MEINUNG Wie viele andere habe auch ich gestern die ARD-Talkrunde mit Günther Jauch verfolgt. Der Titel „Gewalt in Allahs Namen – wie denken unsere Muslime?“ ließ mich bereits mit dem Schlimmsten rechnen und ich sollte Recht behalten. Bereits nach dem ersten Viertel der Sendung wusste ich nicht, ob ich wütend oder traurig sein sollte. Ich hatte nur einen Gedanken im Kopf: „Wir Muslime sind immer noch nicht in Deutschland angekommen!“

Zu den Gästen der gestrigen Sendung gehörte – wie so oft bei ähnlichen Formaten in der Vergangenheit – CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach sowie Heinz Buschkowsky, Bürgermeister des Berliner Bezirks Neukölln, SPIEGEL-Redakteurin Özlem Gezer, TV-Journalist Stefan Buchen und der „Hassprediger“ Imam Abdul Adhim Kamouss. Dass Herr Kamouss sich als alles andere als ein Hassprediger erwies, schien einigen Gästen nicht zu passen; Buschkowsky bezichtigte ihn gar des „guten Schauspiels“.

Bereits die Einleitung Günther Jauchs zeigte, wie dieser Abend verlaufen würde. „[…] Ganz ehrlich, was geht Ihnen gerade durch den Kopf, wenn Sie in diesen Tagen diesen Mann sehen? Misstrauisch sind Sie ihm womöglich gegenüber und wie ungerecht ist das eventuell…?“ Nein! Warum sollte ich misstrauisch ihm gegenüber sein? Nur weil er einen etwas längeren Bart trägt? Nur weil er einen Turban trägt? Vielleicht geht dieser Mann ja einfach nur mit der neuen „Hipstermode“? Warum bitte musste Jauch solch eine Einleitung nutzen? Warum müssen wir unschuldigen Muslime für die falschen Taten anderer, die im Namen des Islam stattfinden, zur Rechenschaft gezogen werden?

Und hier stimme ich SPIEGEL-Redakteurin Gezer voll und ganz zu: Warum sollten wir versuchen, die Taten anderer wieder gutzumachen? ICH habe niemanden getötet, warum werde ich aber so behandelt, als wäre ich dafür verantwortlich? Meine Religion ist eine friedliche Religion, so wie sie von über 90% der Muslimen praktiziert wird. Warum wird also der geringe Teil, der sich im Namen des Islam falsch verhält, so gerne in den Vordergrund gerückt und die ach so schlechte Seite des Islam betont?

„Muslime hören keine Musik“

Um den Titel der Sendung schien es sich gar nicht mehr zu drehen, es wirkte eher wie eine Hetze gegen den Imam Kamouss. Dass der Imam leugnete, ein Salafist zu sein und nicht NUR in der Neuköllner Al-Nur-Moschee predige, schien man ihm nicht abkaufen zu wollen. Stattdessen zeigte man ein Video mit einer älteren Predigt von ihm. Ich wusste, womit ich zu rechnen hatte.

Selbstverständlich hatte sich die Redaktion eine Stelle ausgesucht, die beweisen sollte, wie sehr die Frau im Islam unterdrückt werde. Mit der Antwort „Ich habe mich weiterentwickelt und predige heute anders. Frauen und Männer sind [im Islam] gleichberechtigt“, hatte Günther Jauch wohl nicht gerechnet.

Auch der Kommentar von Buschkowsky, dass die muslimischen Kinder nicht in Kinos dürften oder keine Musik hörten, weil es „haram“ sei, erschien mir lächerlich. Das ist mit Sicherheit nicht der Regelfall, nur weil solche Fälle gerne in den Medien lanciert werden. Abgesehen davon: Wieso bietet dann beispielsweise Turkish Airlines auf ihren Flügen ein reichhaltiges Musikprogramm an, das unter anderem auch reichhaltige Sufi-Musik umfasst?

Und die Sorge von Herrn Bosbach, nämlich in Deutschland nach der Scharia leben zu müssen, kann ich ihm schon einmal nehmen. Ich habe nicht vor, in Deutschland nach der Scharia zu leben, ich halte mich als deutsche Staatsbürgerin an die Gesetze und wie ich meine Religion für mich auslebe, das ist meine Privatsache und ich denke, so geht es der Mehrheit der Muslimen auch.

Der Muslim muss der Böse sein

Was viele anscheinend immer noch nicht verstehen und was mich ärgert, ist das Phänomen des „Othering“. Diese Angst vor den Muslimen macht mich wütend. Andererseits kann ich es aber auch keinem Übel nehmen, wenn die Medien nur negative Beispiele zeigen. Haben Sie schon einmal Berichte von „guten Muslimen“ im Fernsehen gesehen? Ich nicht und falls doch, ist es leider die Ausnahme.

Nachdem Imam Kamouss immer mehr das andere Bild des Islam zeigte und Moderator Günther Jauch die Kommentare ausgingen, blieb ihm schließlich nichts anderes übrig, als zu sagen: „In der ersten Reihe klatschen immer die gleichen vier Leute für Sie. Haben Sie diese selbst mitgebracht?“ Dass dies alles andere als professionell war, darüber müssen wir uns nicht streiten, es betont aber auch, wie nervös und angespannt Jauch mittlerweile war. Sein Plan, diesen Imam bloßzustellen, schien nicht aufzugehen.

Günther Jauch gehörte eigentlich zu meinen Lieblingsmoderatoren. Vor allem in seiner Show „Wer wird Millionär“ zeigte er sich als eine offene, kulturinteressierte Person, von der ich gestern Abend nichts mehr sah. Er wirkte überfordert und teilweise gelangweilt und als die Sendung zu Ende ging, konnte man seine Erleichterung nicht übersehen.

Der beste Tipp: Glotze aus und auf Menschen zugehen!

Mein Fazit zur gestrigen Show ist: Der Titel hätte nicht „Gewalt in Allahs Namen – wie denken unsere Muslime?“ heißen sollen, sondern stattdessen „Warum wollen wir in Deutschland nur das negative Bild der Muslime sehen?“.

Mein Appell an alle Muslime da draußen: Bitte geht da raus und zeigt unseren nichtmuslimischen Freunden unsere wahre Religion. Meine Religion macht mich zu einem besseren Menschen und nicht umgekehrt. Und mein Appell an alle Nichtmuslime: Bitte nehmt die Berichterstattung der Medien nicht als Maßstab und traut euch, einen Schritt auf die Muslime zuzugehen. Lernt sie kennen und bildet euch schließlich eure eigene Meinung über sie, denn für uns Muslime heißt Islam Frieden…