Vertreter der Turkmenen im Irak beklagen, die Regierung in Ankara lasse Unterstützung vermissen angesichts der tödlichen Bedrohung, welcher die Volksgruppe durch den terroristischen „Islamischen Staat“ (IS; ehem. ISIS) ausgesetzt sei.

„Leider scheint die Regierung den Turkmenen in Tal Afar bei weitem nicht jenes Ausmaß an Aufmerksamkeit zu widmen, das sie Gaza gegenüber an den Tag legt. Ich kann dafür keinen Grund erkennen“, äußerte Mehmet Tütüncü, der Vorsitzende der in Istanbul beheimateten Gesellschaft für Kultur und gegenseitige Hilfe der irakischen Türken (ITKYD).

Seit dem Vorstoß der Terroristen in der ersten Junihälfte im Nordirak wurden bereits hunderte Turkmenen von IS-Insurgenten getötet. Die Terroristen töteten jeden, dessen religiöse Praktiken von ihren abwichen, unter anderem auch Schiiten. Die Turkmenen stünden dem Ansturm der Extremisten allein auf weiter Flur gegenüber.

Tütüncu berichtet, dass viele Angehörige seiner Volksgruppe den Eindruck haben, Premierminister Erdoğan würde deren türkische Identität nicht kümmern. Es sei unverständlich, warum die Regierung in Ankara kaum ein Wort über die bislang 200 000 durch den terroristischen IS Vertriebenen verliere und die Gruppe noch nicht einmal als „terroristisch“ benenne, während man Gaza überdurchschnittliches Augenmerk schenke. „Wir würden von religiösen Menschen eigentlich erwarten, dass sie zumindest ein Zehntel jener Aufmerksamkeit, die sie Gaza widmen, auch den Turkmenen zukommen ließen. Turkmenen sind auch Muslime“, betonte Tütüncu.

Der terroristische IS hat derzeit immer noch 49 türkische Staatsangehörige, darunter den türkischen Generalkonsul in Mossul, Mosul Öztürk Yılmaz, in seiner Gewalt, seit diese Mitte Juni im Zuge der Botschaftsbesetzung durch die Terroristen als Geiseln genommen wurden.

Bis zu 300 000 Turkmenen auf der Flucht

Die Türkei hat bislang zwar humanitäre Hilfe für die Turkmenen auf den Weg gebracht, dennoch seien bereits dutzende Kinder verdurstet, an den Folgen von Krankheiten gestorben oder an Bissen von Skorpionen. Es stehen nur wenige Zeltstädte für die Vertriebenen zur Verfügung, die meisten müssen sich unter freiem Himmel unter der heißen Sommersonne durchschlagen.

Am 16. Juni hatte der IS die mehrheitlich turkmenische Stadt Tal Afar eingenommen. Etwa die Hälfte der 400 000 Einwohner, vor allem die schiitischen Turkmenen, floh aus der Stadt. Hunderte Turkmenen wurden durch die terroristischen Eindringlinge ermordet.

Der Führer der Irakisch-Turkmenischen Front, Erşad Salihi, sprach auf einer Pressekonferenz sogar von 300 000 Turkmenen auf der Flucht. Er bedankte sich bei der Türkei für die bereits geleistete Hilfe, gab aber zu bedenken, dass die Betroffenen nicht viel weiter hätten als Behelfszelte, spärliche Behausungen in Rohbauten oder Schlafplätze entlang der Straße.

Auch aus der oppositionellen Milliyetçi Hareket Partisi (Partei der Nationalen Bewegung; MHP) kritisierte der Abgeordnete Sinan Oğan (Iğdır) die Regierung angesichts der Situation der Turkmenen im Irak. Ankara kümmere sich nicht, obwohl dort Kinder verhungerten. „Warum ist unsere Regierung so feindselig gegenüber allem, was mit dem Türkentum zu tun hat?“ Sein Kollege, der stellvertretende Fraktionschef und Abgeordnete für Kayseri, Yusuf Halaçoğlu, schloss sich der Kritik an und richtete sich an Premierminister Erdoğan: „Du erklärst eine dreitätige Staatstrauer für Gaza, warum aber nicht auch eine solche für die Turkmenen?“

Turkmenen einzig auf sich allein gestellt

Während Araber und Kurden im Irak immer irgendeine Macht hinter sich hätten, wären die Turkmenen auf sich allein gestellt. Wie die Kurdische Autonomieregierung bestätigte, würden Turkmenen auch nicht nach Arbil gelassen. Anders als die Kurden verfügten die Turkmenen auch über keine bewaffneten Selbstschutzverbände. Trotz der guten Beziehungen zwischen der KRG und der türkischen Regierung sollen kurdische Peshmerga die Abgabe aller vorhandenen Waffen durch die Turkmenen zur Vorbedingung eines Hilfseinsatzes gemacht haben, als der IS vor Tal Afar stand.

Auch Nejat Kevseroğlu, Herausgeber der Tageszeitung „Türkmeneli“ (Kirkuk), bestätigte, dass dutzende Kinder an den Folgen der schwierigen Lebensbedingungen gestorben seien. Auch er vermisse die Verhältnismäßigkeit zwischen dem Einsatz der Regierung in Ankara für Gaza und jenem für das Turkvolk im Irak.

Kevseroğlu rief Ankara dazu auf, eine Schutzzone in Tal Afar zu schaffen, ähnlich wie es während des ersten Golfkrieges 1991 eine für die Kurden gegeben hätte. Ansonsten seien die Turkmenen „in Todesgefahr“, so der Journalist.