Die Stimme der Folter

„Ich habe in elf Tagen elf Kilo abgenommen“

In einer -Serie mit dem Übertitel: “Die Stimme der ”, Folter und  als Staatsgewalt – Ein chronischer Zustand in türkischer Haft, kommen die Opfer zu Wort. In diesem Beitrag spricht ein Lehrer zum ersten Mal darüber, was ihm widerfahren ist.

 „Ich habe von diesen Sachen weder meiner Frau, noch meiner Mutter oder meinem Vater etwas erzählt“.

 

Zum Teil sind es persönliche Berichte, zum Teil basieren die Aussagen auf Beobachtungen und Erzählungen von Mitinsassen. Die Qualitätsstufe der Aussagen werden in den einzelnen Beiträgen kenntlich gemacht. Doch in allen Fällen handelt es sich um authentische Erfahrungen aus der Zeit in und Gefängnissen. Die Echtheit der Aussagen und der Personen liegt in allen Fällen der Redaktion vor. Die Betroffenen gehen zum Teil offen, zum Teil lieber anonym vor die Kamera. Für viele ist die Erinnerung an die Tortur noch unvergessen, einfach zu frisch. Andere hingegen wollen Verwandte in der  nicht in Gefahr bringen und möchten um jeden Preis unerkannt bleiben. DTJ geht mit den individuelle Wünschen nach Anonymisierung mit bestem Wissen und Gewissen um.

„Sie haben auf mich gepinkelt um mich von der Ohnmacht zu wecken“

„Ich bin seit elf Jahren Lehrer für psychologische Beratung und habe in Istanbul gelebt. Ich habe überwiegend an privaten Schulen gelehrt. Meine Frau war Geschäftsführerin eines Unternehmens. Wir haben zwei Kinder. Eines der Kinder ist auf die Welt gekommen, als ich im Gefängnis war. Ich konnte also bei der Geburt nicht dabei sein. Wie Sie sicherlich auch wissen, hat nach dem Putschversuch am 15. Juli eine Hexenjagd begonnen. In diesem Rahmen gab es am frühen Morgen des 30. Juli gegen 5 Uhr eine in meiner Wohnung, in der auch meine, im sechsten Monat schwangere Frau und meine sechsjährige Tochter waren. Ich wurde vor den Augen meiner Frau und Tochter aus der Wohnung gezerrt und ins Polizeirevier gebracht.

Auf dem Revier wurde mir nur gesagt, dass ich nicht von mir selbst erzählen solle, sondern die Dinge, die einige Leute aus dem Umfeld gesagt hätten, einfach nur hinzunehmen und zu akzeptieren habe. Mir wurden ein paar Namen genannt, über die ich sagen sollte, ob ich sie kenne oder nicht. Mir wurde gesagt, dass ich anschließend gehen dürfe. Als ich gesagt habe, dass ich diese Namen nicht kenne, hieß es: “Okay, du möchtest wohl nicht reden. Aber wir bringen dich noch dazu”.“

“Okay, du möchtest wohl nicht reden. Aber wir bringen dich noch dazu”

„So wurde ich ins Polizeirevier Vatan im Istanbuler Stadtteil Fatih versetzt. Als wir in der Terrorabteilung des Reviers Vatan ankamen, war es exakt 7.30 Uhr. Daran kann ich mich noch ganz gut erinnern. Man ließ mich meine Schnürsenkel lösen, ich bekam Handschellen angelegt und wurde gegen die Wand gedrückt. Nach kurzer Zeit brachte mich ein Polizeibeamter in das berüchtigte vierte Stockwerk. Dass dieses Stockwerk bekannt war, habe ich erst im Gefängnis mitbekommen. Dort wurde ich in einem schmalen und langen Flur gegen die Wand gedrückt und musste dort eine Weile warten. In diesem Bereich muss man mit dem Gesicht zur Wand und den Händen in Handschellen hinter dem Rücken warten. Hier bekommst du nicht mit, wer hinter dir läuft, aber jeder, der dort vorbeiläuft, hat mir einen Tritt, einen Klatscher an den Nacken, an den Rücken, oder ähnliches verpasst. Wer du bist, weshalb du da bist, das weiß keiner und danach fragt auch keiner. Jeder Beamter, der dort vorbeiläuft, schlägt dich und flucht.

Danach wurde ich in ein Zimmer gebracht, das überall und stark ausgelichtet war. Ein sehr kleines Zimmer. In diesem Raum musste ich dann auf die Knie gehen. Eine Zeit lang kam niemand. Dann kamen sie aber zu zweit. Sie sind reingekommen, haben mir nichts gesagt, haben keine Fragen gestellt. Stattdessen haben sie mich wirklich hart geschlagen. Sie haben mich geschlagen und geflucht. Solche Flüche habe ich in meinem Leben bis dahin nie gehört. Die Flüche waren gegen meine Familie gerichtet. Währenddessen haben sie mich weiter geschlagen. Dabei versuchte ich zu fragen, warum ich da sei und warum ich geschlagen wurde. Ich war auf den Knien und Handschellen waren angelegt. Bei jedem Tritt flog ich natürlich auf den Boden. Die Polizeibeamten wurden ständig ausgetauscht. Es gingen zwei Leute, drei andere Leute kamen. Die zwei Beamten von vorhin sind gegangen, und zwei andere sind gekommen. Einer hatte eine Karaffe voller Wasser in der Hand und hat mich mit dem Wasser nass gemacht. Der andere hat seinen Gürtel herausgeholt und hat mich damit geschlagen, als ich auf dem Boden lag.“

„Dann haben sie mich nach Namen gefragt: “Kennst du diesen Namen, kennst du jenen Namen?”“

„Dann habe ich gesagt, “Lasst mich doch mal sitzen und stellt mir Fragen wie ein Mensch. Lasst mich es doch sagen, wenn ich was weiß. Ich weiß gar nicht mal, warum ich hier bin. Sagt mir das doch erst einmal.” Diese zwei Beamten haben mich sehr brutal geschlagen… so brutal, dass ich ohnmächtig wurde, als sie mich mit dem Gürtel schlugen. Schließlich war es da drinnen sehr warm und das Zimmer sehr klein, man konnte nicht mal richtig atmen und dann bin ich eben umgefallen.

Danach… diesen Teil sage ich mit großem Bedauern, aber… diese zwei Beamten haben auf mich… also… auf mich uriniert, um mich zu wecken. Als ich dann zu mir kam… also… dann habe ich sie vor mir stehen sehen. Sie haben auf mich uriniert. Dann haben sie angefangen zu lachen und sich über mich lustig zu machen. Sie haben über meine ganze Familie geflucht.

„Dann sind auch diese Beamten gegangen und es kamen zwei andere Beamte. Als sie kamen, hatten sie ein Tablet oder Smartphone dabei. Daran kann ich mich jetzt nicht mehr ganz erinnern. Sie haben mir Namen und Fotos gezeigt und gefragt, ob ich sie kenne. Sie haben mir Fragen gestellt und mich dabei auch geschlagen. Obwohl ich gesagt habe, dass ich sie nicht kenne, haben sie untereinander geflucht und der eine hat zum anderen gesagt: “Schon gut, warum fragst du denn? Unter den Fotos stehen die Namen doch sowieso. Schreib alles in seine Verteidigung. Am Abend wird er es ohnehin akzeptieren. Er ist dreißig Tage bei uns. Wenn er will, kann er das alles bestreiten, wenn der Anwalt da ist und wenn er den Mumm dazu hat. Du bist dreißig Tage bei uns. Jeder der Beamten hat eine eigene Phantasie. Du bist dreißig Tage in unseren Händen. Wenn du willst, kannst du es sein lassen mit der Unterschrift dieser Verteidigung.”“

„Warum fragst du denn? …Schreib alles in seine Verteidigung. Am Abend wird er es ohnehin akzeptieren.“

„Dann haben sie mich unter den Armen gepackt und in ein Nebenzimmer gebracht. Später habe ich erfahren, dass der Mann, vor den sie mich gestellt hatten, Polizeichef in diesem Revier war. Er hatte lange, blonde Haare und einen Zopf. Der Mann ist aufgestanden und ist zu mir gekommen, hat mich gefragt, ob ich Kinder hätte. Ich habe das bejaht. Dann fragte er, ob mein Kind am Leben sei, was ich auch bejaht habe. Dann wollte er wissen: “Und wie viele Kinder hast du an jener Nacht getötet? Von wie vielen bist du der Mörder?” In diesem Zustand konnte ich nur ein leichtes Lächeln zurückgeben… Da habe ich gesagt, “Was sagen Sie denn da? Ich habe willentlich nicht einmal ein Insekt getötet… Wie soll ich ein Kind töten?”“

„Ich habe gesagt, ich bin Lehrer. Er befahl den Beamten, mich mitzunehmen und zum Reden zu bringen. Nachdem er sagte, dass sie mich zum Reden bringen sollen, taten mir diesen Menschen unglaubliche Dinge an. Sie machten mich nass und schlugen auf mich ein, bis ich in Ohnmacht fiel und mit Wasser geweckt wurde. Ich bin immer noch in Handschellen und meine Hände hinter dem Rücken… und das seit morgens 7.30 Uhr. Gegen Abend kam dann ein Beamter in der Rolle des ´good cops´.  Sie haben gesagt, “Schau her lieber Bruder. Rede… Erzähl, was du weißt.” “Wir werden dich gut behandeln. Wir werden dich aus dieser Tür rausschicken. Du darfst dann auch gehen.” Jetzt wurde mir also der ´nette Polizist´ vorgesetzt. Ich konnte da nur die Frage stellen, ob ich mal eben beten dürfe. Sie haben mich genommen und ins Bad gebracht.“

„Im Bad habe ich mein Gesicht gesehen und mich selbst nicht erkannt“

„Im Bad habe ich mein Gesicht gesehen und mich selbst nicht erkannt… Ich habe mein Gesicht gesehen, und bin vor Angst in Ohnmacht gefallen. Dann bin ich dort wieder aufgestanden, habe die rituelle Waschung vorgenommen und mein Gebet verrichtet. Den Beamten habe ich dann nach der Uhrzeit gefragt. Er sagte, es sei abends 18.30 Uhr. Ich aber hatte das Mittagsgebet verrichtet. Ich möchte damit darauf hinaus, dass mein Verstand komplett weg war. Das Zeitbewusstsein habe ich dort verloren.“

„Das Zeitbewusstsein habe ich dort verloren“

„Dann haben sie mich wieder ins Zimmer gebracht und mir gesagt, dass von der Rechtsanwaltskammer ein Anwalt da sei. Da haben sie mir die Handschellen auch abgenommen. Genau 11 Stunden waren Handschellen angelegt und das mit den Händen hinter dem Rücken. Später musste ich den Verteidigungstext, den sie selber verfasst hatten, unterschreiben. Mir wurde zuvor ja gesagt, ich müsse dreißig Tage dort bleiben und jeder der Beamten hätte eigene Phantasien. Wenn ich den Mumm dazu hätte, müsse ich nicht unterschreiben. Dann habe ich im Beisein des Anwalts diese Verteidigung unterschrieben und wurde nach unten in die Aufsichtszelle gebracht. Folter fand in langsamen Schritten statt. Sie haben zum Beispiel in einer Nacht meinen Namen aufgerufen und geschrien. Schlafen kann man da sowieso nicht. Man wartet einfach nur. Ich habe sofort meine Kleider angezogen und bin raus gegangen. In diesem Revier in Vatan gibt es gleich am Eingang Befragungsräume. Man wird in diese Zimmer gebracht. Also nicht nur ich, sondern jeder wird dorthin gebracht.“

Es kamen zwei, einer schlug mich, der andere lachte

„Zu mir kamen zwei Beamte, der eine war etwas jünger, der andere etwas älter. Sie sagten, sie kämen aus Gayrettepe. Der Ältere zog seine Jacke aus, nahm seine Uhr ab und ohne mich überhaupt zu fragen, wer ich bin, fing er sofort an, mir gegen die Beine zu treten. Er schlägt und flucht. Seine Flüche waren sehr hart. Und der andere jüngere Beamte saß am Tisch, legte die Beine auf den Tisch und lachte die ganze Zeit. Dann haben sie mir eine Liste gebracht. Sie haben gefragt, ob ich diese und jene Namen auf der Liste kenne. Ich habe dann gesagt, dass ich diese Menschen kennen könnte und das schon aus rein beruflichen Gründen, wenn auf der Liste z.B. die Namen von Eltern standen. Obwohl ich das so gesagt habe, haben sie weiter gefragt, ob ich die Namen kenne und haben mich dann weiter geschlagen. Wie spät es dabei war, kann ich jetzt nicht ganz genau sagen. Wahrscheinlich nachts, vielleicht Mitternacht oder 1 Uhr.“

„Am Ende hat der ältere Beamte mich am Hals gepackt und gegen die Wand gedrückt. Ich konnte nicht mehr atmen.“

„Am Ende hat der ältere Beamte mich am Hals gepackt und gegen die Wand gedrückt. Ich konnte nicht mehr atmen. Ich habe gesagt “Lass mich, lass mich”. Dann hat er mich losgelassen und sie sind rausgegangen. Ich habe etwa 2-3 Minuten gebraucht, um meinen Atemrhythmus wieder in Takt zu bringen. Bei mir war niemand mehr. Ob ich noch am Leben war oder vielleicht sogar gestorben bin, das hat niemanden interessiert. Sie sind einfach gegangen. Anschließend haben sie mich wieder in die Zelle gebracht. Diese Behandlung ist dort jedem widerfahren. Wann man dich dahin ruft, wann etwas passiert… Du weißt quasi nichts. Ich habe in elf Tagen elf Kilo abgenommen.

„Ich habe in elf Tagen elf Kilo abgenommen“

„In der Zelle hat man nicht wirklich die Gelegenheit zu sprechen. Man kann sich gegenseitig nach den Namen fragen und sich grüßen. Schließlich war dort ein helles Licht auf uns gerichtet. Man wird abgehört und alles wird aufgenommen. Es ist ohnehin verboten. Man kann den anderen nicht wirklich etwas fragen. Wir wurden jeden Abend um 17 Uhr in ein kleines Krankenhaus nebenan in Fatih/Vatan gebracht. Wir mussten Schlange stehen und in die Fahrzeuge steigen. Dort wurde danach gesehen, ob wir auf unserem Körper Anzeichen für hatten oder nicht. An meinem Körper gab es diese sehr wohl… Aber die Beamten, die mich misshandelt haben, haben es mir ganz ausdrücklich gesagt: “Wir warten vor der Tür” – Sie sind auch tatsächlich mitgekommen. Es waren etwa fünf bis sechs Zivilbeamte und fünf bis sechs Beamte in Polizeianzug. Sie sind bis vor die Tür des Arztes gekommen. Als der fragte, ob wir Misshandlungen erlitten hatten, konnten wir nicht sagen, “Ja, ich habe hier und da Spuren”, weil diese Leute an der Tür warteten.“

„Bei der ärztlichen Behandlung waren die Beamten dabei, die uns gefoltert haben“

„Das haben sie uns da gesagt: ”Du sagst nicht, dass du hier und da Spuren hast! Wir sind heute Abend eh wieder zusammen…”Aber dort hatte ich auch einen Freund und ein paar andere Leute, bei dem man die Spuren am Gesicht sofort erkennen konnte. Bei diesen hat der Arzt das auch so aufgenommen und protokolliert. Aber später haben wir erfahren, dass auch der Beamte, der das ebenso protokolliert hat, dort bedroht wurde: “Wenn du das nochmal so schreibst, war das dein letztes Protokoll”. Das habe ich aber natürlich erst im Gefängnis erfahren. In der U-Haft-Zelle hatten wir gar keine Möglichkeit, darüber zu sprechen. Nach elf Tagen haben sie uns gesagt, wir sollen uns anziehen und wir hätten heute eine Gerichtsverhandlung und haben uns zum Fahrzeug gebracht.Wir wurden mit städtischen Bussen transportiert. Als gebe es ein Karnaval. Mit zwei Bussen wurden wir zur Gerichtsverhandlung gebracht. Wir standen zu fünft vor Gericht. Ein Geschäftsmann hat vor Gericht über mich gesagt, “Ich kenne diesen Mann. Ich habe ihn hier und da getroffen. Ich hatte jene Beziehung zu ihm…”. Der Richter hat mich auf Grundlage dieser Aussage festnehmen lassen.“

„In Gayrettepe hat man mich dermaßen misshandelt.. Ja sogar vergewaltigt“

„Aber folgendes gibt es auch noch: Im Gefängnis waren wir mit diesem Geschäftsmann in einer Zelle. Aber dieser Unternehmer hat einen Monat lang an meinem Hals gehangen und sich bei mir entschuldigt. Er hat gesagt “Ich kann das meiner Familie nicht erzählen, aber in Gayrettepe hat man mich dermaßen misshandelt.. Ja sogar vergewaltigt..Sie haben ständig nach Namen gefragt..Und ich musste dann einfach Namen nennen, obwohl ich nicht wollte. Obwohl ich mit dir keine wirklichen Beziehungen hatte, musste ich sagen, dass ich diese hatte..” Dieser Geschäftsmann selbst hat mir von den Misshandlungen erzählt. Bei ihm war es am Anfang auch so, dass er unter heftigen Flüchen geschlagen wurde. Er hat denen gesagt, er kenne niemanden. Danach bekam er in Gayrettepe, nicht in Vatan, sondern in Gayrettepe, eine Tüte über den Kopf gezogen. Man versuchte ihn zu ersticken. Also genau so, wie die meinen Hals in Vatan gedrückt und mich auf dem Boden liegen lassen haben, bekam der Mann eine Tüte über den Kopf und wurde gewürgt.

„Tüte über den Kopf, um ihn zu ersticken“

Das soll sich ein paar mal in dieser Form wiederholt haben. Er hat auch erzählt, dass ihm seine Kleidung ausgezogen wurde und er vollkommen nackt da stand und dann diese Behandlung erfahren musste. Das hätten sie so zwei Mal wiederholt, sagte der Geschäftsmann. Als sie das dritte Mal kamen, hätten sie ihm mit gedroht. “Wir haben einen Verteidigungstext für dich verfasst, und du wirst diesen jetzt unterschreiben”, sollen sie gesagt haben. Im Gefängnis waren wir insgesamt 28 Leute. Mein Anwalt hat mir aber gesagt, dass dieses Gefängnis für 14 Leute gedacht war. All die Toiletten, Bäder, Betten usw. waren entsprechend konzipiert. Wir waren zwar die meiste Zeit 28 Leute dort, aber manchmal stieg die Zahl auch auf 30 oder gar 32. Personen, die neu ankamen, bekamen entweder Matratzen für die übrigen Zwischenräume oder mussten auf Fleecedecken schlafen. Als ich das erste mal dort war, waren wir insgesamt 20 Leute. Wir sind nachts gegen 3.30 – 4.00 Uhr im Gefängnis angekommen. Wenn ich mich nicht falsch erinnere, bekamen wir 20 Stunden lang kein Wasser.

„Wir bekamen 20 Stunden kein Wasser“

„Entschuldigen Sie.. Sie müssen auf ihre Notdurft verrichten.. Es ist August und sehr heiß.. Sie verdursten.. Sie haben Grundbedürfnisse.. Sie wollen beten und müssen dafür die rituelle Waschung vornehmen.. Sie sind nicht alleine da, sondern 28 Leute.. 20 Stunden ohne Wasser.. Wir haben dort Wasser von unseren Vorgängern gefunden.. Da waren etwa 1-2 Liter Wasser drin. 20 Stunden lang haben es diese 28 Leute mit diesem Wasser ausgehalten und unter sich aufgeteilt. Die Waschungen haben wir mit der Teyemmüm-Methode [Anm.d.Red.: Eine besondere Ausnahmeform der rituellen Waschung, wenn kein Wasser vorhanden ist] vorgenommen und mit dieser Waschung haben wir gebetet. Obwohl wir ständig nach Wasser gefragt haben, bekamen wir es erst nach 20 Stunden. Etwa einen Monat nach unserer Inhaftierung bekamen wir einen Text. Man verlangte von uns, dass wir diesen Text an die Pinnwand hängen. Auf dem Text stand, dass der Staatsanwalt das Mitbringen des Korans verboten hat. Natürlich hat uns das alle schockiert  …Also..eine Regierung, die sich als national und religiös darstellt, die inhaftierten Menschen den Koran untersagt…

„Eine Regierung, die sich als national und religiös darstellt, die inhaftierten Menschen den Koran untersagt“

„Auch wenn das für alle etwas seltsam klingen mag.. Das haben wir dort so erlebt.. Im Gefängnis hatten wir einen einzigen Koran. Diesen haben wir im 24 Stunden-Rhythmus untereinander aufgeteilt und den Koran in dieser Form täglich von vorne bis hinten durchgelesen… Elhamdüllillah (Gott sei Dank). Wir haben natürlich nach einer Lösung gesucht und haben erfahren, dass es ein System gibt, das sich “Dış Kantin” (dt.: externe Kantine) nennt. In dieser externen Kantine haben wir Koranexemplare bestellt. Nach etwa 15-20 Tagen kamen wir über dieses System an Koranexemplare und haben damit das Problem gelöst. Ich war sechseinhalb Monate inhaftiert. Später hat der Geschäftsmann gesagt, dass er unter schlechten Bedingungen diese Aussagen über mich getätigt hat. Er hat ausgesagt, dass wir keine Beziehungen hätten, wie er es damals [vor Gericht] geschildert hatte. Eigentlich ist das, was er mit Beziehungen meint, sehr witziges Zeug.. Zeug, das gar nicht strafbar ist. Er hat halt gesagt, ich hätte keine Beziehungen zu ihm und hat damit seine Aussage geändert. Der Herr Richter hat mich daraufhin freigelassen.“

„Ich war etwa zwei Monate auf freiem Fuß. Aber in der zweiten Gerichtssitzung wurde plötzlich behauptet, dass auf meinem Smartphone die App ByLock gefunden worden sei. Ich wurde zur Fahndung ausgeschrieben. Ich sollte nochmal verhaftet werden.“

„Ich habe von diesen Sachen weder meiner Frau, noch meiner Mutter oder meinem Vater etwas erzählt. Ich erzähle also von dieser Geschichte hier in diesem Interview zum ersten Mal. Auch sie werden von dieser Geschichte also hiermit zum ersten Mal hören.“

„Sie wissen von diesen Geschehnissen nichts.. Ich habe diese Sachen nur in ein Heft notiert, womit ich mich auf die Gerichtsverhandlung vorbereitet hatte. Als ich in Untersuchungshaft kam, war meine Frau im sechsten Monat schwanger. Ich bin meiner Frau dankbar.. Trotz ihrer Schwangerschaft war sie bei jedem Besuchstermin da.. Sie hat mich nie alleine gelassen. Es waren drei Tage bis zu einem dieser Besuchstermine.. Man macht sich natürlich Gedanken über die schwangere Frau. Man hört nichts..Das ist eine ganz andere Psyche. Dann fand dieser eine Besuchstermin statt.. Ich war sehr nervös und wusste nicht, ob meine Frau da ist oder nicht. Ist das Kind geboren oder nicht?.. Dann habe ich gesehen, dass meine sechsjährige Tochter weinend zu mir gerannt ist. ..Meine Mutter kam ebenfalls mit Tränen in den Augen zum Besuchstermin... Sie sagte: “Mein Sohn, Dein Sohn ist auf die Welt gekommen..”

“Mein Sohn, Dein Sohn ist auf die Welt gekommen..”

Mein Sohn, Dein Sohn ist auf die Welt gekommen... Möge Gott ihn mit Mutter und Vater aufwachsen lassen..Dein Sohn ist auf die Welt gekommen..” Meine Tochter sagte: “Papa, ich habe einen Bruder bekommen..” Ich habe also im Gefängnis erfahren, dass ich erneut Vater geworden war.. Ich war etwa elf Tage auf dem Revier in Vatan.. Ich möchte sagen, dass.. Also es ist keine Sache, die nur mich betrifft.. Als wir da waren, hat man uns reingenommen.. Da waren mehrere Zellen für jeweils fünf Personen nebeneinander. Nach etwa zwei Nächten gab es in einem dieser Zellen Bewegung.. Alle Beamten sind in diese Richtung gelaufen.. Es wurde laut. Da ist natürlich jeder aufgewacht und sich gefragt “Was ist passiert?”..  Bei uns war ein Arzt.. Diesen haben sie gerufen, er solle schnell kommen.. Neben unserer Zelle war wohl ein Lehrer – seinen Beruf habe ich erst später im Gefängnis erfahren.. Er heißt Gökhan.. Lehrer Gökhan.. Sie haben gesagt, dass Lehrer Gökhan erkrankt ist.. Der Arzt hat dort reagiert.. Aber wir hörten Schreie..

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Lesen Sie in der Fortsetzung der DTJ-Online Serie „Stimme der Folter“ die wahre Geschichte hinter dem verstorbenen Lehrer Gökhan. Bislang ist bekannt, dass Gökhan wegen fehlender Diabetes-Medikamente im Gefängnis zu Tode gekommen ist, so übereinstimmende Medienberichte in der Türkei.