Halil Inalcik wird im kommenden Jahr 100.

Es gibt nicht viele Historiker in der Türkei, die sich auch außerhalb des Landes einen Ruf erarbeitet haben. Neben İlber Ortaylı ist das in den vergangenen Jahrzehnten vor allem Halil İnalcık gewesen. İnalcık, der sich auf die Geschichte des Osmanischen Reiches spezialisiert hat, feiert im kommenden Frühjahr seinen 100. Geburtstag. Der Internetzeitung Hürriyet gab er nun ein ausführliches Interview, in dem er den Türken Mut macht und Menschen, die das Land verlassen, als „moralische Verräter“ bezeichnet.

Sie werden bald 100 und sehen immer noch gesund aus. Wie ist Ihr gesundheitlicher Zustand derzeit?

Wie Sie sehen bin ich noch bei Bewusstsein. Ich habe Batterien für mein Herz. Nehme acht verschiedene Medikamente ein. Aber ich fühle mich gut. Manchmal werde ich müde. Das Augenlicht wird schwächer. Vergesslichkeit beginnt auch. Ich werde deshalb keine wissenschaftlichen Artikel mehr schreiben. Dass Sie hier sind bedeutet für mich, dass eine neue Periode in meinem Leben beginnt. Ich gebe ein Interview anlässlich meines 100. Geburtstages. Ich sollte mich ab jetzt ein wenig ausruhen.

Sie sind ein Experte für das Osmanische Reich. Welche Fehler machen wir im Umgang mit der osmanischen Geschichte?

Soeben haben Sie einen gemacht. Der Begriff Osmanisches Reich trifft die Sache nicht. Die Osmanen nannten sich selber nicht Imperium. Sie nannten sich Devlet-iʿAliyye-yi ʿOsmâniyye, das heißt: Der Große Erhabene Osmanische Staat.

Sie sind Historiker mit einer Menge Lebenserfahrung. Wie bewerten Sie die heutige Situation der Türkei?

Wir durchlaufen eine schwierige Periode, aber sie wird enden. Die Geschichte des Landes ist gespickt mit Krisen und Herausforderungen. Ich möchte hier nicht das tagesaktuelle Geschehen kommentieren. Als Akademiker sehe ich mich über dem politischen Geschehen. Falls ich jedoch anfange, das tägliche politische Geschehen zu kommentieren, können meine Aussagen missbraucht werden. Sie können davon ausgehen, dass ich als Sozialwissenschaftler und Historiker die Situation analysiere, die Reaktionen der jungen Generation wahrnehme. Doch wie gesagt, politisch engagieren oder äußern werde ich mich nicht.

Es heißt, wer die Geschichte kennt, kann Gegenwart und Zukunft treffender analysieren. Aber die Türkei scheint aus ihrer Geschichte keine Lehren zu ziehen. Wir wiederholen immer wieder dieselben Fehler. Sehen Sie das auch so?

Die Türkei befindet sich an einem historischen Wendepunkt. Aber nicht nur die Türkei, sondern die gesamte Menschheit hat im vergangenen Jahrhundert ihren Kompass verloren. Menschen haben für ihr eigenes Wohlergehen auf nukleare Waffen zurückgegriffen. Welch ein Fehler! Aber das sollte uns nicht pessimistisch stimmen. Wir müssen an die Türkei und ihre Zukunft glauben und sehr viel arbeiten. Das wichtigste ist der Reichtum an Ideen. Aus diesem Grund muss die Freiheit der Meinung und der Ideen unbedingt beibehalten und geschützt werden. 

Sehr viele Jugendliche haben ihre Hoffnung in das Land aufgegeben und wollen die Türkei verlassen. Sie haben selbst lange Zeit im Ausland gelebt, sind dann aber in die Türkei zurückgekehrt. Was wären Ihre Worte an diese Jugendlichen?

Pessimismus ist Feigheit! Wir sind eine große Nation mit einer 1500-jährigen Geschichte. Wichtig ist es, hart zu arbeiten und einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten. In meinen Augen sind diejenigen, die in solch kritischen Zeiten das Land verlassen, moralische Verräter. Sie sollen an den Fehlern arbeiten, so gut sie können. Geduld und harte Arbeit, die der Geschichte unserer Nation gerecht werden. Darauf kommt es jetzt an.

Trotz allem?

Trotz allem! 

Um hart zu arbeiten, sollte man wissen, woran man arbeitet. Sie persönlich haben sich bereits in jungen Jahren entschieden, woran Sie arbeiten wollen. Woher wussten Sie, dass der Bereich, dem Sie ihr Leben gewidmet haben, das Richtige für Sie ist?

Ich glaube es war 1935, als ich mir aus einer Bibliothek in Balıkesir ein Buch von Hasan Ali Yücel über Johann Wolfgang von Goethe geliehen habe. Dieses Buch hat mich sehr geprägt. Von da an habe ich eine Art Berufung und Bestimmung für mich entdeckt. Meine Freunde interessierten sich für das Altertum. Das hat mich nie sonderlich gefesselt. Ich war fasziniert von den Osmanen. Ihre Ära ist die prägendste Phase der türkischen Geschichte. Daher habe ich mich dieser Epoche gewidmet.

Manche werden ein Leben als eintönig empfinden, das nur Arbeit und Forschung kennt.

Ich habe das Leben nicht vernachlässigt um der Wissenschaft willen. Ich unterrichtete 15 Jahre lang in Chicago, in dieser Zeit sind wir sieben Mal nach Las Vegas gefahren. Meine Frau mochte es sehr, Jackpot zu spielen. Ich hatte mit Glücksspiel nicht viel im Sinn. Ich ging stattdessen in die Berge. Ich mag Reisen sehr. Ich bin schon überall in der Welt gewesen.

Was machen Sie, wenn sie nicht arbeiten?

Was mich an das Leben bindet, das Schlechte, die Krankheiten vergessen lässt, ist die Klassische Musik. Ich höre Beethoven, Mozart, Haydn.

Gibt es etwas, das sie unbedingt machen wollten, aber nicht konnten?

Nein. Ich bin ein glücklicher Mensch. Als ich 15 Jahre alt war, setzte ich mir ein Ziel. Ich habe dieses Ziel erreicht. Die ganze Welt liest meine Bücher. Ich bin wie beim Bergsteigen auf die Spitze gelangt. Jetzt rufe ich herunter, alle hören mir zu.

Wie bewerten sie die Beziehung der türkischen Gesellschaft zur Geschichte? Die Serie Muhteşem Yüzyıl wurde sehr populär. Nun warten alle auf Kösem Sultan…

Die Geschichte von Kösem Sultan habe ich verfasst. Ihre wahre Persönlichkeit, ihre Aktivitäten, indem ich Dokumente aus dem Topkapı-Palast verwendete. Sie hat wie ein Sultan den Staat jahrelang regiert. Man kann auf die Dokumente basierend Populär-Geschichte betreiben – aber ohne sich dabei von der Wissenschaft abzukoppeln.

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Lebensweisheiten von Halil İnalcik:

Arbeit: Setzt euch entfernte, große Ziele, um ein sinnvolles Leben zu führen. Arbeitet dann hart dafür, um sie zu realisieren.

Geld: Man sollte davon soviel haben, dass es einem ausreicht. Man sollte sich aber nicht daran hingeben, sich ein Vermögen anzuhäufen.

Liebe: Um der Arbeit willen sollte man nicht die Einsamkeit vorziehen. Dann wird etwas im Leben fehlen. Gott hat uns als Paar geschaffen. Ein Leben ohne Frau ist ein halbes Leben.

Familie: Eine Familie mit vielen Kindern war mir nicht vergönnt, ich hatte eine Tochter. Aber Kinder sind kein Hindernis, um Wissenschaft zu betreiben.