Der Journalist Fatih Akalın erlebte in kürzesten Zeitabständen, wie die türkischen Medien, für die er einst arbeitete, unter Zwangsverwaltung gestellt wurden. Erst traf es im vergangenen November die İpek Medien. Dann wagte er mit anderen Kollegen einen Neustart beim Lokalsender Can Erzincan TV. Nach dem gescheiterten Putsch vom 15. Juli wurde allerdings auch Can Erzincan TV geschlossen und Akalın war gezwungen, die Türkei zu verlassen. Aus dem Ausland berichtet er nun auf Facebook, wie er die letzten Monate erlebt hat.

„Es war mitten in der Nacht.

Seit Tagen waren wir nicht mehr zuhause und verbrachten den ganzen Tag im Redaktionsgebäude der Mediengruppe Ipek in Istanbul Mecidiyeköy.

Die Gerüchte über die Einsetzung des Zwangsverwalters nahmen Gestalt an und es dauerte nicht lange, bis die Polizei vor der Tür stand, um uns den Bescheid zu übermittelt.

Weil sich aber die versammelten Menschen und die Redakteure wehrten, mussten sie zurückkehren.

Aber wir waren uns sicher; sie würden wiederkommen.

Etwa gegen 04:30 Uhr lief einer der verantwortlichen Redakteure im News-Room an, um die schlechte Nachricht zu überbringen: „Sie kommen“, sagte er.

Er meinte bestimmt nicht Milchmänner.

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Wir alle liefen nach draußen und sahen Hunderten Polizisten zu, wie sie das Gebäude umzingelten.

Wir standen gemeinsam mit unseren um die 100 treuen Zuschauern und Lesern Wache, um die gewaltsame Übernahme zu verhindern.

Wir waren nicht bereit, uns so schnell zu ergeben.

Gestärkt von der Tatsache, dass wir uns im Recht wähnten, wollten wir einen würdigen Widerstand leisten.

Die Zuschauer von Bugün und Kanaltürk TV und die Leser der Tageszeitungen Bugün und Millet draußen und wir im Inneren warteten Hand in Hand.

Etwas später griffen die Polizisten mit Pfeffergas und Wasserwerfern an.

Sie zerrten Menschen, die nicht anderes taten, als Widerstand zu leisten, indem sie vor der Tür standen, auf den Boden und legten ihnen Handschellen an.

Der Tag war noch nicht angebrochen.

Zwischen uns und den Polizisten befand sich nur noch eine dünne Eisentür.

Kein einziger von uns war bereit, auch nur einen Schritt zurückzuweichen.

Auf der einen Seite standen die Polizisten, die uns Pfeffergas ins Gesicht sprühten, auf der anderen die Feuerwehrleute, die den Slogan des damaligen Innenministers Efkan Ala „Türen aufbrechen, Journalisten einsacken“ umsetzten.

Und all das wurde live übertragen und geschah vor den Augen der Weltöffentlichkeit.

Auch wenn dies uns nicht bewusst war, beobachteten auch unsere nächsten Verwandten die Geschehnisse und machten sich Sorgen um uns.

Die vor Zorn verrückt gewordenen Polizisten packten jeden, den sie in die Hände bekamen, raus.

Warum waren sie so verärgert?

Sie verhielten sich so, als ob nicht unser Haus gestürmt wurde, sondern ihres.

Einer der Polizisten hielt mich am Arm fest und zog mich nach draußen.

Ich war längst heiser geworden vor lauter Aufregung angesichts des Unrechts, das uns widerfuhr.

Als er zu mir sagte, ich solle doch „bitte keine Schwierigkeiten machen“, war für mich das Fass übergelaufen. Ich schaute ihm tief in die Augen: „Bin ich hier derjenige, der Schwierigkeiten macht? Bin ich derjenige, der morgens um 5 Uhr kommt und das Haus stürmt, als ob gerade geputscht wurde, oder du?“

Er verzog seine Blicke, wurde weinerlich und wendete seinen Kopf in eine andere Richtung.

Wir waren entschlossen zu zeigen, dass der König nackt war.

Wir wollten eine Burg mit zerstörten Mauern zurücklassen.

Unser Widerstand dauerte zwölf Stunden an.

Am Ende des Tages hatten die Polizisten vor den Augen der Weltöffentlichkeit die Türen eines Medienunternehmens aufgebrochen, den Journalisten hinter ihrem Rücken Handschellen angelegt, sie zu Boden gezerrt und mit der Androhung, im Notfall Waffengewalt anzuwenden, den Regieraum gestürmt.

Als gegen 16:30 der Zwangsverwalter das Gebäude beschlagnahmt hatte, war nicht mehr viel zu tun.

Dennoch war die Geschichte noch nicht ganz zu Ende.

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Ein guter Freund kam in unseren News-Room und sagte: „Es gibt einen Sender namens Can Erzincan TV. Der Inhaber lädt euch ein, dort mitzuwirken.“

Ich blickte hinüber zu Turan Görüryılmaz. Seine Augen strahlten. „Lass uns hin“, waren wir uns einig und gingen aus der Tür.

Gerade als wir über die Straße gehen wollten, hörte ich, dass jemand meinen Vornamen rief.

Die Stimme kam mir sehr bekannt vor.

Es waren meine älteren Brüder Mikail und Murat und einige meiner Cousinen. Sie standen auf der anderen Straßenseite und schauten in unsere Richtung. Diese Menschen, die bis zu diesem Tag nie an einer Kundgebung teilgenommen hatten, warteten seit Stunden auf mich.

Ich ging schnell auf die andere Straßenseite um sie zu empfangen.

Mein Bruder Mikail sagte zu mir: „Komm mit uns. Du siehst ja selbst, dass man nichts mehr machen kann. Seht doch ein, dass es keinen Sinn macht.“ Er hatte die Ereignisse vom Fernseher aus verfolgt und war dann aus Izmit aufgebrochen, um mich abzuholen. „Gut, Abi. Ich werde kommen, hab aber noch einiges zu erledigen.“ Er war mit meiner Antwort nicht zufrieden: „Versprichst du es mir?“ „Ja, ich gebe dir mein Wort.“

Wir trennten uns und ich lief mit Turan Richtung Can Erzincan TV.

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Wir verbrachten wochenlang Tag und Nacht damit, aus dem Lokalsender Can Erzincan einen überregionalen Nachrichtensender zu machen.

Regelmäßig rief mich mein Bruder an und sprach vorwurfsvoll ins Telefon: „Du bist immer noch nicht da, mein Lieber.“ Und ich tröstete ihn jedes Mal: „Abi ich werde kommen. Gib mir bitte noch etwas Zeit, damit wir das Ganze hier in geregelte Bahnen bringen.“

Genau einen Monat, nachdem bei İpek Medien ein Zwangsverwalter eingesetzt wurde, klingelte mein Telefon erneut. Es war so gegen Mittag.

Diesmal war es mein jüngerer Abi Murat, der am anderen Ende der Leitung sprach.

Seine Stimme zitterte: „Mikail Abi hatte ein Verkehrsunfall, sein Auto ist in einen kleinen See gestürzt.“ Ich stand unter Schock, konnte nichts sagen, nichts fragen. Sofort machte ich mich auf dem Weg. Die anderthalb Stunden bis nach Izmit wollten nicht Enden. Nochmal anrufen und nachfragen wollte ich aber auch nicht. Zu groß die Angst, die schlechte Nachricht zu erfahren. Am See angekommen, war es zu spät: Er war war bereits aus dem Wasser geborgen worden.

Murat Abi umarmte mich fest: „Wir haben ihn verloren.“

Ich sackte in mich zusammen.

Was mir aber sofort einfiel war, dass ich mein Versprechen hatte nicht halten konnte.

In der Leichenhalle angekommen, gab ich ihm erneut ein Wort. Ich versprach, an jedem Bayram sein Grab zu besuchen. Ich wollte ihm dann erzählen, warum ich mein Wort nicht halten konnte und mit ihm über meine Sorgen sprechen.

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Das Ramadan-Fest Anfang Juli war der erste Bayram nach seinem Tod.

Am ersten Festtag fuhr ich am frühen Morgen nach Izmit, um ihn zu besuchen. Ich kniete nieder und begann zu erzählen…

Nach dem Ramadan-Fest hieß es nun, dass auch bei Can Erzincan TV ein Zwangsverwalter eingesetzt werden solle. Der Sender, den wir mit großer Mühe bis zu einem gewissen Punkt großgemacht hatten, sollte zudem aus dem Satellitenprogramm geworfen werden.

Der gescheiterte Putsch vom 15. Juli und der danach verhängte Ausnahmezustand haben dem Journalismus in der Türkei den Todesstoß gegeben.

Mein Bruder Mikail hatte Recht; in der Türkei war nichts mehr zu machen.

Ich habe einige Tage nach dem gescheiterten Putsch, gemeinsam mit meiner Familie, mein Vaterland verlassen müssen.

Ich habe den zweiten Bayram nach dem Tod meines Bruders als Heimatloser in der Ferne verbracht.

Und wieder konnte ich mein Versprechen an meinen geliebten Mikail Abi nicht einhalten.

Ich konnte sein Grab nicht besuchen, um mich mit ihm auszutauschen. Möge er mir verzeihen.