Ehrenmord, Krieg, Hass, Gewalt… Ständig werden diese Begriffe mit den Muslimen in Verbindung gebracht. In den Medien/Sozialen Medien ist zu lesen, was für ein Hass Muslime gegenüber dem Staat Israel oder Juden, Christen oder Andersdenkende hätten.

Es ist ständig die Rede von muslimischen Jugendlichen, die in den „Dschihad“ zum IS ziehen, um Juden und Christen zu töten, oder von extremistischen Salafisten, die zu Hass und Verachtung der christlichen und jüdischen Mitbürger rufen.

Mich aber interessiert in diesem Beitrag nicht das, was die Muslime von sich geben, sondern was eigentlich der Islam dazu – und damit meine ich in diesem Beitrag explizit den Hass gegenüber Christen und Juden – zu sagen hat.

Ist im Koran oder in der Sunna des Propheten von Hass auf Juden und Christen die Rede? Oder ist es ein persönliches – oder historisches Problem – einzelner Muslime?

Ich möchte im Rahmen des interreligiösen Dialogs versuchen, mit einigen Beispielen, sowohl aus dem Koran, als auch aus der Sunna, aufzuzeigen, dass diese beiden Hauptquellen weder zum Krieg gegen Juden und Christen aufrufen, noch zum Hass.

Vorerst aber eine Begriffsklärung: Interreligiöser Dialog ist nicht nur ein banales Gespräch zwischen zwei Personen, die sich gegenseitig Informationen vermitteln, sondern vielmehr. Er ist ein Einschlagen eines gemeinsamen Weges, gleichgültig welchen Glauben, Lebensstil, welche Hautfarbe, Sprache, welchen Beruf, Status der Gesprächspartner hat.

Er ist ein ’sich auf die Suche machen‘ von Gemeinsamkeiten und Unterschieden und auf diesem Wege eine gemeinsame Bemühung um eine friedliche Atmosphäre in der Gesellschaft. Sie alle sind sich klar, dass nur in einer friedlichen Gesellschaft, Menschen auch unvoreingenommen und ohne Hass leben können.

Dialogansätze im Koran

Muslimische Theologen in Deutschland sind sich einig, dass zwei Drittel der Koranverse zum Respekt, zur Toleranz, zur Liebe des Anderen aufrufen. Selbst wenn in der Öffentlichkeit oft die Rede von Kampf- und Kriegsversen ist, ist die Präsenz dieser Verse weitaus größer.

Diese Friedenssaufrufe im Koran betreffen nicht nur die Buchbesitzer, mit welchen die Christen und Juden gemeint sind, sondern die ganze Menschheit, da in den Anfängen dieser Verse stets die Rede von „Oh, ihr Menschen“ ist, was zeigt, dass nicht nur eine bestimmte Gruppe angesprochen wird, sondern die gesamte Menschheit.

In Vers 49/13 heißt es etwa, dass die Menschen in unterschiedliche Völker und Stämme eingeteilt worden sind, damit sie einen Dialog aufbauen und sich kennen lernen. Damit nicht genug.

Der Koran legt den Fokus auf die Gemeinsamkeiten der Menschen und regt an, in diesen Dialogen diese Gemeinsamkeiten zu erwähnen, damit ein Kennenlernen leichter vonstatten gehen kann.

Welche Gemeinsamkeiten sind das?

Diese Gemeinsamkeiten fallen beispielsweise schon in den ersten Suren des Korans auf. In Sure 2 Vers 4 gibt es einen Verweis auf den gemeinsamen Glauben: „Und die, die an das glauben, was vor dir offenbart wurde (wie die Thora, die Evangelien und die Psalmen sowie die Schriftrollen Abrahams); und die vom Jenseits überzeugt sind“ und auch in Sure 2 Vers 285: „Der Gesandte glaubt an das, was ihm von seinem Herrn herab gesandt worden ist, ebenso wie die Gläubigen. Sie alle glauben an Gott und Seine Engel und Seine Bücher und Seine Gesandten. Wir machen zwischen keinem Seiner Gesandten einen Unterschied (in unserem Glauben an sie).“

Es ist verbindlich für alle Muslime, an die Propheten und offenbarten Schriften des Christentums und des Judentums zu glauben, ohne unter ihnen einen Unterschied zu machen (siehe 6/16 und 16/123).

Ein Muslim ist also gleichzeitig Anhänger Abrahams, Moses‘, Davids, Jesus‘ und anderer Propheten. Nicht nur das. Auch werden diese Propheten der beiden monotheistischen Religionen im Koran gewürdigt.

So in etwa Jesus, der als Zeichen der Barmherzigkeit dargestellt wird, die Mutter Maria, die einzig namentlich im Koran als „auserwählte, beste Frau“ erwähnt wird und Moses, der die Ehre hatte, mit Gott zu reden und im Vergleich zu allen anderen Propheten im Koran am öftesten erwähnt wird.

Es ist also in allerlei Hinsicht eine Andeutung bzw. ein Aufruf an die Menschen, sich an den Gemeinsamkeiten zu orientieren und zu sehen, dass es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt.

Gut, wie aber sind die Verse im Koran zu verstehen, in denen die Christen und Juden scharf kritisiert werden? Es ist gewiss so, dass der Koran an mehreren Stellen Christen und insbesondere Juden kritisiert. Doch, wenn man den koranischen Kontext mitbetrachtet und den Koran als „Ganzes“ liest, wird klar, dass der Koran mit seiner Kritik nicht das Christentum und das Judentum als Religion an sich kritisiert, vielmehr richten sich die Verse nicht verallgemeinernd gegen die Religion oder Gruppen, sondern gegen unrechtes Handeln, fehlgeleitetes Denken und unerwünschtes Verhalten einzelner Individuen unter Christen, Juden, Polytheisten, aber auch Muslimen (!) (siehe 2/120, 3/28, 3/118, 5/51, 5/82 und 9/23).

Denn im Koran werden einerseits Juden und Christen aufgrund von Sünden verurteilt (genau wie Muslime auch) und andererseits werden sie gelobt (siehe 5/82).

Eine Kritik wäre ganz im Gegenteil ein Widerspruch zum koranischen Geist, der selbst das Streitgespräch verbietet und einen Umgang in bestmöglicher Weise und in schöner Ermahnung befiehlt (!) (16/125).

Dialogansätze im Leben des Propheten

Der Prophet verhielt sich gegenüber Andersgläubigen genauso, wie es ihm der Koran vorgeschrieben hat: Er akzeptierte die Positionen, Glaubensvorstellungen und religiösen Praktiken der zeitgenössischen Nicht-Muslime und war ihnen gegenüber immer respektvoll, solange sie zu keinem Normverstoß neigten.

Er bemühte sich, mit allen Menschen einen Dialog zu führen, auch wenn diese ihm beständig nachstellten. Auch wurde er vom Koran aufgefordert, einen respektvollen und gutmütigen Dialog mit den Christen und Juden zu führen und über die Gemeinsamkeiten zu reden:

„Sag zu Ihnen (Oh Gesandter): Wir glauben an das, was uns herabgesandt worden ist, und an das, was euch herabgesandt worden ist, und euer Gott und unser Gott ist Ein- und Derselbe. Wir sind Muslime, die Ihm ganz und gar ergeben sind.“ (29/46)

Der Koran macht den Propheten an zahlreichen Stellen auf die Umgangsformen im Dialog aufmerksam. Der Prophet soll seine Mitmenschen bzw. den Dialogpartner, gleichgültig welcher Religion er angehört, freundlich und gerecht behandeln.

Er soll mild gegenüber seinen Mitmenschen sein, denn wäre er schroff und hartherzig gewesen, würden sie sich von ihm abwenden (siehe 3/159).

Beispielsweise stattete der Prophet kranken Juden einen Besuch ab, nahm deren Einladungen entgegen, trieb mit ihnen Handel, lud sie zu sich ein, stellte ihnen seine Moschee für den Gottesdienst zur Verfügung und stand, als ein jüdischer Trauerzug vorbeiging, respektvoll auf. All diese Begebenheiten sind aus seinem Leben überliefert.

Auf die Frage, warum er dies mache, habe er geantwortet: „Er ist auch ein Mensch!“. Er erinnerte immer wieder seine Gefährten daran, auf die Beziehung zu den Mitmenschen zu achten und übergab sogar noch vor seinem Tod die Christen und Juden in die Obhut seiner Gefährten: „Wer einem Juden oder Christen Unrecht tut, dessen Ankläger werde ich am Tage des Jüngsten Gerichtes sein“.

Muhammad sah sich Jesus und Moses sowohl im Diesseits als auch im Jenseits von allen Menschen am nächsten. Für ihn waren die Muslime Glaubensbrüder und die Nicht-Muslime enge Nachbarn, Freunde oder Mitmenschen in derselben Gesellschaft. Im medinensischen Vertrag verankerte er die friedliche Koexistenz der unterschiedlichen Religionen und Kulturen.

Dieser wurde direkt nach der Auswanderung nach Medina erstellt. In dieser Vereinbarung werden den Minderheiten wie Juden und Christen Frieden, Sicherheit, Gerechtigkeit und Freiheit unter den Muslimen garantiert.

Schlusswort

Diese Beispiele, die hier Erwähnung gefunden haben, sind nur wenige von vielen. Ich wollte vielmehr damit zeigen, dass die Bemühung um den interreligiösen Dialog, den wir heutzutage haben, wie aus den hier im Artikel vorkommenden Beispielen zu entnehmen, kein neuer Ansatz ist und der Koran und die Sunna seit 1400 Jahren dazu aufrufen.

Demgemäß sind die Handlungen der Muslime ihnen selber zuzuschreiben und nicht dem Islam als Religion. Denn dieser steht dem guten Dialog, der guten Zusammenarbeit nicht im Wege.

Nicht alles, was die Muslime machen, ist „der Islam“. Demgemäß bedarf es also keines neuen Islams, wie immer wieder lautstark gefordert wird, sondern ein „back to the roots“, ein Zurück zu den ursprünglichen Quellen des Islams, dem Koran und der Sunna des Propheten Muhammad.

Es ist daher besonders wichtig – für die Muslime – die eigenen Quellen sehr gut zu kennen und auf dieser Grundlage den Kontakt zu pflegen.