Muslime unterscheiden sich in ihren religiösen Überzeugungen stark. Das ergab eine Untersuchung des Instituts für Islamische Studien der Universität Wien.(rtr)

In diesen Tagen bereiten sich Muslime weltweit auf ihren heiligen Fastenmonat Ramadan vor. Er ist der bedeutendste von drei heiligen Monaten im Islam, und zu diesen drei Monaten gehören jeweils auch besondere heilige Nächte. Bevor nun in wenigen Wochen die Fastenzeit Ramadan beginnt, begehen Muslime die heilige Ber’at-Nacht, die Nacht der Vergebung. Es ist die letzte Station vor dem Sultan aller Monate.

„Ich freue mich, endlich diese Nacht heute Abend zu begehen, weil ich seit letztes Jahr darauf warte, alle meine Sünden, die ich dieses Jahr begangen habe, heute Abend reinzuwaschen, weil „Ber’at“ heißt für mich persönlich, auch terminologisch Freispruch, Erlösung.“ Cemil Tastan ist ein in Deutschland geborener und in Deutschland ausgebildeter Imam. Er ist nicht aus der Türkei entsandt, um hier als Imam tätig zu sein. Er hat die Imamlehre seines Ordens abgeschlossen. Dazu zählte jedoch ein zweijähriger Aufenthalt in den Ordenshäusern in Istanbul.

Wie viele andere Muslime bittet Tastan in dieser besonderen Nacht von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang um die Vergebung seiner Sünden. Denn für Muslime ist Gott in dieser Nacht besonders großzügig. Davon ist auch Imam Tastan überzeugt: „Natürlich, klar. So eine Art Inventur. Die Sünden, die ich in dem ganzen Jahr leider begangen habe, wissend, oder unwissend; heute habe ich die Möglichkeit, die Chance mich hinzusetzen und Allah anzuflehen, anzubeten: Oh Herr, vergebe mir bitte alle meine Sünden.“

Heilige Nächte im Islam gute Gelegenheit für privaten Rückzug

Auch für die Muslimin Serap Güler, eine CDU-Abgeordnete im NRW-Landtag in Düsseldorf, ist die Ber’at-Nacht jedes Jahr ein persönlich wichtiges Datum: „Durch Gebete an Gott, sich von seinen Sünden reinzuwaschen, ist etwas besonderes. Dementsprechend ist die Bedeutung auch bei mir groß.“ Die Vergebung der Sünden versteht sie für sich als eine Art Befreiung. Denn auf diese Weise habe man die Möglichkeit, jedes Jahr immer wieder sein Leben neu zu gestalten. „Ich glaube auch, dass das Bewusstsein, dass man eine Schuld von sich wirft, etwas was man als Sünde definiert hat, dass man durch das Gebet Buße leistet, sehr erlösend und befreiend sein kann“, erläutert die Politikerin, die in ihrem beruflichen Alltag und vor allem in der heißen Wahlkampfphase für die bevorstehenden NRW Landtagswahlen an diesem Sonntag kaum noch Zeit übrig hat für spirituellen Rückzug.

Wie Muslime sich auf diese Ber’at-Nacht vorbereiten und wie sie sie verbringen, ist unterschiedlich. Ali Baş, der NRW-Landtagsabgeordnete und Vorsitzende des Arbeitskreises Grüner Muslime, verbringt die Zeit am liebsten mit guten Freunden. Auch er ist momentan im Wahlkampf für den Wiedereinzug ins nordrhein-westfälische Parlament, aber diese Gelegenheit mal abzuschalten will er unbedingt nutzen. „Erst Abendessen im Restaurant, dann Moscheebesuch. Die Moscheen bieten ja in der Regel auch ein besonderes Programm an in dieser Nacht, wo Koran rezitiert wird und auch gebetet wird und das ist eine besondere Atmosphäre.“

Baş schätzt die Ber’at-Nacht, aber auch andere spirituell bedeutende Tage im islamischen Kalender auch deshalb, weil es in dieser Zeit möglich sei, einmal völlig aus dem sonst üblichen täglichen Rhythmus auszusteigen. „Mir macht das persönlich Spaß, diese Möglichkeit zu nutzen, um sich aus dem Alltag mal auszuklinken. Mein beruflicher Alltag ist schon sehr voll mit Terminen und auch mit sehr weltlichen Themen. Dann da mal auszusteigen, ist für mein persönliches Befinden sehr wichtig.“

Ein Imam ist nur Imam, weil er vorbetet

Wie verläuft diese besondere Nacht? Einen festgelegten Ablauf gibt es nicht. Auf das verpflichtende Abendgebet folgt in der Regel das Tasbih-Gebet, eine Gebetsform nicht nur für besondere Nächte wie die Ber’at-Nacht. Knapp eine halbe Stunde dauert es an. Da es in der Ber’at-Nacht darum geht, dass Gott einem die Sünden vergibt, sollte auch jeder, der um diese Vergebung bittet, selbst bereit sein, anderen zu vergeben. Es ist daher eine gute Gelegenheit, in dieser Nacht auch mit den Menschen zusammen zu sein, denen man sonst vielleicht lieber aus dem Weg geht.

„Weil, wenn Allah uns vergibt, wer sind wir Menschen, dass wir anderen Menschen nicht vergeben?“ Cemil Tastan legt aber Wert darauf, dass dies genauso auch für einen Imam gilt. Zwar genießen Imame unter Muslimen einen besonderen Respekt, aber − so betont Tastan − gerade die Ber’at-Nacht kann noch einmal deutlich machen, dass ein Imam letztlich nur ein Muslim wie jeder andere sei. „Ein Imam ist in dieser Nacht nur ein Imam, weil er vor der Gemeinde vorbetet und vor dem Gebet eine Predigt hält, über diese Nacht. Nachdem er zuhause angekommen ist, ist ein Imam kein Imam mehr, sondern er ist ein Individuum vor Allah, vor Gott. Auch ein Imam muss um Vergebung bitten.“

Auch nach der Moschee weiter zu Gott beten

Nach den Gebeten in der Moschee haben die Muslime dann zu Hause die Gelegenheit, bis vor Sonnenaufgang ihre Fürbitten an Gott zu richten. Um die ganze Nacht durchzuhalten, ist es üblich, dies mit anderen zusammen zu tun. „Das ist zur Tradition geworden. Wir treffen uns direkt nach der Moschee mit Freunden, um uns direkt zu motivieren und bis zum Morgen durchzuziehen. Denn wie sagen die Christen? Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Deshalb musst du durchziehen, damit dir am Ende auch wirklich vergeben werden kann.“