt ins Bild: Bei einem anderen Bankraub im thüringischen Arnstadt im September 2011 schlugen sie einer Angestellten, die im gesicherten Kassenraum nicht gleich die Tür öffnete, mit einem Telefon mehrfach ins Gesicht. Als sie die Tresortür dennoch nicht öffnen wollte, drohte einer der Terroristen mit einer Handgranate – eine Attrappe, die Ermittler später bei den Terroristen fanden. Die Frau öffnete sofort die Tür.

Opfer bis heute traumatisiert

In Stralsund erbeuteten sie rund 85.000 Euro. Weil das offenbar nicht genügte, kamen sie nur drei Monate später wieder. Am 18. Januar 2007 folgte der zweite Überfall auf die Sparkasse in Stralsund. Diesmal ist die Beute mehr als doppelt soviel: fast 170.000 Euro. Später finden Ermittler in der ausgebrannten Zwickauer Wohnung des sogenannten NSU Geld-Banderolen mit einem Code, der exakt auf den Tag und den Ort des Überfalls zurückzuführen ist.

Einige der Zeugen von damals plagen bis heute Traumata „Monatelang konnte ich nicht an der Sparkasse vorbeigehen“, sagte eine Zeugin im NSU-Prozess am Dienstag. „Ich hatte monatelang Angst, wenn ich jemand mit einem dunklen Schal im Gesicht sah“, berichtete ihre Tochter, die gemeinsam mit der Mutter den Überfall erlebte.

Böhnhardt droht, Mundlos sichert ab

Laut Anklage sollen die beiden Neonazis bis zu 700.000 Euro erbeutet haben. Insgesamt 15 Raubüberfälle auf Sparkassen, Postfilialen und Supermärkten sollen die Bönhardt und Mundlos zwischen 1998 und 2011 begangen haben.

Während der Raubüberfälle traten Böhnhardt und Mundlos als eingespieltes Team auf und erzwungen immer auf die gleiche Weise Zugang zum Tresorraum: Während Mundlos den Kundenbereich absicherte und die zeitweiligen Geiseln in Schach hielt, kümmerte sich Böhnhardt ums Geld und erzwang mit roher Gewalt die Öffnung der Kassen und Tresore.

Autoanmietungen immer auf Holger G.

Immer das gleiche Muster sollen die beiden Rechtsterroristen auch bei der Anmietung von Fahrzeugen für ihr Raubtouren und Mordanschläge verwendet haben. Insgesamt 65 Anmietungen bei Autoverleihen zählt das Bundeskriminalamt. Darunter: 17 Wohnmobile und 48 Personenwagen. Diese Anmietungen erfolgten von 2004 bis 2008 ausschließlich auf den Namen und die Anschrift des im NSU-Prozess Mitangeklagten Holger G.

Ab dem 4. November 2006 mietete Böhnhardt ein Wohnmobil für sieben Tage und gab sich als Holger G. aus. Dieser Zeitraum passt genau auf den Überfall auf die Stralsunder Sparkasse. Auf einer Liste mit Namen und Adressen von Banken und Sparkassen war die Filiale in Stralsund mit einem Stern markiert. Böhnhardt, Mundlos oder andere Helfer des NSU mussten die Sparkasse zuvor eindringlich beobachtet haben.

Die schreckliche Bilanz des NSU

Die Terrorgruppe des sogenannten NSU soll von 2000 bis 2011 aus Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos bestanden haben. Die beiden mutmaßlichen männlichen Mitglieder der Gruppe sollen acht türkischstämmige und einen griechischen Händler sowie eine Polizistin getötet und 14 Banken in Chemnitz, Zwickau, Stralsund und Arnstadt überfallen haben.

Zschäpe ist seit 2013 wegen Mittäterschaft in zehn Mordfällen, besonders schwerer Brandstiftung und Mitgliedschaft in und Gründung einer terroristischen Vereinigung vor dem Münchener Oberlandesgericht angeklagt. Seit mehr als drei Jahren sitzt sie in Untersuchungshaft.

Mittlerweile haben die Taten des sogenannten NSU fünf Untersuchungsausschüsse auf Bundes- und Länderebene beschäftigt und unzählige Entlassungen und Rücktritte verursacht. Wirkliche Erkenntnisse bleiben jedoch rar, sogenannte Verschwörungstheorien beliebt.