In meinem Büro steht ein Schrank…

GASTBEITRAG In meinem Büro steht ein Schrank. Dieser Schrank hat viele Schubladen und auf den ersten Blick scheint es, als ob in jeder Schublade ein heilloses buntes Durcheinander herrschen würde. Schnell stellt man doch fest: Hier gibt es eine Grundstruktur.

Seit über 20 Jahren bin ich als Journalist tätig, einer meiner Schwerpunkte ist das, was wir in Deutschland allgemein als Black Music bezeichnen. Ja, ich liebe Hip Hop, R&B und Soul und sicher gibt es einiges an Musik, was meinen Geschmack nicht trifft. Es gab Zeiten, wo ich nach zehn Minuten eines Rocksenders dringend das Radioprogramm wechseln musste. Heute schalte ich diesen Sender eigentlich nicht mehr ein.

In der vergangenen Woche nun durfte ich kurzfristig mit Brian McKnight ein Telefoninterview führen. Ein Angebot für das Internetportal rap2soul.de, das wir seit 2002 betreiben. Die Freude war auf meiner Seite, denn er ist einer der ganz Großen der Soul- und R&B-Musik. Alles recht spontan, nur wenige Minuten, nachdem ich die Telefonnummer erhalten hatte, hatte ich auch schon Los Angeles an der Leitung.

Für mich ist Brian McKnight ein Star der Black Music. Die Musik, die er macht, bezeichne ich als Soul, manchmal auch als R&B. Aber wie sieht sich der Künstler selbst, welchen Stil verfolgt er? „Ich habe so viele verschiedene Stile zusammengeführt, es wird schwer für Menschen, die es in Schubladen sortieren wollen. Also was ist es? Es ist großartige Musik. Menschen haben einen Bedarf es zu benennen, das ist R&B, das ist Rock, das ist Pop. Ich brauch das nicht. Als ich ein Kind war, hörten die Menschen einfach nur Musik. Ich habe keine Ahnung, wie es klingt, da ist nicht ein bestimmter Sound auf dem Album, da sind so viele.“ Durchaus ein interessanter Aspekt.

Weiter erklärte mir Brian McKnight: „Ich bin ein African-American Black Singer, also glauben alle automatisch, es ist R&B. Aber die meisten wissen nicht, was R&B ist. Außerhalb von Amerika wird es eher als R&B bezeichnet, aber ich habe einfach nur eine Platte gemacht. Und für mich ist es, wenn Du eine Platte machst, einfach Kunst. Ich nutze die Chancen, ich stecke nicht in einer Kategorie fest, weil es jemand möchte, ich singe, was ich möchte.“

Der Künstler Brian McKnight hat also nur eine Platte gemacht, so wie er sie entstehen lassen wollte. Und wir, die Journalisten, die vom Radio, die vom Label, wir nehmen nun das Album. Wir schauen auf den Künstler, wir schauen auf das Vorgängeralbum. Schublade auf. Stimmt schon, Platte rein, Kiste zu. Brian McKnight wird nicht auf dem Rocksender laufen, auch nicht auf einem Schlagersender, sein Schubkasten ist Soul.

Ist das neue „Heino“-Album noch „Volksmusik“? Und wenn nein, warum eigentlich nicht?

Überraschung: Heino hat mit seinem Album „Mit freundlichen Grüßen“ einen Download-Rekord aufgestellt. Seinen Schubkasten der Volksmusik hat er durchbrochen. Das Coveralbum enthält deutsche Pop-, Rock- und Rapsongs, für Heino sind auch diese Lieder Musik für das Volk. Er hat sich etwas getraut, er hat ein Album gemacht, mit der Musik, die er aufnehmen wollte. Schublade auf. Stimmt nicht, ich hab keine Kiste, in die die Platte passt.

Der Mensch neigt zu Vorurteilen, er hat sie einfach gelernt. Sie bestehen aus dem Wissen der Eltern und der Umgebung, eigenen Erfahrungen, Gelerntem und Gehörtem. Sie sind hilfreich, um im täglichen Leben Dinge zu sortieren und einzuordnen. Aber manchmal muss der Schubkasten geöffnet und sein Inhalt betrachtet werden. Dann erst offenbart sich einem die Vielfalt, oder wie es Sezen Tatlıcı vor kurzem in einem Artikel formuliert hat, die bisher versteckten Falten des Fächers, den wir Gesellschaft nennen. Unser Schubladendenken aufzuweichen ist ein schwerer Prozess, zu dem auch viel Mut gehört. Verlassen wir dabei doch die gewohnte Ordnung! Denn haben wir den Mut, können wir die Dinge umsortieren, neu zusammenstellen und dabei nur an Erfahrung gewinnen.

Der Schrank Europa ist offen. Der Schubkasten Deutschland ist weit geöffnet, von überall kamen und kommen Menschen hierher, manche gehen auch, ziehen in ein anderes Land. Jeder, der kommt, bereichert unsere Gesellschaft mit seiner Kultur, seinen Erfahrungen und seiner Individualität. Gemeinsam gestalten wir diese Gesellschaft, bilden dieses Land. Und jeder, der geht, der trägt ein Stück Deutschland in sich und wird so sein neues Ziel bereichern.

In meinem Büro steht ein Schrank. Dieser Schrank hat viele Schubladen, auf den ersten Blick scheint es, als ob in jeder Schublade ein heilloses buntes Durcheinander herrscht. Und das ist gut so, ich möchte keine langweiligen, monotonen Schubkästen, genauso, wie ich keine langweilige, monotone Gesellschaft will.

Autoreninfo: Jörg Wachsmuth ist Journalist und PR-Berater. Der gebürtige West-Berliner hat über 10 Jahre für den Black Music Sender Jam FM als Moderator und Redakteur gearbeitet. Aktuell ist er als Pressesprecher für verschiedene Institutionen tätig. Er hat an der Entwicklung verschiedener Zeitschriften und Webformate mitgewirkt, aktuell leitet die Zeitschrift „PflegeBote“. Er gehört zu den Gründern des Black Music Portals rap2soul.de und ist Jury-Mitglied im Preis der deutschen Schallplattenkritik und gehört dem Verein Typisch Deutsch e.V. an.