Von dem Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass stammt der Satz, wonach der Fortschritt eine Schnecke sei. Das gilt für viele Bereiche, auch das Zusammenleben und Zusammenwachsen von Gesellschaften. Aber mitunter kommt es zu Überraschungen, bewegen sich die Dinge schneller als gedacht.

Die Freunde und Anhänger der Hizmet-Bewegung haben schwere Zeiten hinter sich. Die letzten Jahre waren nicht einfach. Obwohl sich in der Kommunikation nach innen und außen viel getan hat, kämpfen die Dialogvereine und Schulen gegen viele Vorurteile an. Anstatt auf florierende und gut funktionierende Bildungseinrichtungen zu schauen, die es oft genug in unmittelbarer Nachbarschaft gibt, wird bei neuen Schulinitiativen so getan, als handele es sich um einen einmaligen Vorgang, der gründlich durch die Politik, die Behörden und natürlich den Verfassungsschutz überprüft werden müsse.

TÜDESB: Größter deutsch-türkische Schulträger

Unterwanderung heißt das Schlüsselwort, das allzu rasch in der örtlichen Zeitung auftaucht und im Nu seinen Weg durch das Internet antritt. Aber hier tut sich etwas. Vor einigen Wochen feierte der Schulverein TÜDESB in Berlin-Spandau sein 20-jähriges Jubiläum. TÜDESB ist nach Einschätzung von Fachleuten der größte deutsch-türkische, private Schulträger in der Bundesrepublik. Das schon gut laufende Gymnasium erhielt unlängst einen sprachlich verständlicheren Namen in Anlehnung an den Stadtteil, in dem es liegt. Auf dem Gelände der Bildungseinrichtung ganz im Westen der deutschen Hauptstadt wird nun Zug um Zug ein Schulcampus entstehen, der von der Kita bis zum Fachhochschulabschluss viele Ausbildungsmöglichkeiten bieten wird.

Wie schon häufig geschehen, drohte dem Jubiläumsfest eine erste Enttäuschung, weil im Roten Rathaus von Berlin, wo die Festveranstaltung ursprünglich stattfinden sollte, urplötzlich keine Räumlichkeit vorhanden war. Das mag aus sachlichen Gründen zugetroffen haben, aber es kann auch den einen oder anderen Anruf gegeben haben. Damit kann man Deutschtürken jedoch nicht beeindrucken. Sie verstehen zu improvisieren, so wie ihre Väter und Großväter es mussten. Der Beginn der Türken in Deutschland war eine einzige Improvisation.

Es geht aufwärts

Die Absage im Stadtzentrum sollte sich am Ende als Glücksfall herausstellen. Denn auf dem historischen Gelände des Potsdamer Juliusturms fand sich ein Ausweichquartier mit Atmosphäre. Hier lief ein in jeder Hinsicht beeindruckender Festakt ab, gekonnt und elegant moderiert von dem Geschäftsführer einer der TÜDESB-Schulen, die es an mehreren Standorten in der Stadt gibt. Das nach Spandau verlegte Fest hatte zur Folge, dass die politische Prominenz dieses Stadtbezirks anwesend war, angeführt von den beiden Bundestagsabgeordneten, die Spandau für die CDU und SPD im Parlament vertreten, dazu zahlreiche Wegbegleiter, Bezirksverordnete und Mitarbeiter von Behörden.

Klarer hätte das Bekenntnis zu den Schulen, deren Organisatoren sich durch das Wort von Fethullah Gülen angesprochen fühlen, nicht ausfallen können. Besonders eindringlich warb die ehemalige Ausländerbeauftragte der Stadt, Barbara John, um Vertrauen für die Arbeit von TÜDESB. Mancher im Saal lächelte vor sich hin, als sie von den Anfängen der Bildungsarbeit der Deutschtürken in den Hinterhöfen Berlins berichtete. Eine besonders schöne Geste war unter solchen Umständen, daß eine Handvoll von der Arbeit geprägten Männern an das Rednerpult geholt wurde. Sie waren Deutschtürken der zweiten Generation, die mit Spenden und eigenem Handanlegen eine Erfolgsgeschichte möglich gemacht haben, die die Berliner Politik für undenkbar hielt und die ihresgleichen im Lande sucht.

Eine Fortsetzungsgeschichte konnte man wenige Tage später in Düsseldorf erleben, wo das Internationale Sprach- und Kulturfestival vor knapp 20 000 Zuschauern im ISS Dome stattfand, einer gigantischen Mehrzweckhalle. Wie mehrere Redner betonten, danke man Deutschland dafür, Gastgeber eines Kulturfestes zu sein, das eigentlich in Istanbul hätte stattfinden sollen. Die aktuellen Zustände in der Heimat von Eltern und Großeltern hatten die Organisatoren jedoch dazu bewogen, die farbenprächtige Show in jenes europäische Land zu verlegen, das für die Türken in aller Welt, nicht nur die Deutschtürken, immer wichtiger wird. Es ist ein Leuchtturm geworden. Prasselnder Beifall und Standing Ovations unterstrichen die Eindrücke des Beobachters, wonach Deutschland für die Menschen immer mehr Heimat wird. Es geht vorwärts.