Rund 880 000 Menschen sterben jährlich in Deutschland. Die meisten werden auf Friedhöfen und Grabfeldern hierzulande bestattet, aber nicht alle. Geschätzt bis zu fünf Prozent der Menschen, die jedes Jahr sterben, sind Muslime, und viele von ihnen finden ihre letzte Ruhe in den Heimatländern ihrer Vorfahren. Doch das ändert sich – langsam. Rückführungen nehmen ab, immer mehr deutsche Muslime wollen in deutscher Erde begraben werden. Und die Bestattungsbranche stellt sich darauf ein.

„Die Zahl der muslimischen Bestattungen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren merklich gestiegen“, sagt Samir Bouaissa vom Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD). Exakte Daten dazu werden nicht festgehalten. Doch Experten und Verbände beobachten: Zum einen gibt es mehr Muslime hierzulande, in deren Heimatland eine Rückführung nicht möglich ist – etwa bei vielen Flüchtlingen – oder die keinen Migrationshintergrund haben. Zum anderen nehme die Bindung zum Heimatland etwa bei türkisch- oder nordafrikanisch-stämmigen Deutschen in zweiter und dritter Generation ab, so Bouaissa.

Hierzulande entscheiden sich seiner Schätzung zufolge Menschen mit türkischen oder nordafrikanischen Wurzeln noch zu 80 bis 90 Prozent für eine Rückführung. Dies werde sich allerdings in den kommenden Generationen stark verändern, meint er. Bosnier oder bosnisch-stämmige Deutsche etwa würden sich bereits zum Großteil für eine Bestattung in Deutschland entschließen.

Auf den Wandel reagiert bereits die Bestattungsbranche, die laut Bundesverband Deutscher Bestatter (BDB) jährlich einen Umsatz von rund 1,3 Milliarden Euro macht. Für ein muslimisches Unternehmen macht es Bouaissa zufolge zwar logistisch und finanziell kaum einen Unterschied, ob es eine Rückführung oder eine Beisetzung hierzulande durchführt. „Aber die Versicherungen stellen langsam um“, sagt der ZMD-Vorsitzende in Nordrhein-Westfalen.

Denn in türkischen und nordafrikanischen Gemeinden sei es gang und gäbe, Sterbeversicherungen abzuschließen, die später eine Rückführung in das Land der Vorfahren ermöglichen. Neuerdings würden aber etwa DITIB – ein türkisch-islamischer Dachverband, der auch eine eigene Versicherungsgesellschaft hat – sowie einige große deutsch-marokkanische Versicherungsgesellschaften auch Beerdigungen in Deutschland anbieten, sagt Bouaissa. „Das zeigt, dass der Bedarf besteht.“

Muslimische Beisetzungen, ein neues Geschäftsfeld auch für nicht-islamische Unternehmen? Theoretisch ja, meint BDB-Mann Oliver Wirthmann. Sein Verband vertritt nach eigenen Angaben rund 80 Prozent der etwa 4000 Bestattungsunternehmen in Deutschland. Die Bestatter agierten nicht auf der Basis von Religion und seien fachlich und kulturell auf unterschiedliche Konfessionen eingestellt, so Wirthmann. Dies zeige sich auch: „Unsere Unternehmen berichten, dass sie immer mehr Muslime bestatten.“

Allerdings sei der Markt muslimischer Beisetzungen „sehr schwer aufzubrechen“, sagt Bestatter Christoph Kuckelkorn aus Köln. „Wir sehen noch eine sehr starke Bindung der Muslime an Moscheen und damit an die entsprechenden Bestattungsunternehmen.“ Wie viele islamische Bestattungen sein Unternehmen jährlich durchführt, sagte er nicht, allerdings liegt der Anteil seinen Angaben nach bei nicht mehr als ein oder zwei Prozent.

Auch Friedhofsverwalter sehen in dem Anstieg muslimischer Bestattungen in Deutschland eine Chance. Sargbestattungen haben in Deutschland in den vergangenen Jahren dem BDB zufolge im Vergleich zu Feuerbestattungen abgenommen; derzeit sind nur rund 45 Prozent der Beisetzungen im Sarg. Muslime würden dagegen fast ausschließlich Erdbestattungen machen, sagt Michael Albrecht vom Verband der Friedhofsverwalter Deutschlands. „Ich würde durchaus sagen, dass Friedhofsverwalter das als neues Geschäftsfeld sehen.“

Doch muslimische Bestattungen in Deutschland seien derzeit noch keine große Bewegung, räumt Wirthmann ein. „Viele Kommunen errichten Gräberfelder, aber die Nachfrage ist geringer, als man das erwartet hatte.“ Künftig wird sich das aber ändern, sind sich Branchenkenner und Verbände sicher. Und während sich muslimische Familien derzeit noch eher für ein muslimisches Bestattungsunternehmen entscheiden, wird sich auch dies nach Bouaissas Überzeugung schon bald ändern. (dpa/dtj)