Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sind bei einem Überraschungsangriff erneut in die nordsyrische Stadt Kobane eingefallen. Unklarheit besteht bislang darüber, wie genau sie in die von Kurden gehaltene Stadt eindringen konnten.
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Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sind bei einem Überraschungsangriff erneut in die nordsyrische Stadt Kobane eingefallen. Bei mindestens drei Selbstmordattentaten der Extremisten und Gefechten mit Einheiten der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) wurden Dutzende Menschen getötet oder verletzt. Darunter waren viele Frauen und Kinder. Der Nachrichtensender BBC Türkçe sprach von mindestens 33 Toten und über 100 Verletzten.

Der neue IS-Angriff auf Kobane begann am frühen Morgen mit Selbstmordangriffen auf den Grenzübergang zur Türkei. Ein Video, das der Sender CNN Türk ausstrahlte, zeigt zwei Explosionen am Grenzübergang. Der zweite Attentäter kommt in einem Auto von syrischer Seite, bevor er sich in die Luft sprengt. Danach habe es Gefechte in mehreren Vierteln Kobanes gegeben, erklärte die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Kurden-Sprecher Idriss Nassan sagte, die IS-Extremisten hätten wild um sich geschossen und auf jeden gefeuert, den sie erblickt hätten. Den örtlichen Einheiten der YPG gelang es nach eigenen Angaben, die IS-Kämpfer einzukreisen.

Auf Twitter kursierten am Vormittag Videoaufnahmen aus Kobane, die heftige Gefechte in den Straßen der Stadt und mehrere getötete IS-Kämpfer zeigten. Auffällig dabei ist, dass die getöteten IS-Kämpfer scheinbar Uniformen der mit den Kurden verbündeten FSA-Einheiten trugen – offenbar als Tarnung. Die Männer trugen außerdem keine für die IS-Kämpfer typischen Bärte.

Salih Muslim: IS-Kämpfer kamen über Türkei

Laut den Menschenrechtsbeobachtern starben in Kobane mindestens acht Extremisten und zwölf Kurden. Der türkische Vize-Ministerpräsident Numan Kurtulmuş erklärte, es seien 96 Verletzte und vier Tote in türkische Krankenhäuser eingeliefert worden.

Unklarheit besteht bislang darüber, wie genau die IS-Kämpfer nach Kobane vordringen konnten. Der Co-Vorsitzende der kurdischen PYD, Salih Muslim, sagte nach Angaben der türkischen Zeitung Radikal, die Angreifer seien von der Türkei aus nach Kobane eingedrungen. Er sprach von etwa 60 Angreifern, von denen im Laufe des Tages mindestens 15 getötet wurden. Es habe mehrere Festnahmen gegeben. Andere IS-Kämpfer seien jedoch in Richtung türkische Grenze geflohen, so Muslim.

Wie unübersichtlich die Lage auch bis zum Nachmittag noch war, zeigt die Verwirrung um die Aussagen des YPG-Sprechers Redur Xelil. Dieser wurde zwar von verschiedenen Nachrichtenagenturen zitiert – jedoch mit unterschiedlichen Ergebnissen: dem Telegraph zufolge sagte Xelil, der IS habe Kobane von Süden und Osten her infiltriert und als Tarnung die Flagge der FSA gehisst. Die DPA zitierte Xelil mit den Worten, der IS sei von Süden und Westen in die Stadt vorgerückt.

Gouverneursbüro von Şanliurfa: IS-Kämpfer kamen aus Syrien

Kurtulmuş wies den Vorwurf der Kurden zurück, die Angreifer hätten Kobane von türkischem Gebiet aus angegriffen. Entsprechende Angaben seien „vollkommen gelogen“, sagte er laut der Nachrichtenagentur Anadolu. Sie seien Propaganda und der Versuch, die Türkei zum Ziel einer „Schmutzkampagne“ zu machen. Das Büro des Gouverneurs der an Kobane angrenzenden türkischen Provinz Şanliurfa sagte, alle Informationen würden darauf hinweisen, dass die IS-Kämpfer aus der syrischen Stadt Jarablus gekommen sein. Offen ließ er jedoch, wie die mit Sprengstoffbeladenen Fahrzeuge den Euphrat zwischen Jarablus und Kobane überquert haben.

Zugleich überfiel der IS am Donnerstag im Norden Syriens zwei weitere Orte, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete. Demnach griffen die Extremisten etwa 35 Kilometer südlich von Kobane das Dorf Barcha Batan an und töteten mindestens 20 Menschen, darunter zahlreiche Frauen und Kinder. Ein dritter Angriff erfolgte auf die Stadt Hasaka im Nordosten des Landes.

Der neue IS-Angriff erfolgte nur wenige Tage, nachdem die Extremisten im Norden Syriens schwere Niederlagen gegen die Kurden einstecken mussten. In der vergangenen Woche hatten die Volksschutzeinheiten die weiter östlich gelegene Grenzstadt Tell Abjad befreit. Am Dienstag nahmen sie den Ort ein Ain Issa und rückten bis auf rund 50 Kilometer an die syrische IS-Hochburg Al-Rakka heran. Die Extremisten verloren durch die Niederlagen ihre wichtigsten Nachschubwege in die Türkei.

Schwere Niederlagen für den IS

Der IS hatte bereits im vergangenen Jahr große Teile Kobanes eingenommen. Mit Hilfe von Luftangriffen einer internationalen Militärkoalition gelang es den Kurden in monatelangen Kämpfen jedoch, die Stadt Ende Januar zu befreien. Große Teile wurden dabei in Schutt und Asche gelegt. Erst in den vergangenen Wochen war allmählich Leben nach Kobane zurückgekehrt.

IS-Kämpfer griffen am Donnerstag auch die östlich von Kobane gelegene Stadt Hasaka an. Bei Kämpfen seien mindestens 20 Dschihadisten und 30 Anhänger des syrischen Regimes getötet worden, erklärte die syrische Beobachtungsstelle. Die Extremisten hätten zwei Stadtviertel erobert. (dtj/dpa)