Im jesidischen Dorf Kocho in der Region Shingal haben Terroristen des „Islamischen Staates“ mindestens 100 Menschen getötet. Zuvor hatten benachbarte sunnitisch-arabische Stämme sich erfolglos für die Jesiden eingesetzt. (rtr)

Es klingt wie aus längst vergangenen Zeiten: Nimm meine Religion an oder du stirbst. Die Terror-Organisation „Islamischer Staat“ (IS) hatte bereits letzte Woche dem belagerten Dorf Kocho und ihren jesidischen Bewohnern in Shingal ein Ultimatum gesetzt, zum Islam zu konvertieren oder zu sterben. Augenzeugenberichten zufolge wurden zuvor bereits an Ort und Stelle mehrere Männer hingerichtet, um ein Exempel zu statuieren.

Um ein Blutbad zu verhindern, setzten sich befreundete und benachbarte sunnitisch-arabische Stämme für die Jesiden in dem betroffenen Dorf ein und erreichten zumindest eine Verlängerung des Ultimatums – das lief bereits am 14.August aus.

Doch am Freitag stürmten Einheiten des IS aus heiterem Himmel das Dorf und töteten ersten Berichten zufolge mindestens 100 jesidische Bewohner. Augenzeugen berichten inzwischen sogar von doppelt so vielen Toten.

Das Massaker erfolgt trotz der Luftangriffe der amerikanischen Luftwaffe gegen Stellungen des IS und offenbart, dass die Terrororganisation weiterhin äußerst aktiv in der Region ist. Auch gegen die kurdischen Peschmerga, die sich beim ersten Angriff auf die jesidische Region plötzlich zurückgezogen und so den Vorstoß der Extremisten erst ermöglicht haben soll, werden schwere Vorwürfe laut.

Vorwürfe gegen Peschmerga: „Die IS-Terroristen wurden förmlich eingeladen, Jesiden abzuschlachten“

Der Präsident der autonomen Region Kurdistan, Massud Barzani, wies jegliche Verantwortung für den plötzlichen Einfall des IS vor zwei Wochen von sich und dementierte, von der Aktion gewusst zu haben. Augenzeugen aus Shingal schildern jedoch, dass die mehr als 5000 zur Sicherung Shingals dort stationierten kurdischen Peschmerga-Soldaten von einem Moment auf den anderen abgezogen worden seien, ohne auch nur einen Schuss abzugeben. „Den IS-Terroristen wurden Tür und Tor geöffnet und sie förmlich eingeladen, Jesiden abzuschlachten“, sagte der Anwohner Alo gegenüber „WELTkompakt“.

Die PKK nutzte anschließend einen von ihr kontrollierten Korridor zwischen dem Irak und Syrien und schickte mehrere Einheiten der als PKK nahe geltenden kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG in den Irak, um die eingeschlossenen Jesiden zu unterstützen. Tausende Zivilisten konnten Berichten zufolge durch den Einsatz der YPG evakuiert werden. (zaman)

Barzani entließ offenbar als Reaktion auf die Vorwürfe mehrere für Shingal verantwortliche Peschmerga-Offiziere, darunter auch den verantwortlichen Kommandeur der abgezogenen Truppen. Nach dem Vorstoß des IS und dem Rückzug der Peschmerga flohen Zehntausende Jesiden in die Berge.

Die PKK nutzte anschließend einen von ihr kontrollierten Korridor zwischen dem Irak und Syrien und schickte mehrere Einheiten der als PKK nahe geltenden kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG in den Irak, um die eingeschlossenen Jesiden zu unterstützen. Tausende Zivilisten konnten Berichten zufolge durch den Einsatz der YPG evakuiert werden.

Peschmerga gehen, die PKK kommt – und bleibt womöglich

Die Jesiden befürchten nun weitere Massaker durch den IS in den nächsten Tagen. Nicht nur das Dorf Kocho ist betroffen, auch andere nahegelegene Ortschaften sind demnach akut gefährdet. Die katastrophale Lage in der Region und der mangelnde Einsatz der kurdischen Peschmerga ermöglicht es nun anscheinend der PKK, in Shingal Wurzeln zu schlagen. Die PKK gewinnt durch ihre Präsenz in der Region unter den Anwohnern, die sich von den Peschmerga im Stich gelassen fühlen, offenbar an Ansehen. „Es kommt uns niemand zur Hilfe. Außer der PKK und der YPG haben uns anscheinend Barzani und seine Gefolgsleute im weit entfernten Arbil vergessen“, so ein jesidischer Bewohner Shingals gegenüber DTJ.

Die PKK ist in der EU, in den USA, in der Türkei und vielen anderen Staaten als Terror-Organisation aufgeführt. Die Gruppe hat durch ihren Einsatz nun große Sympathien bei den Jesiden im Irak erlangt. Wie lange die PKK in dem Gebiet aktiv sein wird und ob sie sich jemals wieder aus Shingal zurückziehen wird, bleibt abzuwarten.

Sicher ist aber: Das innerkurdische Kräftegleichgewicht im Irak wurde durch den Rückzug der Peschmerga und die Entsendung von YPG-Kämpfern beeinflusst. Sollte es in naher Zukunft wieder zu Diskrepanzen zwischen Barzanis DPK und der PKK kommen, ist nicht sicher, wer die Oberhand haben wird. Der Rückhalt der PKK unter der Bevölkerung von Shingal und darüber hinaus ist in den letzten Tagen eindeutig gewachsen.