Dieser Film fordert die volle Aufmerksamkeit, die volle
Konzentration. Und er belohnt: Mit einem anderen, um so vieles
interessanteren Blick auf den Irak. „Iraqi Odyssey“, zu sehen ab 14.
Januar im Kino, ist ein Mammutprojekt, das in der Lage ist, ein
völlig neues Bild des vorderasiatischen Staates und seiner
wechselvollen Geschichte zu vermitteln.

Und zwar mit einer solchen Fülle an Bildern, Tönen, Geschichten, auf
so aufwühlende, anrührende, schockierende, spannende und sogar auch
mitunter witzige Weise, dass man sich manchmal überfordert fühlt. Vor
lauter Input weiß man nicht mehr, wohin mit all diesen wichtigen
Erkenntnissen – und ist doch gleichzeitig gefangen von diesem Werk,
sitzt wie hypnotisiert vor der Leinwand.

Der Filmemacher Samir – sein Vater ist Iraker, seine Mutter
Schweizerin – hat seinen irakischen Wurzeln nachgespürt und anhand
der Lebensgeschichten seiner über den Erdball verstreuten
Familienmitglieder nichts weniger als ein Epos des Irak gedichtet.

Die zehn Jahre, die all dies gedauert hat, merkt man dem Film an. Bei
den meisten von Samirs Onkeln und Tanten, Kusinen und Halbschwestern
hätte bereits ein einzelner Lebenslauf für einen abendfüllenden Film
gereicht. Der Autor und Regisseur aber lässt sie alle zu Wort kommen,
verwebt ihre Erzählungen, die immer auch Erzählungen des Irak des 20.
und 21. Jahrhunderts sind, wie einen großen Geschichtenteppich
ineinander. Und macht damit nicht zuletzt seinem Namen alle Ehre:
Samir bedeutet „Geschichtenerzähler“.

Landes- und Familiengeschichte ineinander verwoben

Die Ebene der auf arabisch, englisch oder deutsch erzählenden
Verwandten hinterlegt er – im wörtlichen Sinne, der Film ist
stereoskopisch gedreht – mit einer schier unglaublichen Fülle an
historischem Material: Wochenschauaufnahmen, private Filme und Fotos,
Ausschnitte aus Propaganda- oder populären Spielfilmen, arabische
Schlagervideos, Bilder von Revolutionen und Theateraufführungen,
Videos von gespenstisch tonlosen Hinrichtungen und fröhlichen Festen,
Illustrationen aus einem Schulbuch oder Filmschnipsel aus Luchino
Viscontis „Rocco und seine Brüder“ ( 1960).

Diese Vielfalt ist alles andere als beliebig. Sie illustriert und
beglaubigt auf anschauliche Weise das, was Onkel Sabah und Tante
Samira erzählen, oder was Samir selbst als Off-Kommentar beisteuert.
Ausgangspunkt ist Samirs Großvater, ein mächtiger, aber liberaler
Patriarch, Vertreter einer weltoffenen Schicht des Irak in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Seine prägende Figur hält alles zusammen, er ist der Ankerpunkt
vieler Episoden seiner allesamt studierten und stark politisierten
Kinder – Samirs Onkel und Tanten. Schwarz-weiß-Fotografien aus den
1950er- und 1960er Jahren zeigen die Tanten als elegante Studentinnen
in Begleitung junger Männer in einer modernen Stadt, Bagdad, absolut
frei und emanzipiert – vom Schreckensbild des zerstörten heutigen
Irak, vom Schreckensbild einer vermeintlich rückständigen islamischen
Kultur keine Spur.

Samir zeichnet den Verfall seines Vaterlandes bis heute nach, mehr
oder weniger chronologisch, in zahlreichen Kapiteln wie „Revolution“
oder „Die Ungleichheit“. Politische Wechsel, Putsche, neue
religiös-ethnische Machtverteilungen, Kriege und „Säuberungsaktionen“
der Baath-Partei, die Saddam Hussein an die Macht brachte, führen zu
ungezählten Fluchten und erzwungenen Umsiedlungen von Samirs zumeist
kommunistischen Familienangehörigen nach Moskau, Auckland, London,
Paris oder Buffalo.

Es gibt Widersprüche innerhalb der mündlich tradierten
Familienlegenden. Zudem ist der Recherche- wie Produktionsprozess
Teil des Films selbst geworden, sei es in Form erfolgloser
Gesprächsanfragen innerhalb der Familie, sei es in Gestalt der
bisweilen sichtbaren Dreharbeiten: „Iraqi Odyssey“ ist also alles
andere als monolithisch, und doch wirkt dieser mutige Film wie aus
einem Guss. (kna/dtj)