Höhenflug der Istanbuler Börse – aber gedrosseltes Wirtschaftswachstum

Die Türkei bewegt sich und das spiegelt sich auch auf dem Handelsparkett in Istanbul wider. Der Aktienindex BIST- 100 erreichte am Donnerstag ein Hoch von 87.237 Punkten. Die Stimmung ist optimistisch und das treibt auch den Aktienmarkt in die Höhe. Ernsthafte Spekulationen über ein erneutes Ratingupgrade der türkischen Republik werden für den Ausschlag an der Börse verantwortlich gemacht. Und so übertraf der Istanbuler Index seinen Rekord vom 24. Januar dieses Jahres, der damals noch bei 86.787 Punkten lag. Der letzte charttechnische Widerstand wurde am frühen Morgen durchbrochen. Der türkische Finanzmarkt entwickelt sich prächtig, die Euphorie in der türkischen Realwirtschaft hat sich jedoch gleichzeitig gelegt.

Die Geschwindigkeit, mit der sich die Türkei ihren Weg in die Moderne bahnte, sucht ihresgleichen. Vor allem vor dem Hintergrund der Finanzkrise ist die Entwicklung bemerkenswert. Während der Westen und allen voran Europa in einer Rezession verharrt, feiert die Türkei nach wie vor wirtschaftliche Erfolge.

In den vergangenen zehn Jahren hat die Türkei ihre Wirtschaftskraft mehr als verdoppelt. Durchschnittlich wies sie in den Jahren von 2002 bis 2012 ein prozentuales Wachstum von 5 Prozent auf. 2011 übertrumpfte das Land sogar China. Das BIP der Türkei wuchs in diesem Jahr um 8,8 Prozent. Enorme Wachstumsschübe wie in diesen Jahren werden aber wohl der Vergangenheit angehören.

Energie und Importabhängigkeit als Problembereiche

Es wird schwieriger. Die Jahre des märchenhaften Wachstums sind vorüber. 2012 wuchs die Türkei nur um 2,2 Prozent, was insbesondere im Vergleich zu Europa nicht schlecht ist, aber mit Sicherheit doch ernüchternd gemessen an den vorangegangenen Jahren. Auch wenn die Zahlen im Grunde erfreulich sind: Es wird schwierig, wieder eine Dynamik wie in den Jahren zuvor mobilisieren zu können.

Viele Problemstellen existieren immer noch und werden ein nachhaltiges Wachstum der Türkei nicht unbedingt erleichtern. Allen voran steht dabei das hohe Leistungsbilanzdefizit. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt gehört es zu den höchsten in der Welt. In einfachen Worten erklärt: Es wird mehr in die Türkei importiert, als aus dem Land exportiert wird. Die heimische Industrie ist zu schwach, um die Binnennachfrage zu befriedigen, deswegen muss aus dem Ausland teuer eingekauft werden. Das ist ein großes Risiko für eine Volkswirtschaft. Das Leistungsbilanzdefizit beträgt heute 6 Prozent. Natürlich ist es positiv zu erwähnen, dass sich auch hier viel getan hat. Das Defizit fiel in den letzten Jahren um ganze 4 Prozent.

Auch eine hohe Energieabhängigkeit trägt maßgeblich zum Leistungsbilanzdefizit bei. Die Türkei ist wie Deutschland ein sehr ressourcenarmes Land. Zwei Drittel des Energieverbrauchs, vor allem Öl und Gas, müssen importiert werden. Die türkische Bevölkerung ist jung und energiehungrig. Sie wächst in großen Schritten. Der Altersdurchschnitt liegt bei unter dreißig Jahren. Im Vergleich liegt Deutschlands Altersdurchschnitt bei über 45 Jahren. In wenigen Jahren wird die Türkei Großbritannien als drittgrößten Energieverbraucher Europas verdrängen.

Das Leistungsbilanzdefizit der Türkei ist zu hoch, die Industrie ist nicht entwickelt genug, um die Nachfrage im Land ausreichend zu befriedigen. Und die Inflationsrate muss gesenkt werden. Sie liegt mit 5 Prozent sehr weit oben. Es existiert zudem ein hohes Maß an wirtschaftlicher Aktivität, die nicht von der Steuer erfasst wird, zu Deutsch: Schwarzarbeit. Sie muss bekämpft werden. Der Bildungsgrad muss angehoben werden. Die Technologisierung der Betriebe muss vorangetrieben werden. Unternehmen werben zu wenig im Ausland und der Kontakt zwischen Universitäten und Industrie ist ausbaufähig.

2023 im Blickpunkt

Die islamisch-konservative Regierung der AKP unter Recep Tayyip Erdoğan hat sich durch eine intelligent geführte Finanzpolitik positiv in Szene setzen können. Die Staatsschulden konnten beispielsweise auf unter 40 Prozent gesenkt werden, die Neuverschuldung gar auf unter 3 Prozent. Auch die Arbeitslosenzahlen der Türkei sinken kontinuierlich. Mittlerweile stufen zwei der drei wichtigsten Ratingagenturen, Fitch und Standard & Poor’s, die Türkei auf „Investment-Grade“ ein. Die dritte Agentur Moody`s soll Spekulationen zufolge im Laufe des Jahres nachziehen. Zuvor galten die Papiere als hochspekulativ. Damit steht die Wirtschaft auf einem sicheren Fundament.

Bis zum Jahr 2023 will die Türkei zu den zehn bedeutendsten Ländern der Welt gehören. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, plant Ankara, bis 2023 enorme Summen für den massiven Ausbau der heimischen Infrastruktur einzusetzen. Die Regierung will zudem unabhängiger werden und die heimische Energieproduktion mittels inländischer Kraftwerke ausbauen. Ankara investiert in das Schienennetz, in Flughäfen und Brücken, in Atomkraftwerke, Kohlekraftwerke und 1.400 kleine und mittlere Wasserkraftwerken. Infrastrukturprojekte werden als wichtige Maßnahmen angesehen, um die heimische Produktivität zu optimieren und finanzkräftige ausländische Investoren ins Land zu locken.

Die türkische Wirtschaft muss in den nächsten Jahren konsolidiert werden, damit sie sich auch in Zukunft nachhaltig und konstant entwickeln kann. Vieles machen die türkischen Unternehmen richtig. Vieles ist aber noch zu tun. Die Türkei ist ein Zukunftsmarkt mit viel Potenzial. Die Euphorie, die den Parketthandel in Istanbul kennzeichnet, spricht eine klare Sprache: Die Türkei ist attraktiv. Sie ist aber auch stark entwicklungsfähig. Die Türkei hat bereits große Sprünge gemacht. Die Weichen für die nächsten Mammutschritte müssen aber erst noch gestellt werden.