„Ich saß an meinem Schreibtisch und habe geweint“

„Dass eine selbst gebaute Bombe eine so große Zerstörung anrichten kann, hätte ich nicht gedacht.“ Die deutsche Touristin Beate Kleinschmidt schaut mit verwundertem Blick an der Fassade des Hochhauses hinauf, das einmal das Büro des norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg beherbergte.

Die Berlinerin ist für ein paar Tage in Oslo, um sich die Stadt anzusehen. Sie hat die Festung besucht, war auf dem Dach der berühmten Oper und hat eine Aufführung gesehen. Doch das Regierungsviertel hat sie am meisten ergriffen. „Es wurde ja immer von Utøya gesprochen. Über dieses Viertel weiß man eigentlich kaum etwas.“

Dabei zeigt der Regierungssitz im Zentrum von Oslo ganz besonders, dass die Wunden nach den Anschlägen vom 22. Juli 2011 auch zwei Jahren später nicht verheilt sind. Während die Insel Utøya, auf der der Attentäter Anders Behring Breivik 69 überwiegend junge Menschen tötete, bislang kaum angetastet wurde, musste man im Regierungsquartier schnell handeln.

Regierung von einer Minute auf die andere obadachlos

Neun Gebäude wurden bei der Explosion der Bombe beschädigt. Am schlimmsten das Hochhaus, der sogenannte H-Block, in dem sich das „Statsministerens kontor“ und das Justizministerium befanden. Vor diesem Gebäude hatte Breivik den Lieferwagen mit der Bombe geparkt. Durch die Wucht der Explosion zersplitterten alle Glasscheiben der ersten zwölf Etagen. Auch die umliegenden Gebäude wurden stark getroffen. Zwei weitere sind seitdem nicht mehr benutzbar. Die Arbeitsplätze von 2000 Menschen wurden zerstört. Von einer Minute auf die andere wurde die Regierung quasi obdachlos.

Die Trümmer und Glasscherben sind längst beseitigt. 150 Bauarbeiter haben die Gebäude so weit gesichert, dass sie nicht einsturzgefährdet sind. Sie haben versucht zu retten, was noch zu retten war: Dokumente, Computer, persönliche Gegenstände. Nun warten sie darauf zu erfahren, was mit dem Viertel passieren soll. Doch das wird die Regierung erst im kommenden Jahr entscheiden.

Regierungsviertel soll nicht zur Pilgerstätte werden

Ein Team aus Architekten und Bauberatern hat Ende Juni empfohlen, die vier am schwersten betroffenen Gebäude abzureißen und neue zu bauen. Auch das 18-stöckige Hochhaus mit dem Büro des Regierungschefs soll weichen. „Wir sind uns aber bewusst, dass der H-Block einen symbolischen Wert für das norwegische Volk hat“, sagte der Sprecher des Expertenteams. Deshalb müsse die Politik über den Abriss entscheiden. Doch seine Argumente sind überzeugend: „In einem Neubau kann man die Sicherheitsaspekte viel besser berücksichtigen.“

Betonsperren auf der Straße blockieren heute den Verkehr, aber als Fußgänger kann man ungehindert durch das Regierungsviertel spazieren. Doch viele verirren sich nicht in diese Geisterstadt aus verhängten Fassaden und zugezimmerten Fenstern. Das Osloer Guidebureau, das 300 Stadtführer beschäftigt, bietet keine Führungen durch das Areal an. „Wir möchten das nicht zu einer Pilgerstätte machen“, argumentiert Dorothee Kraus. „Wir wollen keine Touristengruppen dorthin führen, wo andere trauern.“

Die Urlauberin Ulla Pietsch aus Hamburg sieht das anders: „Ich finde es wichtig zu sehen, wo das alles passiert ist.“ Das Regierungsviertel zeige ihr, wie angreifbar dieses Land sei in seiner Unbedarftheit, weil es sich nicht geschützt habe.

„Ich saß an meinem Schreibtisch und habe geweint“

Für die Menschen, die in den noch intakten Büros arbeiten, sind die verlassenen Gebäude und die Betonsperren eine tägliche Mahnung an das, was passiert ist. „Ich schaue jeden Morgen da hoch, wo Stoltenberg sein Büro hatte“, sagt Eystein, der seit 15 Jahren in der Serviceabteilung der Regierung arbeitet und seinen Nachnamen nicht sagen möchte. Er hat sein Büro durch die Explosion verloren und ist nun in einem anderen Gebäude in der Nähe untergebracht. „Am Anfang war es sehr schwer für mich“, erzählt er. „Da saß ich an meinem Schreibtisch und habe geweint. Aber nun ist es okay.“

Die meisten Mitarbeiter der Ministerien hätten den Weg zurück in den Alltag gefunden, meint Pål Skogrand, Pressesprecher im Fischereiministerium. Auch er arbeitet in einem Gebäude hinter einer Plastikfolie. „Wir reden nicht über die Anschläge. Die Kollegen wollen einfach, dass das Leben weitergeht.“

Obwohl die Sonne scheint und es mindestens 20 Grad warm ist, verbringt kaum ein Ministeriumsmitarbeiter seine Mittagspause im Außenbereich. Stattdessen eilen viele mit verpackten Mahlzeiten in ihren Händen zurück ins Büro. Es ist wohl nicht der passende Ort, um sich zu entspannen und zu sonnen. Nur zwei junge Frauen sitzen auf der Betonkante von etwas, was wohl mal ein Blumenbeet war. Ihre Aufgabe ist es, das Laub wegzufegen und das Pflaster zu reinigen. Für sie hat ihre Arbeit einen tieferen Sinn: „Jemand muss ja dafür sorgen, dass es hier wieder schön aussieht.“ (dpa/dtj)