Der İHH-Vorsitzende Bülent Yıldırım wiederholte die Anschuldigung an den russischen Geheimdienst und richtete sich an die in Istanbul lebenden Tschetschenen: „Ich richte mich an meine tschetschenischen Brüder: Seit sehr vorsichtig, niemand unter euch ist sicher.
Der İHH-Vorsitzende Bülent Yıldırım wiederholte die Anschuldigung an den russischen Geheimdienst und richtete sich an die in Istanbul lebenden Tschetschenen: „Ich richte mich an meine tschetschenischen Brüder: Seit sehr vorsichtig, niemand unter euch ist sicher."

Am Montag ist in Istanbul ein tschetschenischer Aktivist offenbar an einer Lebensmittelvergiftung gestorben. Angehörige des 47-jährigen Kaim Saduev erheben nun schwere Vorwürfe gegen Russland und gaben gegenüber türkischen Medien an, der russische Geheimdienst habe Saduev umgebracht.

Den Medienberichten zufolge hatte Saduev am 23. Februar ein Paket seiner in Tschetschenien lebenden Schwester erhalten. Diese hatte ihm unter anderem Bärlauch aus der Heimat geschickt. Nachdem Saduev zusammen mit seiner Familie am selben Tag den Bärlauch verzehrten, mussten sie mit Verdacht auf eine Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden. Während seine Frau und seine beiden Kinder den Vorfall überlebten, starb Saduev am Montag in der Intensivstation.

Auf der am Tag darauf abgehaltenen Beerdigung in der Fatih-Moschee in Istanbul sagten mehrere Angehörige Saduevs, dass „der russische Geheimdienst ihn genau wie den ehemaligen KGB Agenten Alexandar Litvinenko und arabische Kämpfer in Tschetschenien vergiftet hat“. Der 19-jährige Sohn des Opfers, Cabir, sagte: „Wir haben alle von der Speise gegessen. Ich war nicht betroffen, aber mein Vater ist (daran) gestorben. Sie haben ihn vergiftet.“

İHH-Vorsitzender spricht von „neuer Abschuss-Liste“ 

Auch der Vater des Mannes äußerte sich gegenüber türkischen Medien: „Vier meiner Söhne sind in der Vergangenheit von den Russen zu Märtyrern gemacht worden (als sie gegen die Russen kämpften)“. Nun habe er seinen fünften Sohn verloren und fühle sich „alleine“.

Auf der Beerdigung Saduevs war auch ein hochrangiger Vertreter der umstrittenen türkischen Organisation „Vereinigung für humanitäre Hilfe“ (İHH), die in einigen Ländern Europas als terroristisch eingestuft wird, anwesend. Der İHH-Vorsitzende Bülent Yıldırım wiederholte die Anschuldigung gegen den russischen Geheimdienst und richtete sich an die in Istanbul lebenden Tschetschenen: „Seid sehr vorsichtig, niemand unter euch ist sicher. Seit auf der Hut vor dem was ihr esst und wo ihr euch aufhaltet.“ Yıldırım warnte außerdem vor einer angeblich von Moskau angefertigten „neuen Abschuss-Liste“, auf der tschetschenische Dissidenten in der Türkei stünden.

Obwohl die Aussagen des İHH-Vorsitzenden, der für seine provokanten und polemischen Reden in der Türkei bekannt ist, stets mit Vorsicht zu genießen sind, spricht er doch aus, was viele Beobachter seit langem vermuten: Tschetschenische Aktivisten und Rebellen befinden sich im Fadenkreuz von Moskaus Agenten – auch in der Türkei.

Saduev hatte zusammen mit seinen vier Brüdern während der Tschetschenienkriege an der Seite des tschetschenischen Rebellenführer Schamil Salmanowitsch Bassajew gegen die russischen Streitkräfte gekämpft. Er war vor elf Jahren in die Türkei geflüchtet und hatte sich in Istanbul niedergelassen, wo eine große tschetschenische Gemeinde existiert. Er lebte mit seiner Familie im Stadtteil Başakşehir.

Türkei: Lange Liste von ermordeten Tschetschenen

Zwar liegen für die Anschuldigungen der Angehörigen Saduevs und des İHH-Vorsitzenden bislang keine Beweise vor. Doch den türkischen Behörden sind Berichte über Aktivitäten des russischen Geheimdienstes in der Türkei, die in Verbindung mit den politischen Konflikten der Kaukasus-Region stehen, nicht neu:

– Im vergangenen Jahr etwa nannte laut Hürriyet Daily News ein türkischer Staatsanwalt den russischen Geheimdienst als Drahtzieher von fünf Morden an Tschetschenen zwischen den Jahren 2009 und 2011. So wurde am 26. Februar 2009 Ali Oseav, der für Istanbul zuständige Vertreter der Rebellengruppe „Kaukasus-Emirat“, im Stile einer Hinrichtung getötet. Ähnliches widerfuhr den Tschetschenen Berg-Hadj Musayev, Zaurbek Amriyev und Rustam Altemirov am 16. September 2011 in einem Parkhaus in Istanbul. Damals wurden zwei Personen festgenommen, die für den Russischen Föderalen Geheimdienst (FSB) gearbeitet haben und der Staatsanwaltschaft zufolge mit falschen Ausweispapieren in die Türkei eingereist sein sollen.

– Am 22. Mai 2013 wurde der Ehrenkonsul der von tschetschenischen Separatisten ausgerufenen und international nicht anerkannten „Tschetschenischen Republik Itschkerien“, Medet Ünlü, von bewaffneten Angreifern in Ankara ermordet. Der in diesem Zusammenhang festgenommene hauptverdächtige türkische Staatsbürger gestand die Tat und sagte, „pro-russische Tschetschenen“ hätten ihn zu dieser Tat veranlasst.

– Am 11. Dezember 2014 wurde Abdullah Bukhari, ein aus Usbekistan stammender, seit 12 Jahren in der Türkei lebender religiöser Führer im Bezirk Zeytinburnu in Istanbul erschossen. Als bislang einziger Tatverdächtiger wird ein Staatsangehöriger der Russischen Föderation festgenommen. Der Verdächtige stammt aus der russischen Teilrepublik Tschetschenien.

– Auch die Spuren der Frau, die sich Anfang Januar 2015 offenbar vor der Touristenpolizei im zentralen Istanbuler Stadtteil Sultanahmet in die Luft gesprengt und einen Polizisten getötet hatte, führen nach Russland, genauer in den Kaukasus.