Zu den unangenehmen Charaktereigenschaften dieses Landes gehört, wegzuschauen, wegzusehen, wenn einem die Hand gereicht wird. Man ist sehr oft erstaunt, worüber die Lokalzeitungen und die Fernsehanstalten in ihren Abendnachrichten berichten. Mitunter reicht ein Plakat auf der Wiese vor dem Reichstag, das fünf oder sechs Personen hochhalten, um ein Kamerateam anzulocken oder einen Protest zu formulieren, über den der Reporter mitschreibt und den er ins Blatt bringt. Um relevante Gruppierungen, die viel für diese Gesellschaft tun, wird hingegen gerne ein Bogen gemacht. Alles oder sehr viel, von dem was sie machen, wird verschwiegen. Denn was im Fernsehen nicht vorkommt, so die Bauernregel, findet nicht statt.

Zu den am häufigsten vorgebrachten Vorwürfen gegen die Anhänger von Fethullah Gülen, gegen die von ihm Inspirierten, gehört jener angeblicher „Geheimniskrämerei“. Was sich hinter der verschworenen Organisation, die in Wirklichkeit keine ist, verberge, erfülle den Tatbestand eines Geheimbundes. Vor allem die Wohngemeinschaften von Studenten und Auszubildenden, von Fethullah Gülen über die Jahrzehnte hinweg nur ein einziges Mal als „Lichthäuser“ umschrieben, werden Mal um Mal als Schauplätze von Verschwörungstheorien bemüht.

Ein anderes, mittlerweile bewährtes Mittel, um die vermeintliche Abschottung der Gülen-Gemeinde vom Rest der Gesellschaft zu belegen, ist, ohne Voranmeldung Einrichtungen aufzusuchen: Büros der Dialogvereine, Grundschulen, Gymnasien und andere Tagungsorte. Dass ein von den Medien überrumpelter Mensch in einer solchen Situation keine besonders gute Figur abgibt, dass er eine Abwehrhaltung einnimmt, ist eine Binsenweisheit. Würde ein Fernsehteam den Versuch unternehmen, ohne Voranmeldung in ein Bildungsministerium zu gelangen oder auf das Gelände eines Gymnasiums, käme man an der Pförtnerloge kaum vorbei, so schnell wäre die Polizei auch schon da. In einer Reihe von TV-Beiträgen haben mich daher die Freundlichkeit und Höflichkeit der Deutschtürken sogar richtiggehend überrascht, mit der sie auf unangemeldete Besuche von Medienvertretern, auf die stereotype Frage reagieren: Sind oder waren Sie Mitglied…?

Wir kommen nur uneingeladen…

Lokalreporter pflegen zu kritisieren, dass die Vereine und Schulen keine Öffentlichkeitsarbeit betrieben. Und wenn eine Zeitung oder ein Fernsehteam am Ende doch anruft, wird sehr oft verlangt, dass man binnen einer Stunde für Interviews zur Verfügung zu stehen habe. Aber Schulleiter und Lehrer sind vor allem für die Schüler da. Der ordentliche Schulbetrieb geht vor. Sehr beliebt ist mittlerweile, Fristen zu setzen und somit eine Drohkulisse aufzubauen. Mancher Verein ist in einer solchen Situation überfordert.

Durch die Bank ist vielen deutschen Medien vorzuwerfen, dass sie gleichzeitig die Einladungen und Veranstaltungshinweise, die aus dem Umfeld der Gülen-Bewegung kommen, negieren, nicht zur Kenntnis nehmen. Am Pariser Platz in Berlin, direkt hinter dem Brandenburger Tor, fand Ende des letzten Jahres eine Gala statt. Zu den Preisträgern gehörte der Schriftsteller Feridun Zaimoğlu, eine der interessantesten Persönlichkeiten der deutschen Gegenwartsliteratur. Eine Staatsministerin aus dem Auswärtigen Amt war anwesend und wurde ebenfalls geehrt. Berichtet wurde über die Veranstaltung mit hunderten von Teilnehmern nicht, eine Art von Schweigespirale scheint hierzulande zu funktionieren, sobald der Name Gülen fällt. Ein Rollladen rasselt herunter.

Schwan auf dem Redaktionsplan „versenkt“

Wer sich mit der Bildungsarbeit der Gülen-Anhängerschaft befasst, zu Lesungen und Gesprächen mit Gülen-Freunden nach Norden, Süden, in die Mitte der Bundesrepublik aufbricht, ist in der Regel mit ihnen und ein paar Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft am Abend allein. Die lokalen und regionalen Blätter üben eine Art Zensur aus, berichten so gut wie nie. Lobende Ausnahmen: Zeitungen in Solingen, Wiesbaden, Stuttgart und Augsburg.

Unfassbar schließlich, dass die Gründung der ersten großen deutschen Einwandererstiftung in Berlin zu Beginn des Monats von der Berliner Presse mit Schweigen übergangen wurde. Es hätte der einen oder anderen Zeitung gut angestanden, wenigstens aus der Festrede der einstigen Bewerberin um das Amt des Bundespräsidenten zu zitieren. Denn was Gesine Schwan, beileibe keine unkritische Beobachterin der Gülen-Bewegung, dort sagte, war mehr als bedenkenswert. Wer aber hinter dem freiwilligen, vernetzten Engagement vieler Menschen den großen Plan, die weltumspannende Verschwörung wittert, besitzt keine Empathie, übersieht die Hand, die sich ihm freundschaftlich entgegenstreckt.