SPD Bundesparteitag Leipzig

Die Hizmet-Bewegung verbindet Menschen, die sich in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen engagieren, auch in politischen Parteien. Unlängst sahen sich Hizmet nahestehende Menschen, die sich in der Leipziger SPD engagieren, dort mit Misstrauen konfrontiert.

Das Deutsch-Türkische Journal nimmt dies zum Anlass für ein Gespräch mit Ercan Karakoyun über Zweck und Vielfalt des Engagements von Hizmet. Karakoyun ist Vorsitzender der Stiftung Dialog und Bildung in Gründung, welche die Ideen und Positionen der Hizmet-Bewegung vertritt.

Viele Menschen, die in der Hizmet-Bewegung aktiv sind, engagieren sich auch in politischen Parteien. Dies hat vereinzelt zu Fragen und Irritationen geführt, insbesondere in diesem Sommer in Leipzig. Dort hat der linke Flügel der Sozialdemokraten Ihrer Bewegung unterstellt, die Partei zu unterwandern. Was hat die Hizmet-Bewegung mit politischen Parteien zu tun?

Als Bewegung nicht viel. Es ist die ganz persönliche Entscheidung eines jeden Einzelnen, seiner politischen Gesinnung durch ein Parteiengagement Ausdruck zu verleihen. So verschieden die Menschen sind, so sehr unterscheiden sie sich hinsichtlich ihrer politischen Präferenzen. Da bilden die Menschen, die Hizmet nahe stehen und die sich in Hizmet engagieren, keine Ausnahme.

Sie behaupten, keine politische Bewegung zu sein, sehen aber im politischen Engagement von Akteuren aus der Bewegung kein Problem. Ist das nicht ein Widerspruch?

Im Gegenteil. Es wäre doch eher seltsam, wenn Menschen, die sich für andere Menschen einsetzen wollen und sich für andere Menschen und die Gesellschaft insgesamt interessieren, sich nicht auch in so traditionsreichen Strukturen wie jenen der über die Jahrzehnte gewachsenen politischen Parteien der Bundesrepublik Deutschland einbringen würden.

Viele ehrenamtlich engagierte Menschen sind überdurchschnittlich politisch interessiert und bringen dies durch die Mitgliedschaft in einer Partei zum Ausdruck. Dieses lässt sich eben auch für die ehrenamtlich tätigen Menschen beobachten, die in Hizmet aktiv sind. Auf der anderen Seite muss sich natürlich niemand politisch engagieren, der bei Hizmet aktiv ist, wenn er dies nicht will. Ich sehe da weder einen Widerspruch noch ein Problem für demokratische Gesellschaften, in denen das politische Engagement eines jeden Einzelnen ausdrücklich erwünscht ist.

Sie unterstützen also das parteipolitische Engagement von Hizmet-Anhängern?

Nicht nur das von Hizmet-Anhängern. Egal wer oder in welcher demokratischen Partei; ein Parteiengagement ist auf jeden Fall begrüßenswert. Je mehr Menschen sich in politischen Meinungsbildungsprozessen über Parteien einbringen, desto stärker spiegelt sich die soziale, kulturelle und ethnische Vielfalt einer Gesellschaft in den Parteien wider. Dazu beizutragen ist eine wichtige Aufgabe für uns alle.

Wieso?

Parteien erfüllen eine wichtige Funktion für die politische Willensbildung, die im Grundgesetz festgelegt ist. Die Hizmet-Bewegung bekennt sich eindeutig zum politischen System der Bundesrepublik, ihren Institutionen und ihrer vielfältigen Parteienlandschaft.

Demokratische Parteien jeglicher Couleur – und nur das Engagement oder die Mitgliedschaft in einer demokratischen Partei ist mit Hizmet vereinbar – bieten unseren Ehrenamtlichen ein politisches Zuhause. Da macht es im Übrigen auch keinen Unterschied, ob sie über einen Migrationshintergrund verfügen oder nicht. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hat sogar nachgewiesen, dass die Parteibindungen von Menschen mit Migrationshintergrund genauso divers verteilt sind wie bei Personen ohne. Die Studie, die die langfristigen Parteibindungen von in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund untersucht, zeigt, dass rund zehn Jahre nach seiner Zuwanderung etwa jeder zweite Einwanderer eine Parteineigung entwickelt hat.

Das Parteiengagement von Einwanderern ist also ein ganz normales Phänomen?

Es ist nicht nur ein normales Phänomen, sondern ein Zeichen dafür, dass sie in der deutschen Gesellschaft angekommen sind. Die Zahlen zeigen auch, dass eine Parteipräferenz türkischstämmiger Menschen für die SPD nicht selten ist – zumal diese Partei auch immer noch die mit Abstand meisten Wähler unter türkischen Einwanderern aufweist.

Wenn wir von einem ganz normalen Prozess in der Migrationsgeschichte sprechen, warum dann diese stark emotionalisierte Debatte in Leipzig?

Eine plausible Erklärung habe ich dazu auch nicht. Die Bedenken im Fall der Leipziger SPD sind jedoch unbegründet. Wenn Menschen, die sich Hizmet verbunden fühlen, an der Willensbildung innerhalb von Parteien mitwirken wollen, ist dies schlichtweg Ausdruck ihres Wunsches nach gesellschaftlicher Teilhabe. Das geschieht in allen demokratischen Parteien.

Wie stehen Sie als Stiftung zu politischen Parteien?

Wir führen einen Dialog mit allen demokratischen Parteien und würden uns sehr freuen, wenn zum Beispiel auch die Leipziger SPD mehr mit uns diskutieren würde, anstatt einzelne Mitglieder in ihrem Namen über uns sprechen zu lassen.

Viele in der Hizmet-Bewegung Engagierte berufen sich auf die Ideen und Werte des muslimischen Gelehrten Fethullah Gülen. Wie würden Sie das Verhältnis der Bewegung zu anderen religiösen und weltanschaulichen Gruppen beschreiben?

Interreligiöser Dialog ist einer der Eckpfeiler unseres Engagements. Wir haben größten Respekt vor den religiösen und spirituellen Werten eines jeden Einzelnen in unserer Gesellschaft. Vielfalt an weltanschaulichen Ansichten ist für uns immer eine Bereicherung. Übrigens trifft dies auf die interne Zusammensetzung der Hizmet-Bewegung zu: In unseren Reihen finden Sie neben Muslimen auch Anhänger anderer Religionen, z.B. Christen oder Juden. So vielfältig die Menschen bei Hizmet sind, auch hinsichtlich ihrer religiösen Anschauungen, so vielfältig sind sie, was die eigene Neigung und Präferenz für politische Parteien angeht.

Sie sind Geschäftsführer einer Stiftung in Gründung. Was sind die Aufgaben der Stiftung?

Als Stiftung Dialog und Bildung werden wir zukünftig Ansprechpartner gegenüber der Politik sein, auch in Fragen des gesellschaftlichen und politischen Engagements derjenigen Menschen, die sich in Hizmet engagieren.

Auch werden wir Ansprechpartner gegenüber anderen religiösen Gruppen sein und reichen allen unsere Hand zum Dialog.

Auch hizmetkritischen Verbänden, wie zum Beispiel dem Alevitischen Verband Deutschlands (AABF)?

Gerade der Dialog mit Kritikern ist uns wichtig. Vereinzelt stoßen wir zwar bei einzelnen Funktionären der AABF auf Vorbehalte oder Ängste. Ausgehend von solchen Vorbehalten entstehen Missverständnisse und haltlose Vorwürfe. Ich bin aber überzeugt, dass auch diese durch gegenseitige Offenheit und Austausch auf Augenhöhe abgebaut und ausgeräumt werden können. Wir freuen uns auf den Dialog – ja auch mit dem Alevitischen Verband, wenn man ihn dort denn auch wünscht. Denn Offenheit und Freiwilligkeit sind zwei wichtige Voraussetzungen für einen konstruktiven Dialog, bei dem Differenzen als Reichtum und Gemeinsamkeiten als Grundlage gemeinsamen Handelns für das Gemeinwohl gesehen werden.