Eine Frau vor einem Kuppel einer Moschee - reuters

Während die von patriarchalen Traditionen abweichenden Äußerungen des islamischen Gelehrten und Predigers Fethullah Gülen gerade vor dem Hintergrund der Diskussionen um die „Frau im Islam“, einem stark umstrittenen Thema, für positive (aus konservativer Sicht hingegen durchaus negative) Überraschungen sorgen, wird Gülen in anderen Abhandlungen als nahezu frauenfeindlich dargestellt.

Nachfolgend finden sich fokussiert auf den letzteren Vorwurf Aspekte, die zeigen, warum dieser Vorwurf besonders fragwürdig ist. Klar ist, dass sich der Fokus Gülens hinsichtlich der Frau durchaus verlagert hat, ebenso klar ist jedoch, dass eine genauere Analyse seines vermeintlichen Frauenbildes und dessen Wahrnehmung, wie sie stark durch die Medien geprägt und auch verzerrt wird, dringend notwendig ist.

Das Ideal: Die Frau als Staatsoberhaupt

Gülen betont in seinen Äußerungen, Frauen könnten in der Gesellschaft „nahezu alle Rollen übernehmen“ (vgl. v.a. FAZ-Interview von Rainer Hermann: Islam und Moderne stehen nicht im Widerspruch). Als Beispiel für Tätigkeitsbereiche, die besondere Führungsqualitäten und höchste Verantwortung erfordern, erwähnt er in diesem Zusammenhang den Beruf des Richters und des Staatsoberhaupts. Zwar seien die „Natur“ und „religiösen Empfindlichkeiten“ der Frau zu beachten, er streitet aber ab, die Rolle der Frau jemals auf häusliche Tätigkeiten und das Großziehen der Kinder beschränkt zu haben.

In seinen Äußerungen fällt stets u.a. der Rekurs auf Aischa, die Ehefrau des Propheten Muhammad. Sie sei ein gutes Beispiel in der Geschichte des Islam für eine Frau, die sehr viel bewegt hat. Während sie auf der einen Seite Anführerin von Heeren war, gilt sie dank ihrer herausragenden Intelligenz und Auffassungsgabe zugleich als eine der bedeutendsten Übermittler der Aussprüche des Propheten (Hadithe), die neben dem Koran zur Hauptquelle islamischer Lebenspraxis gehören.

Doch die Existenz solcher Frauen dürfe nicht zu einer allgemeinen Erwartung führen: Aufgrund körperlicher und psychischer Unterschiede zwischen Mann und Frau sei nicht von jeder Frau zu erwarten, dass sie die gleichen Tätigkeiten verrichten kann und soll wie der Mann – und umgekehrt gelte dasselbe Prinzip. Es sei ein Unrecht einer Frau gegenüber, Dinge von ihr zu erwarten, die nicht ihrer Natur entsprechen und sie körperlich wie seelisch überfordern. Der Akzent liegt bei Gülen demnach auf Anerkennung und Wertschätzung der Besonderheiten des anderen Geschlechts, nicht auf dessen vermeintlicher Unter- oder Überlegenheit.

Und wenn der Mann einmal zuschlägt…

Frauen und Männer seien mit Gülen „zwei verschiedene Gesichter der absoluten Wahrheit“. Ähnlich wie beim „Ineinandergreifen der Zähne von Zahnrädern“, so Gülen, bilden sie erst gemeinsam eine Einheit: „Durch Verständigung, Arbeitsteilung und gegenseitige Unterstützung bringen sie ein einwandfrei funktionierendes System zu Stande“, heißt es weiter im Sinne einer differenzierten Herangehensweise.

Viele Beobachter sind auch überrascht von Gülens Antwort auf die Frage, was er einer Frau als Reaktion auf Gewalt in der Ehe empfehlen würde: Er würde ihr zur Scheidung raten, insbesondere wenn sie keine Kinder habe; sie müsse Gewalt in der Ehe nicht erdulden (Ahmet Kurucan: Aile içi şiddet üzerine zarûri açıklamalar, (Notwendige Antworten auf Gewalt innerhalb der Familie), erschienen in ZAMAN am 16.11.2008).

Er betont, dass man im Leben des Propheten und seiner Gefährten auf keinen einzigen Fall von Gewalt gegen Frauen stoßen würde. Zudem schlägt er Frauen sogar vor, Selbstverteidigungskurse in Judo, Karate oder Taekwondo zu besuchen: „Wenn der Ehemann sie überfällt und einmal zuschlägt, soll sie zweimal zurückschlagen“. Denn eines sei sicher: „Das Schlagen ist ein ungerechtfertigter Angriff und eine Straftat. Sich dieses Angriffs durch Selbstverteidigung zu erwehren, ist ein gutes Recht, das jedem zusteht.“

Andererseits distanziert sich Gülen aber auch von feministischen Denkweisen ganz deutlich. Von den anfänglichen Bestrebungen der feministischen Bewegungen, sich für die Rechte der Frauen einzusetzen und diese einzufordern, habe diese sich längst entfernt und stattdessen angefangen, eine männerfeindliche und destruktive Linie einzuschlagen. Die Feministinnen haben „inzwischen ihr Ziel verfehlt“, heißt es bei Gülen.

„Heldin der Barmherzigkeit“

Als „Heldin der Barmherzigkeit“ bezeichnet Gülen die Frau, wenn von ihren erzieherischen und umsorgenden Qualitäten die Rede ist. Mit dieser besonderen Eignung und Ausstattung halte sie das Werkzeug in Händen, das einer optimalen Fürsorge für ein Kind zugutekomme (wenn auch Gülen bemerkt, dass es sicherlich Ausnahmen gibt). Dabei geht es Gülen nicht, wie Kritiker annehmen, um eine Verbannung der Frau in die häuslichen Tätigkeiten, sondern um eine besondere Würdigung dieser Tätigkeiten, wie Frauen sie in hohem Maße übernehmen. Dies zu tun liege auch in der natürlichen Beschaffenheit der Frau und sei eine besondere, zusätzliche Stärke, die ausdrückliche Anerkennung verdiene. Rein religiös gesehen sei die Frau im Islam sonst nicht einmal dazu verpflichtet, ihr Kind zu stillen, merkt Gülen an.

Warum ist die Lage der Frauen in islamischen Ländern trotzdem so schlecht?

Was die Menschenrechte anbelangt, könne Gülen zufolge dem Islam kein Vorwurf gemacht werden – man denke an die Anfänge des Islam in einer Zeit, in der Väter aus Scham ihre Töchter lebendigen Leibes begruben, und in der Frauen erst mit der Verkündung des Islam als Menschen anerkannt und ihre Rechte zugebilligt bekamen.

Das negative Image der Frauendebatte im islamischen Diskurs habe mit Gülen nicht der Islam zu verantworten, sondern allein die Muslime, welche die Rolle der Frauen in der Gesellschaft und ihren Handlungsspielraum einschränkten. Ein Blick auf die jeweiligen zeitlichen und staatspolitischen Hintergründe sei notwendig, um diese Art der Praktiken, die im Widerspruch zu den Grundwerten des Islam stehen, einzuordnen: „Muslime unterschiedlicher Völker hatten ihren historischen Erfahrungsschatz mit dem Kleid des Islam gekleidet, sie präsentierten ihre Gewohnheiten und Traditionen, als gehörten sie zu den Grundlagen der Religion“, so Gülen.

„Das gewünschte Niveau ist noch nicht erreicht“

Auch ein Blick auf die Situation der Frauen in der Hizmet-Bewegung bietet sich an, um das Gesamtbild einigermaßen abzurunden. Die Frauen in der Bewegung sind sehr aktiv, und vor allem auch durch die Frauenvereinigungen werde großartige Arbeit geleistet. Dennoch scheint man sich mit der stärkeren Sichtbarmachung oder dem Sichtbarwerden der Frau in einigen Tätigkeitsbereichen ein wenig schwer zu tun.

Die Besetzung von Führungspositionen durch Frauen ist noch keine Selbstverständlichkeit. Gülen gesteht: „Auch wenn wir im Vergleich zu früher enorme Wege zurückgelegt haben, ist die Partizipation der Frauen in der Gesellschaft und in der Bewegung nicht dort, wo wir sein müssten“; sicherlich ein Faktum, mit dem nicht nur die Bewegung, sondern die modernen Gesellschaften insgesamt gleichermaßen zu kämpfen haben.

Nicht auszumachen ist, dass sich der Fokus Gülens im Laufe der Zeit von der „Frau als Mutter“ stärker in Richtung „Frau als Staatsoberhaupt“ verlagert hat. Es steht offen, ob dies dazu ermuntert, jenes Niveau zu erreichen, das angestrebt ist. Die Vorsitzende des Vorstands im Forum für interkulturellen Dialog zumindest, dessen Ehrenvorsitzender Gülen ist, ist mittlerweile eine tapfere junge Frau – es besteht also Anlass zur Hoffnung.

Autoreninfo: Rukiye Canlı ist Doktorandin an der Universität Siegen und schreibt derzeit ihre Dissertation zum Thema „Medien des Sufismus“. Zugleich ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Stiftung Dialog und Bildung in Gründung, die als Ansprechpartner für Werte und Positionen des Hizmet-Netzwerkes in Deutschland sowie Fethullah Gülen fungiert.