ARCHIV - Muslime beten am 19.09.2014 beim Freitagsgebet in der Moschee Eyüp Sultan Camii in Ronnenberg in der Region Hannover (Niedersachsen). Foto: Julian Stratenschulte/dpa (zu dpa "Regierungsfraktionen entscheiden über Islamvertrag" vom 09.08.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Moscheen, Kopftücher, Salafisten: Die Debatte um den Islam in Deutschland wird häufig mit Furcht und Feindbildern geführt. Warum treibt gestandene Politiker immer wieder die Frage um, ob der Islam zu Deutschland gehört?

Wovor haben sie Angst?

„Der Islam ist ein Teil Deutschlands geworden.“ Das sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erst im März. Trotzdem sind es ihre Parteifreunde und Minister, die Zweifel an dieser Aussage sähen. Heimatminister Horst Seehofer (CSU) machte kurz nach Merkels Worten den Anfang und bestritt, dass der Islam zur Bundesrepublik gehöre und betonte Deutschlands „christlich-jüdische Geschichte“. Sein Parteikollege Alexander Dobrindt legte gestern nach und sagte, der Islam sei für Deutschland „kulturell nicht prägend und er soll es auch nicht werden“. Warum? Wovor haben diese gestandenen Politiker nur solche Angst?

Sei es die Bedrohung durch den Terror wie am Berliner Breitscheidplatz, die architektonische Integration der Moscheen in deutsche Großstädte wie die Ditib-Moschee in Köln Ehrenfeld, die Rhetorik deutscher Konvertiten wie Sven Lau und Pierre Vogel oder die Kopftuchdebatte: Der Islam scheint für einfache Gemüter der Grund für viele Konflikte zu sein. Einigen Politikern scheint der Islam sogar Angst zu machen.

Wir müssten über diese armen, furchtsamen Männer, die auffallend häufig aus dem bayerischen Hinterwald stammen, eigentlich die Schulter zucken. Stattdessen beschäftigt sich das halbe Land mit einer Debatte, die keine ist. Denn: Solange der Islam nicht wie christliche Gemeinden, die Zeugen Jehovas und jüdische Gemeinde als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt wird, solange Frauen mit Kopftuch keine Chance auf eine gleichberechtigte Karriere auf dem deutschen Arbeitsmarkt haben und solange Ali, Özgur und Hatice aufgrund ihres Vornamens zu kaum einem Besichtigungstermin eingeladen, solange gehört der Islam ganz bestimmt nicht zu Deutschland.

Wer Islam sagt, meint Muslime

Und wenn der Islam derzeit noch nicht zu Deutschland gehört, ist das vor allem die Schuld von Dobrindt, Seehofer und Co., die den deutschen Muslimen eine Integration in deutsche Institutionen, Unternehmen und Bildungseinrichtungen verwehren. Ihre Debatte um den Islam in der Bundesrepublik bezweckt nämlich nur eines: Angst vor den Muslimen in Deutschland zu schüren, sie zu stigmatisieren und ihnen die Chance auf Integration zu verweigern. Denn seien wir mal ehrlich: Wer Islam sagt, meint die Muslime. Und wenn die hier lebenden Muslime nicht zu Deutschland gehören, können sie gar nicht integriert werden.

Wir sollten deswegen die Debatte umdenken und uns nicht weiter daran abarbeiten, ob der Islam – ergo: die deutschen Muslime – bereits zu Deutschland gehören, sondern alles dafür tun, dass dies bald der Fall ist. Denn auch Dobrindt, Seehofer und Co. muss klar sein: Die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, ist schlicht falsch gestellt. Sie müsste lauten: Wann gehört der Islam zu Deutschland?

Indes müssen sich Dobrindt, Seehofer und ihre angsterfüllten Gesinnungsgenossen gar nicht fürchten: In ihrem geliebten Bayern dürfen sie weiterhin ihre seit Jahrhunderten verstaubten Bräuche mit den bizarren Trachten, den alkoholgetränkten Festen und ihrem absurden Dialekt frei ausleben. Aber Moment, mal! Gehört Bayern eigentlich zu Deutschland? Ist die Tradition der Bundesrepublik nicht eine preußisch-sächsische-muslimische?