Die Nachricht vom Tod einer zweiten US-Geisel kam für Barack Obama zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Der amerikanische Präsident saß praktisch schon im Flugzeug in Richtung Baltikum und zum Nato -Gipfel in Wales – zwei Termine, bei denen er Entschlossenheit, Härte und Führungskraft demonstrieren will. Die angebliche Enthauptung eines US-Bürgers durch extremistische Terrormilizen im Nahen Osten passt da nicht recht ins Bild.

Obama, der Medienmann, zog es denn am Dienstag erst einmal vor abzutauchen. Ohne jeden Kommentar joggte er demonstrativ locker die Gangway zur „Air Force One“ empor – ob er auf dem Nachtflug nach Tallinn viel Schlaf fand, ist mehr als fraglich.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hatte nicht lange gezögert, um ihre grausige Drohung wahr zu machen. Erst musste Journalist James Foley sterben, jetzt offenbar sein Kollege Steven Sotloff. „Ich bin zurück, Obama. Und ich bin zurück wegen Deiner arroganten Außenpolitik gegenüber dem Islamischen Staat“, sagt der in schwarz vermummte Mann auf dem Video.

US-TV-Sender strahlten kurze Frequenzen des Videos aus. Der Vermummte fuchtelte mit dem Messer, mit versteinertem Gesicht kniete das Opfer vor ihm nieder. Das ganze spielte sich auf dem goldgelben Sand einer Wüstenlandschaft ab. Es war ein eiskalt angekündigter Mord. Scheinbar hilflos musste der „mächtigste Mann der Welt“ zusehen.

„Kriegserklärung an Amerika“

Immer mehr gerät Obama unter Druck, der republikanische Kongressabgeordnete Peter King sprach am Dienstag erneut von einer „Kriegserklärung an Amerika“. Immer heftiger werfen die Republikaner dem Präsidenten vor, er habe die Gefahr durch die IS-Milizen verschlafen und viel zu spät mit Luftangriffen auf IS-Stellungen begonnen.

Mehr noch: Durch den Abzug aller Soldaten aus dem Irak und durch seine Weigerung, moderate Oppositionsmilizen in Syrien mit Waffen zu unterstützen, habe Obama geradezu zum Aufstieg der Terrorgruppe beigetragen.

Nicht gerade zur Beruhigung trug zudem die gescheiterte Geiselbefreiung bei. Eigentlich wollte das Pentagon die Aktion geheim halten, doch auch der Foley-Mord vor knapp zwei Wochen setzte die Regierung derart unter Druck, dass sie mit der Operation der Spezialkräfte an die Öffentlichkeit ging. Obama wollte seinen Landsleuten zeigen, dass er alles tut, um Amerikaner zu retten – und sei es mit dem Hinweis auf eine Befreiungsaktion, die ein Schlag ins Wasser war.

USA gelingen mit Bombadierungen erste Erfolge

Zwar wirkt Obama auf den ersten Blick scheinbar hilflos. Doch Experten meinen, die Morde der Milizen könnten durchaus auch ein „gutes Zeichen“ sein – ein Zeichen, dass die Luftschläge der US-Kampfjets bereits deutliche Wirkung zeigen. Ausdrücklich meint der Vermummte auf dem Video, Sotloff müsse wegen der Luftschläge gegen IS-Stellungen nahe des Mossul-Damms sterben. „So wie deine Raketen weiter unsere Leute treffen, werden unsere Messer weiter die Hälse deiner Leute treffen.“

Tatsächlich sind den USA mit ihren Bombardierungen innerhalb weniger Wochen erste Erfolge gelungen. Weit über 100 Angriffe flogen die USA laut Pentagon: Sie brachen die Belagerung am Sindschar-Gebirge, Zehntausende Menschen, Angehörige der Minderheit der Jesiden, konnten fliehen. Auch der Mossul-Damm befindet sich nicht mehr unter Kontrolle der Milizen.

Doch neue Gräueltaten sind schon angedroht. Als nächstes Opfer drohen die Milizen, eine britische Geisel zu töten. Und nach einem Bericht der „New York Times“ haben sie mindestens zwei weitere Amerikaner in ihrer Gewalt.

Obama wird weiter Härte zeigen, Nachgeben im Kampf gegen die Milizen gehört nicht zu den Optionen. Wohl aber die Suche nach Partnern. „Wo bleiben unsere Verbündeten, wo bleiben unsere arabischen Freunde?“, fragte ein CNN-Reporter in Bagdad. (dpa/dtj)