Der türkische Premier Erdogan in Skopje.

MEINUNG Recep Tayyip Erdoğan ist ohne Zweifel eine starke Führungspersönlichkeit. Er weiß, wie er seine Fähigkeiten auf dem politischen Parkett umzusetzen hat und wie man das Volk beeinflusst. Außerdem gelingt es ihm, Vorwürfe gegen seine Person mit seiner Rhetorik, seinem Charisma und mithilfe der Wählerbindung, die er über die Jahre aufgebaut hat, zu neutralisieren.

Sein Name steht nun im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen erneut auf der Agenda. Höchstwahrscheinlich wird Erdoğan kandidieren und erneut die Stimmen des Volkes auf sich vereinen. Solange es Stammwähler gibt, die selbst bei den Kommunalwahlen in erster Linie Erdoğan und nicht den jeweiligen Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters wählen, ist zu erwarten, dass der Premierminister sich diese Möglichkeit nicht entgehen lässt.

Vor allem Anhänger des politischen Islam setzen dabei Scheuklappen auf und meinen, Erdoğan bedingungslos unterstützen zu müssen. Sobald Erdoğan kritisiert wird oder seine Fehler benannt werden, heißt es: „Für den Wahlsieg Erdoğans haben Bosnien, Palästina und Arakan gebetet“. Die politische Einheit des Islam sei nur unter der Herrschaft Erdoğans möglich und es gebe kein Ziel, welches diesem übergeordnet werden dürfe. Dass eine solch mit einer Prise Schwärmerei verpackte Emotionalisierung bei vielen Menschen für Freudentränen sorgt, ist verständlich. Sie führt jedoch zu Blindheit gegenüber einem zunehmenden Autoritarismus. Zudem wird eine wichtige Frage vernachlässigt: Ist es aus islamischer Sicht richtig, einen Sterblichen so stark in den Fokus zu setzen?

„Falls dies nicht die Offenbarung Gottes ist, widerspreche ich“

Der Prophet Muhammad kann hier als erklärendes Beispiel angeführt werden. Im Laufe seines gesamten Lebens hat er sich darauf konzentriert, den Menschen zuzuhören, sie zu verstehen, Probleme zu lösen und die Menschen partizipieren zu lassen. Selbst seine Gegner bescheinigten ihm Bescheidenheit, Offenheit, Güte und Barmherzigkeit. Vornehmheit, Würde und Höflichkeit waren seine weiteren Eigenschaften, die von Freund und Feind geschätzt wurden.

Seine Weggefährten waren der Überzeugung, dass der Prophet ohne Rechenschaft vor Gott ins Paradies kommen wird. Dennoch widersprachen sie ihm gerade bei politischen Themen, wenn sie dies als notwendig ansahen. Oft begann dann ein Widerspruch mit dem Satz: „Falls dies nicht die Offenbarung Gottes ist, widerspreche ich!“ Der Prophet trat während der Eroberung Mekkas nicht wie ein Eroberer auf, sondern übte sich in Bescheidenheit, indem er sein Haupt auf sein Kamel beugte. Ein wahrer Führer ist jemand, der trotz seiner Siege bescheiden bleibt, Kritik akzeptiert und die Fähigkeit besitzt, Menschen partizipieren zu lassen.

Zu Menschen, die ihn rühmten und in seiner Anwesenheit erzitterten, sagte der Prophet: „Ich bin der Sohn einer Frau, die trockenes Brot aß.“ Damit betonte er seine Bodenständigkeit und Schlichtheit. Die heutigen Muslime aber strengen sich in höchstem Maße an, Erdoğans Unschuld und Unantastbarkeit um jeden Preis unter Beweis zu stellen.

Die Botschaft Muhammads hatte das Ziel, den Autoritarismus der damaligen Gesellschaft abzuschaffen. Das Wirken des Propheten zielte darauf ab, die Herrschaft des Herren über den Sklaven, des Mannes über der Frau, des Älteren über die Jüngeren, des Reichen über die Armen und der menschlichen Gelüste über den spirituellen Geist zu brechen. Wann werden Muslime begreifen, dass sich das Entfernen vom Geiste der göttlichen Offenbarung als die größte Gefahr darstellt?

Sture Parteinahme ist unser Verderben

Die Anhänger des politischen Islam stehen um jeden Preis auf der Seite Erdoğans. Eigentlich müssten sie jedoch die Ersten sein, die seine zunehmende autoritäre Haltung kritisieren und ihr entgegenwirken. Sobald Linksliberale Kritik äußern, stellen die Islamisten auf Verteidigung um. Das entspricht nicht dem Geist der Religion. Selbst die harmloseste Kritik wird heute als Fundamentalopposition aufgefasst. Die Wahrscheinlichkeit, als Linksliberaler richtig verstanden zu werden, ist nicht mehr gegeben. Dennoch ist es unsere Aufgabe, daran zu erinnern, dass trotz Streitigkeiten diejenigen die eigentlichen Gewinner sind, die sich auf die Seite des Rechts stellen.

Das gilt auch für die Mitglieder der Gülen-Gemeinde. Wir sollten uns endlich von sturer Parteinahme befreien! Parteinahme und bedingungslose Führerloyalität sind Krankheiten. Wenn wir nicht aufhören, blind Folge zu leisten, werden wir nie genesen.

Auch das Argument, in einem Land, in dem es Wahlen gäbe, sei es ungerecht, Erdoğan als Diktator zu bezeichnen, ist schief. Ja, es ist richtig. Aber ist es denn so schwer einzusehen, dass zunehmender Autoritarismus in eine Diktatur münden kann?

Auch wenn man eine einfallsreiche, erfolgreiche und bewundernswerte Person ist, sollte man nicht vergessen, dass man durch eine autoritäre Regierungsform für Unfug und Hetze sorgt. Im Westen heißt das Gegenmittel hierzu „Demokratie“. Im Islam „Istisharah“ (Beratung). Es ist Zeit, die Anhänger des politischen Islam zu fragen, ob sie sich an diesen Begriff erinnern können.

Ömer Faruk Gergerlioğlu schreibt für das türkische Nachrichtenportal t24. Der obige Artikel ist eine zusammenfassende Übersetzung des Originals, das am 17.04.2014 veröffentlicht wurde.