In die Irre geführt von Dritten

Das Dossier „Der Pate“, das von Maximilian Popp vorbereitet und im „Spiegel“ veröffentlicht wurde, könnte angehenden Journalisten als Musterexemplar dienen, das verdeutlicht, wie Sachverhalte zu manipulieren sind. Popp zeigt, wie es gehen kann.

Gleich am Anfang geht er auf die Kulturolympiade in Berlin ein und beschreibt den Veranstaltungssaal in Berlin. Er sei mit „Sichelmonden in Rot-Weiß“ geschmückt. Unterschwellig vermittelt dies den Eindruck, dass es in dem Saal eine religiöse Missionierung gebe.

Dem Vorsitzenden der Schriftsteller-Stiftung, Mustafa Yeşil, legt er eine Lüge in den Mund: „Wir sind die erste Bewegung in der Geschichte der Menschheit, die einzig und allein der Wohltätigkeit dient.“ Wir haben mit Yeşil gesprochen. Außer sich erklärte er: „Können Sie sich wirklich vorstellen, dass ich so etwas gesagt haben kann? Das entspricht absolut nicht der Philosophie unserer Bewegung und ist eine Abwertung aller karitativen und selbstlosen Mitglieder und ihrer Vereine. Dieser Satz ist kein Übersetzungsfehler, sondern eine gezielte und vorsätzliche Provokation.“

Popps Artikel scheint vor allem PKK-freundliche Internetseiten erfreut zu haben. Michael Rubin, den Popp ebenfalls zitiert, schreibt für die Seite kurdistantribune.com. Dieses Internetportal zeigt auf seiner Startseite eine Grafik, auf dem mehrere Städte Südostanatoliens nicht der Türkei, sondern einem fiktiven Staatsgebilde zugeordnet sind. Das Portal muss so glücklich über den Artikel sein, dass es ihn hat übersetzen lassen. Doch damit nicht genug, es tauchen sogar weitere, falsche Informationen auf. Die Hizmet-Bewegung baue keine Schulen, sondern Moscheen. Sinngemäß heißt es: „Nach Informationen des Spiegels hat die Hizmet-Bewegung im Kurdischen Föderativen Gebiet in den letzten zehn Jahren 160 Moscheen gebaut.“
In einer türkischen Redewendung heißt es: „Wer mit einem Blinden einschläft, wacht schielend wieder auf.“

Weiter unterstellt Popp der Tageszeitung Zaman, Gegner der Hizmet-Bewegung mit vorsätzlich falscher Berichterstattung in Misskredit zu bringen. Hierfür führt er lediglich ein Beispiel an; Zaman habe behauptet, dass „Die Linke“ die Terror-Organisation PKK unterstütze. Der sorgfältig recherchierende Journalist Popp macht sich wohl nicht die Mühe, das politische Geschehen in Deutschland zu verfolgen. Würde er es tun, hätte er die Erklärung des Innenministeriums vom 12. Januar 2012 mitbekommen. Darin heißt es nämlich, „dass die PKK in der Körperschaft der „Linken“ ein Organ gefunden hat, dass Ihre Propaganda macht und sich für seine Interessen einsetzt. Die „Linke“ hat durch diese Zusammenarbeit den Zugang zu kurdischen Wählern gefunden.“ Die Aussage der Zaman ist folglich nicht falsch.

Des Weiteren ordnet Popp das Internetportal „Deutsch-Türkische Nachrichten“, das dem Österreicher Michael Meier gehört, den Gülen-Medien zu. Ein Anruf in der Redaktion hätte ihm diese Peinlichkeit erspart.

Auf der einen Seite erklärt Popp, dass die Bewegung ihren jungen Mitgliedern in den „Lichthäusern“ nahelegt, sich auch mit Ungläubigen anzufreunden, auf der anderen Seite vermittelt er anhand seiner Geschichte um Serkan Öz, dass die Bewohner der Lichthäuser von der Außenwelt isoliert werden und nach einer Zeit außerhalb der Bewegung keine Freunde mehr haben. Wenn die Bewegung sich nur mit Ungläubigen anfreundet, wer übernimmt dann den interreligiösen Dialog?

Auch Popps Theorie zur Heiratspolitik der Bewegung wirft Fragen auf. Demzufolge wird es gern gesehen, wenn die männlichen Mitglieder ihre weiblichen Gleichgesinnten heiraten. Wie aber bringt die Bewegung die studierenden und weltoffenen weiblichen Mitglieder dazu, dies zu akzeptieren? Popp hätte einige von ihnen befragen können, wie sie reagieren würden, wenn sie zu einer solchen Heirat gezwungen werden würden. Einerseits erklärt Popp, die Bewegung würde sich immer in die Breite vergrößern, andererseits bedient er sich des Klischees, die Communitymitglieder heirateten nur unter sich. Wie ist beides auf einmal möglich?

Popp schreibt, die Bewegung fange Menschen mittels Spinnennetzen ein. Dann wieder heißt es, dass einige Lehrer der Gülen-Schulen nie etwas über Gülen gehört hätten. Ein merkwürdiges Spinnennetz! Entweder hat es eine geringe Qualität und erkennt potentielle Opfer nicht, die sich bereits im Netz verfangen haben, oder Popp schreibt ein neues Drehbuch für Spiderman. Popp verschweigt, dass die Mehrheit der Lehrer auf den Gülen-Schulen deutsch und christlichen Glaubens sind. Warum? Weil etwa die These des Spinnennetzes dann nicht greifen würde?
Popp macht munter weiter. Gülen sei ein Berater der früheren Ministerpräsidentin Tansu Çiller. Sie lebt noch, er hätte sie fragen können. Im Jahr 2004 waren angeblich 20% der Abgeordneten und auch zwei Minister der regierenden AKP Gülen-Anhänger. Namen gibt es keine, haltlose Vorwürfe hingegen viele.

Auch für die Verhaftung des Journalisten Ahmet Şık macht Popp die Bewegung verantwortlich. Popp schreibt, dass Şık geheime Putschpläne eines Admirals aufgedeckt und sich somit gegen Ergenekon positioniert habe. Wer ihm auch immer diese Information zugesteckt haben mag, hat ihm offensichtlich verschwiegen, dass Alper Görmüş, Chef-Redakteur der Zeitschrift Nokta, die diese Putschpläne veröffentlichte, wiederholte Male erklärt hat, dass er das Tagebuch, in dem die geheimen Vorhaben vermerkt sind, ganz allein aufgearbeitet hat. Şık erfuhr von den Putschplänen Görmüş‘ Angaben zufolge erst, als diese veröffentlicht wurden.

Dass Popp offensichtlich von Dritten in die Irre geführt wurde, wird spätestens klar, als er behauptet, Gülen sei nach einem Kassetten-Skandal in die USA geflüchtet. Mit einer Internet-Recherche hätte er ganz leicht herausfinden können, dass die gesundheitlich bedingte Ausreise im März, der Kassetten-Skandal aber erst im Juni 1999 war.

Ich hatte Popp bei seinem letzten Besuch vorgeschlagen, für Zaman zu arbeiten, um seine Türkischkenntnisse zu erweitern. Nun gehe ich einen Schritt weiter und biete ihm an, bei uns zu arbeiten, um die Hizmet-Bewegung und ihre Anhänger näher kennen zu lernen. Vielleicht bekommt er dann auch mit, wie objektiver und korrekter Journalismus aussehen kann.