Das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln.

Der Verfassungsschutz gerät immer öfter ins Visier der Ermittlungen zur Terrorgruppe des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Erst verstrickte sich ein ehemaliger Mitarbeiter der hessischen Verfassungsschutzbehörde in Widersprüche. Nun geschieht das Gleiche wenige Wochen später in Baden-Württemberg.

Angaben eines früheren Mitarbeiters zufolge hatte der baden-württembergische Verfassungsschutz bereits im Jahr 2003 einen Hinweis zum NSU bekommen. Ein Insider habe ihm damals explizit über den NSU berichtet und die Mitglieder der Gruppe als rechtsradikale Terroristen bezeichnet. Dies berichtete der sich mittlerweile im Ruhestand befindende Beamte Günter S. vor dem Untersuchungsausschuss des Landtags in Stuttgart.

„Erbse“ erzählt seltsame Geschichten

Der Informant war Thorsten O. Beim Verfassungsschutz war er unter dem Decknamen „Erbse“ bekannt. Die offizielle Zusammenarbeit zwischen der Behörde und O. endete bereits Ende der 1980er-Jahre. Danach meldete sich „Erbse“ allerdings oft und berichtete von teils haarsträubenden Machenschaften im Untergrund oder Verschwörungstheorien.

Im August 2003 traf sich O. mit dem Verfassungsschutzbeamten Günter S. Bei dem Treffen in einem katholischen Gemeindehaus in Flein soll er vom NSU berichtet haben. „Erbse“, der ebenfalls am vergangenen Montag vor dem NSU-Untersuchungsausschuss im baden-württembergischen Landtage aussagen musste, meint, das Treffen habe weniger als zehn Minuten gedauert. S. spricht hingegen von einer Dauer von vier Stunden.

Geld gegen Informationen

S. berichtet, dass der Informant viel wirres Zeug geredet hätte, aber auch das Thema NSU und der Rechtsterrorist Uwe Mundlos zur Sprache kamen. Als O. Geld für weitere Informationen zu den Rechtsterroristen verlangt, lehnte S. ab. Er und seine Kollegen hielten den Mann für unglaubwürdig.

Nach einhelliger Meinung der damaligen Ermittler waren das nur seltsame Geschichten eines Verwirrten. Doch was, wenn mal eine von „Erbses“ Horror-Geschichten, die nicht selten den israelischen Geheimdienst Mossad behandelten, wahr ist? Was, wenn Thorsten O., gerade im Bezug auf den sogenannten NSU, keine erfundenen Geschichten erzählte?

Verfassungsschützer bereut seinen Fehler

„Erbse“, der bis dahin nie zuvor über rechtsextremistische Aktivitäten berichtet hatte, bestreitet hingegen alles: Er habe nie etwas über den NSU gewusst. Die Aussage des pensionierten Verfassungsschützers sei „von vorne bis hinten“ erlogen. Dabei störte ihn nicht, dass er in seiner Aussage mehr als einmal weit abschweifte und seinem Lieblingsthema, dem Mossad, minutenlange Monologe widmete.

Dass es zum NSU und zu Mundlos keinen offiziellen Vermerk gibt, unterstreicht die These von Thorsten O., dass der Verfassungsschützer die Unwahrheit sagte. Günter S., der sich handschriftliche Notizen gemacht haben will, macht sich indes schwerste Vorwürfe, weil er damals nicht auf die Aussage von „Erbse“ reagiert hat.

Was wäre, wenn er den Hinweis auf den NSU damals ernst genommen hätte? Hätte man die Mordserie stoppen können? Diese Fragen stellt sich der 63-Jährige angeblich „jeden Tag“.

Die schreckliche Bilanz

Die Terrorgruppe des sogenannten NSU soll von 2000 bis 2011 aus Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos bestanden haben. Die beiden mutmaßlichen männlichen Mitglieder der Gruppe sollen acht türkischstämmige und einen griechischen Händler sowie eine Polizistin getötet und 14 Banken in Chemnitz, Zwickau, Stralsund und Arnstadt überfallen haben.

Zschäpe ist seit 2013 wegen Mittäterschaft in zehn Mordfällen, besonders schwerer Brandstiftung und Mitgliedschaft in und Gründung einer terroristischen Vereinigung vor dem Münchener Oberlandesgericht angeklagt. Seit mehr als drei Jahren sitzt sie in Untersuchungshaft.

Mittlerweile haben die Taten des sogenannten NSU fünf Untersuchungsausschüsse auf Bundes- und Länderebene beschäftigt und unzählige Entlassungen und Rücktritte verursacht. Wirkliche Erkenntnisse bleiben jedoch rar, Verschwörungstheorien beliebt.